Gründungsideen im großen Unternehmen verwirklichen? Viele lehnen das ab. Manfred Tropper erklärt, was für Vorteile das haben kann.

Manfred Tropper ist Wiederholungsgründer. Sein aktuelles Projekt: sein Unternehmen Mantro.net. Hier steht auch die Zusammenarbeit mit Intrapreneuren auf dem Programm. Als Co-Gründer oder Berater hat er zudem seine Finger bei Unternehmen wie GradList, SocialSalesHub oder fleetster im Spiel. Die Münchner Gründerszene ist sein zuhause. Hier initiierte er zudem den Münchner Ableger des „Founder’s Institutes“ und organisiert die Speaker-Serie mit Start-up-Einfluss 12min.me Munich.

WiWo Gründer: Herr Tropper, was sind Intrapreneure?

Manfred Tropper: Zuerst einmal sind es Mitarbeiter eines Unternehmens, die dort allerdings unternehmerisch wirken und außerhalb der gegebenen Prozesse und Richtlinien ihrer Vorgesetzten neue Ideen umsetzen und Dinge voran bringen, obwohl sie eigentlich nicht die Aufgabe haben.

Warum ist das für Unternehmen interessant?

Weil wir in einer Zeit von Effizienzsteigerung, Optimierung und Organisationsberatung den Menschen die Möglichkeit genommen haben, kreativ und unternehmerisch zu wirken. Viele sind nur noch ein kleines Rädchen in einer großen Maschine und damit haben wir Kreativität getötet. Es gibt auf dieser Grundlage keine Weiterentwicklung mehr, sondern nur noch eine Verbesserung des bereits Bestehenden. Aber es reicht heute einfach nicht mehr, immer nur das Gleiche zu machen, denn irgendwo kommt jemand um die Ecke, bekommt auch noch Geld von Venture Capitals und macht etwas auf meinem Markt, woran ich gar nicht gedacht habe. Und wenn das geschieht, wird es schwierig, Marktanteile zu halten.

Und warum sollte ich mich als Mitarbeiter für Intrapreneurship interessieren? Ich würde doch meinen, wenn ich gründungswillig bin und Lust auf neue Ideen habe, dass ich den Schritt besser selber mache – wirklich ins eigene Unternehmen, oder?

Klar, aber genau da unterscheidet sich der Intrapreneur vom Entrepreneur! Da kommt es auf die Risikobereitschaft an: Gehe ich in die richtige Selbstständigkeit oder versuche ich es im sicheren Hafen. Außerdem ist es auch eine Frage der Zielführung. Wenn ich eine neue Idee innerhalb eines großen Unternehmens entwickle, dann habe ich zum Beispiel schon eine große Bestandskundengruppe, die ich ansprechen kann, wodurch sich das Produkt viel schneller in den Markt schicken lässt. Zudem muss ich viele Schritte, die in der frühen Start-up-Phase anfallen, nicht mehr gehen oder sie sind deutlich schneller gemacht. Das ist sehr attraktiv für viele.

Wird denn aus einem guten Intrapreneur auch mal ein richtiger Entrepreneur?

Gegebenenfalls ja, wenn er das möchte. Die meisten Intrepreneuere, die ich kennen gelernt habe, die wollen dann nach ein paar Jahren noch einmal etwas ganz anderes machen – sich neuen Projekten widmen. Das ist vielleicht vergleichbar mit Gründern, die ihre Start-ups nach wenigen Jahren verkaufen und etwas Neues starten. Intrapreneure scheinen also nach einiger Zeit neue Herausforderungen zu suchen – das muss aber nicht unbedingt eine Ausgründung sein.

Was sind denn Risiken, die ein Unternehmen mit Intrapreneuren eingeht?

Es ist insbesondere eine Angst, die Unternehmen haben, wenn es um Intrapreneurship geht: Am Ende macht keiner mehr seinen Job! Es ist die Sorge, jemand wandert mit seinen Ideen zu weit vom Kerngeschäft weg, denkt zu frei und könnte mit seinem erdachten, neuen Geschäftsmodell alte Kunden verprellen. Je mehr Freiheiten ich Menschen lasse, desto mehr brechen sie natürlich aus dem Bestehenden und Bekannten aus. Da entsteht dann auch die Angst, dass die Ideen zu weit gehen könnten und die Risiken schwer abschätzbar sind. So gesehen sind es gar nicht die Risiken selbst, die Unternehmen in Sachen Intrapreneurship im Weg stehen können, sondern die Angst vor den Risiken.

Und was spricht für einen Mitarbeiter dafür und dagegen, den Schritt zum Intrapreneur zu wagen?

Es ist eine Generationen- und Typenfrage. Gute Intrapreneure sind keine Menschen, die ihre dreißig Jahre in einem Großkonzern einfach so absetzen wollen, um dann in Rente zu gehen. Das sind Mitarbeiter, die etwas unzufrieden sind mit ihrer Rolle. Das einzige Risiko, das sie eingehen, ist, dass sie eventuell hinterher das Unternehmen und ihr Umfeld wechseln müssen. Als Intrapreneur kann ich natürlich Menschen verprellen, wenn ich sie vor den Kopf stoße und ihnen aufzeige – das, was ihr da den ganzen Tag macht, bringt uns nicht weiter. Das kann sowohl für die Vorgesetzten als auch die direkten Kollegen, denen ich den Spiegel vorhalte, schwierig sein.

Damit birgt aber ja auch die Arbeit eines Intrapreneurs ein gewisses Risiko. Kritiker des Intrapreneurships sagen gerade deshalb, dass es kein kluges System ist. Denn ich trage ebenso ein Risiko wie ein Gründer, aber ich bin nicht frei, in dem was ich tue…

Das ist richtig, aber das ist eben der Unterschied. Der Entrepreneur entscheidet sich für die vollkommene Freiheit – obwohl man das auch einschränken muss, wenn man an das Mitspracherecht etwa von Investoren denkt. Der Intrapreneur hat aber eben ein gewisses größeres Sicherheitsbedürfnis. Er steht nämlich eben doch nicht ganz alleine da. Und trotzdem hat er eine lebendige Begeisterung für neue Entwicklungen – auch innerhalb einer großen Organisation. Ich würde nicht sagen, dass diese mangelnde Freiheit die Kreativität an dieser Stelle einschränkt. Ein Intrapreneur hat gegenüber einem Entrepreneur vor allem den Vorteil, dass er sich politisch besser verhält. Er gehört eben einer größeren Organisation an und muss sich in einem politischen Umfeld bewegen und ich würde sagen, ein Intrapreneur ist deshalb sogar ein Stück weit besser, als ein Entrepreneur, wenn es um politische Spielchen geht. Er weiß besser, wann er mit wem reden muss und wie die Strömung ist.

Ist es also auch eine Typfrage, ob ich mich zum Intrapreneur eigne?

Absolut. Genauso wie wenn ich nach meinem Studium überlege, ob ich in ein gesichertes Umfeld eines großen Konzerns gehe oder mein eigenes Unternehmen gründe – vielleicht schon während des Studiums. Bei dem Intrapreneur geht es um die Frage, ob er sich in der effizient durchorganisierten Hierarchie wohlfühlt oder will er da ausbrechen, indem er die Organisation von innen weiterentwickelt. Jemand, der zufrieden mit dem ist, was er macht, der wird nicht den signifikanten Unterschied machen – derjenige wird kein Intrapreneur.

Der Begriff des Intrapreneurs ist ja schon fast 50 Jahre alt. Gerade jetzt ist er aber häufiger Thema und wird mehr diskutiert. Warum?

Ich glaube, das ist eine Folge der Marktveränderung. Die Märkte verändern sich rasant und es reicht einfach nicht mehr aus, einfach nur der Effizienteste auf dem Markt zu sein. Unternehmen müssen viel schneller auf Kundenbedürfnisse reagieren und man muss Kreativität im eigenen Unternehmen schaffen. Außerdem ist es en vogue selbst zu gründen. Kreative, gute Mitarbeiter zu bekommen wird so zunehmend schwerer, weil es eben zunehmend einfacher erscheint selbst ein Start-up zu gründen und es gibt viele Programme und Accelerator, bei denen man vergleichsweise leicht an Geld kommt, um eine Idee auszuprobieren. Die Leute, die das versuchen, sind genau diejenigen, die früher eine besondere Rolle in den Unternehmen gespielt haben. Von denen haben sich früher viele nicht für die Selbstständigkeit, sondern den klassischen Weg in ein Unternehmen entschieden und es ist eine große Herausforderung für Unternehmen an diese Menschen heute noch heranzukommen. Ich glaube, dass das Thema gerade so aktuell ist, liegt deshalb daran, dass die Unternehmen sehen, dass dies ein Weg sein könnte, den unternehmerischen Geist von Mitarbeitern zuzulassen und zu fördern, um selbst voranzukommen, indem ich meine eigene Produktentwicklung und Unternehmenskreativität steigere und für junge, kreative Menschen attraktiver werde.

Wird das in den nächsten Jahren auch die Gründerszene verändern?

Ich glaube nicht, dass es nachhaltige Auswirkungen auf die Gründerszene haben wird, denn dafür ist die Gründerszene nun zu stark. Gott sei Dank, existiert eine solche mittlerweile und es ist großartig, dass Universitäten und staatliche Institutionen – etwa durch Gründerzentren – die Start-up-Szene fördern. Was aber spannend werden könnte, ist die Veränderung durch die Start-up-Mentalität in den Unternehmen: Die Idee, wieder schlank zu agieren, und die Methodik der Start-up- und Gründerwelt zu adaptieren, bietet ein wahnsinniges Potenzial für Kooperationen zwischen Start-ups und Intrapreneuren in gestandenen Unternehmen. Denn wenn die Start-ups auch erkennen, dass Intrapreneure die ideale Komponente zwischen Unternehmen und Gründern sein können – als Partner für kreatives Netzwerken – dann können auch Start-ups vom Intrapreneurship profitieren.