Auf einer Gründerkonferenz in Leipzig ging es um das Internet der Dinge. Wenn IoT-Start-ups erfolgreich sein wollen, dürfen sie keine Nerd-Spielereien anbieten, sondern müssen Alltagsprobleme lösen.

Von Katharina-Luise Kittler

Auch ohne den Abgasskandal bei VW ist klar, dass sich die Autoindustrie massiv verändern muss. Während es in der Vergangenheit auf den Motor und die PS-Zahl eines Autos ankam, achten Käufer heute vor allem darauf, wie sich das Auto zum Beispiel mit dem Handy verbinden lässt. „Seit es das iPhone gibt, hat sich auch die Autobranche stark verändert“, sagt Alexander Ruhland von IBM Deutschland während seines Vortrags auf der Accelerate@HHL Konferenz. „Moderne Autos sind Computer auf Rädern“, sagt Ruhland.

Mittlerweile sei das eigene Auto auch nur noch eine Transportform und besonders junge Leute würden zwischen Car Sharing, eigenem Auto und öffentlichen Verkehrsmitteln wechseln. „Diese Entwicklung ist auf IoT-Ideen zurückzuführen, von der die Autobauer auch künftig stark beeinflusst werden“, sagt Ruhland. Eine Kooperation zwischen den etablierten Herstellern, wie BMW oder VW, mit Google oder Apple werde der nächste Schritt in Richtung Smart Car sein.

Die Vernetzung von immer mehr Alltagsgegenständen wird die Wirtschaft in den kommenden Jahren prägen. Denn das Internet of Things (IoT) kann ganz neue Geschäftsmodelle hervorbringen, entscheidend dabei ist jedoch, dass daraus mehr wird als eine Spielerei, wie die Steuerung des Ofens über das Handy. Wann und wie kann IoT tatsächlich Probleme im Alltag lösen? Und welche Rolle spielen Start-ups dabei? Diese Fragen diskutierten am vergangenen Wochenende Unternehmer, Start-ups, Investoren und Studenten in Leipzig auf der diesjährigen Accelerate@HHL Konferenz.

Theorie und Praxis miteinander verbinden

Organisiert wurde die Veranstaltung von Management-Studenten der HHL. „Wir haben uns für das Thema IoT entschieden, weil wir konkret über Verbesserungen im Alltag sprechen wollten“, sagt Benjamin Kühl, Masterstudent an der HHL und einer der Hauptorganisatoren der Konferenz. „Wir wollten greifbare Ideen in den Mittelpunkt stellen, wie zum Beispiel die Vernetzung des eigenen Zuhauses und in diesem Zusammenhang Start-ups mit Unternehmern und Investoren zusammenbringen“, sagt der 24-Jährige. Er studiert Management mit Schwerpunkt Entrepreneurship an der HHL und kann sich vorstellen in Zukunft auch selbst ein Unternehmen zu gründen.

„Entrepreneurship ist ein wichtiger Bestandteil des MA-Studiums an der HHL“, sagt Christina Koch, die am Konferenztag für die Betreuung der Vortragenden zuständig ist. „Dennoch kann die Theorie niemals die Praxis ersetzen“, so die 25-Jährige. Zwar schätze sie die Seminare, in denen sie lernt eines Businessplan zu schreiben, aber die wertvolleren Erfahrungen hat die Studentin während zwei Praktika bei Start-ups gelernt. „Mit der Konferenz möchten wir Theorie und Praxis miteinander verbinden und Studenten die Möglichkeit bieten ihre Gründungsidee zu konkretisieren und sich ein Netzwerk aufzubauen“, sagt Koch.

Smart-Home-Software kann nervende Alltagsprobleme lösen

Neue Kontakte knüpfen und über IoT-Ideen zu sprechen, war auch das Ziel von Thomas Eichstädt-Engelen, CTO von neusta next. Der Informatiker arbeitet seit März bei dem Start-up, das Smart-Home-Lösungen anbietet. Doch wie andere aus der Branche sieht er sich dabei oft mit einem Vorurteil konfrontiert: „Smart Home ist was für Nerds und löst Probleme, die niemand hat“, sagt Eichstädt-Engelen. Dabei könne Smart-Home-Software durchaus nervende Alltagsprobleme lösen.

„Denken Sie nur an die Lichter am Weihnachtsbaum und wie sie die anschalten, wenn der Schalter irgendwo hinten im Baum ist“, erklärt Eichstädt-Engelen. Die Lösung wäre, dass man die Lichter über das Handy anschalten kann. „Aber wir möchten noch einen Schritt weitergehen und die Software so programmieren, dass die Lichter von allein wissen, wann sie sich an- und ausschalten sollen“, sagt Eichstädt-Engelen. Diese Software soll alle elektrischen Geräte des Hauses miteinander verbinden und kann zum Beispiel auch dafür sorgen, dass sich ein Ofen selbst ausschaltet, wenn in der Küche keine Bewegung mehr registriert wird. Doch bis sich diese Ideen in den deutschen Haushalten etablieren, müssen IoT-Unternehmen noch einige Probleme lösen.

Eine der größten Herausforderungen ist dabei die Frage der Interoperabilität. In den meisten Fällen funktionieren Geräte mit unterschiedlichen Softwares und dass alle Geräte miteinander kompatibel sind, setzt eine gemeinsame Sprache voraus. „Doch jeder möchte dabei seine eigenen Standards setzen“, sagt Eichstädt-Engelen. Vor allem Unternehmen wie Apple und Google würden in dieser Frage sehr selbstbewusst auftreten. Eine zweite Herausforderung ist Datensicherheit. IoT-Unternehmen, die an Smart Cars oder Smart Homes arbeiten, sammeln Unmengen an Daten, die sie für die Vernetzung benötigen.

Deshalb stand auf der Accelerate@HHL Konferenz auch ein Panel unter dem Thema Datensicherheit und Ethik. „Das Internet of Things ist erst der Anfang“, stellte Fabian Westerheide von Asgard Capital fest. „Bald werden wir vom Internet of Everything sprechen.“ Die Panelisten waren sich einig, dass diese Entwicklung nicht immer nur positive Konsequenzen hat. „Wir müssen bedenken, dass der Datenschutz in Deutschland geregelt ist, aber Richtlinien für IoT-Unternehmen gibt es noch nicht“, stellte Dennis Kenji-Kipker, von der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz fest. „Das Recht folgt immer der Technologie und nicht umgekehrt“, sagt der Anwalt. Künftig werde man vor allem in der IoT-Branche damit beschäftigt sein geeignete Regulierungen für neue Unternehmensmodelle zu finden.

Das Thema Sicherheit wurde auch im Zusammenhang mit Smart Homes diskutiert. „Ich kann die Tür zu meinem Arbeitsplatz mithilfe einer App öffnen“, erzählt Konferenzteilnehmerin Yingxi Chen. Die 25-jährige Chinesin studiert Life Science an der TU München und hat ein großes Interesse an digitalen Themen. Sie sieht die Entwicklung der IoT-Branche jedoch auch kritisch. „Ich habe das Gefühl das IoT momentan ein großer Trend ist und ich weiß nicht, wie lang er noch anhalten wird“, sagt die Studentin. „Die Ideen sind spannend, aber oft können sie nur schwer umgesetzt und tatsächlich in den Alltag integriert werden.“

Das sieht Josephine Kühl anders. Sie studiert BWL im Master an der LMU in München und hat sich während ihres Studiums bereits intensiv mit IoT beschäftigt. „Alltagsgegenstände können mit IoT-Ideen aufgewertet werden und unser Leben nochmal ganz anders prägen“, sagt die 23-Jährige. Die Branche würde viel Potential bieten. „Ich möchte selbst in dem Bereich etwas gründen und den Alltag der Menschen positiv verändern“, sagt die Studentin. Damit hat die Accelerate@HHL Konferenz ein Ziel erreicht: Studenten, die ein Start-up gründen wollen, mit Experten und Investoren zusammenbringen. Auch wenn IoT vielleicht nur ein kurzweiliger Trend ist.