Der Elektrotechnik-Spezialist Phoenix Contact hat ein Start-up ins Leben gerufen. Mit Company Builder Mantro fokussiert man auf eine lukrative Nische des Seminargeschäfts – und testet eine neue Spielart der Innovationsentwicklung.

Eine Arbeitsschutz-Schulung rund um den Gabelstapler. Basiswissen für den Umgang mit Wellpappe. Oder eine Weiterbildung zur Fachkraft für 3D-Drucktechnologien. Die Seminare auf der frisch gestarteten Weiterbildungsplattform Ind.Academy sind nicht für jeden etwas. Von einigen werden sie jedoch händeringend gesucht: Das Start-up baut auf seiner Webseite einen Katalog an Fortbildungen für Industriebeschäftigte auf. „Wenn man im technischen Bereich sucht, kann es 14 Klicks benötigen, bis man zu einer Seminarbuchung gekommen ist“, berichtet Ind.Academy-Geschäftsführer Aaron Overmeyer.

Die digitale Plattform soll den Alltag von Produktionsleitern oder Ausbildern einfacher machen, die Pflicht- oder notwendige Fortbildungen für ihre Mitarbeiter organisieren. Deren Wünsche waren klar, berichtet Overmeyer aus der Marktforschung: „Zum einen sollte das Wissen gebündelt zur Verfügung stehen. Und zum anderen wollten sie eine zentrale Abrechnung, auch bei verschiedenen Anbietern.“

Kooperation von Phoenix Contact und Mantro

Das junge Unternehmen fängt dabei nicht auf der grünen Wiese an. Hinter der Ind.Academy stehen der Company Builder Mantro aus München sowie der mittelständische Elektrotechnikspezialist Phoenix Contact mit Hauptsitz in Ostwestfalen. Wie sich die Anteile unter den beiden Gründungsgesellschaftern verteilen, wollen die Beteiligten nicht verraten. Auch nicht, wie viel Kapital dem Start-up zum Aufbau zur Verfügung steht. Im Moment treibt ein etwa fünfköpfiges Team das Thema voran.

Klar ist jedoch: Das grundsätzliche Marktpotenzial ist da. „Der Bedarf an digitalen Weiterbildungslösungen ist nicht nur bei Phoenix Contact, sondern in der gesamten Industrie sehr groß“, sagt Andreas Rau, Leiter des Geschäftsbereiches Corporate Development & New Business bei Phoenix Contact. Alleine die Metall- und Elektroindustrie investierte 2018 insgesamt 4,2 Milliarden Euro in Weiterbildungsmaßnahmen, wie das IW Köln berichtet. Fast alle Betriebe buchten dabei Kurse bei externen Anbietern.

Die Plattform muss erst wachsen

Diese Anbieter muss Ind.Academy jetzt überzeugen. „Eine Plattform hat erst dann Wumms, wenn sie viele Inhalte bietet – da müssen wir uns als Start-up erst einmal beweisen“, sagt Overmeyer. Im Moment sind 16 Angebote von fünf verschiedenen Anbietern, die digital gebucht werden können. Darunter ist mit der Akademie des Tüv Süd bereits ein Schwergewicht des Weiterbildungsmarktes.

Zukünftig könnten auch kleinere Anbieter dazukommen – etwa Industrieunternehmen, die rund um Zukunftsthemen oder eigene Produkte selbst Kurse entwickeln. Über die Plattform könnten sie die dann auch breiter vermarkten. Mitgründer Phoenix Contact bietet etwa einen einstündigen Kurs zum Thema „Industrial Security“ an.

Parallel dazu müssen nun die potenziellen Nutzer für die Plattform gewonnen werden. Konkurrenz ist vorhanden: Neben den Seminaranbietern selbst sind es auch Branchenverbände oder IHKs. Und auch digital gibt es verwandte Anwendungen: Maschinenbauer Trumpf beteiligte sich im vergangenen Jahr an der Weiterbildungsplattform Peers Solution – dort steht das Thema Industrie jedoch nicht so explizit im Fokus. Ind.Academy setzt bei der Kundengewinnung nun auf den klassischen Vertrieb. Und hofft auch hier auf das enge Industrie-Netzwerk von Phoenix Contact.

Elektro-Spezialist schielt auf neue Märkte

Der Elektrotechnikspezialist sieht das Engagement als eine Möglichkeit, ganz neue Märkte zu erschließen. Das 1923 gegründete Unternehmen macht heute mit mehr als 17.000 Mitarbeitern fast 2,5 Milliarden Euro Umsatz. „E-Learning hat erst einmal nichts mit unserem Kerngeschäft zu tun“, sagt Rau. „Aber wir haben erkannt, dass Lehre und einfacher Zugang zu Industrie-Know-how für die Industrie ein spannendes Geschäftsmodell sind.“ In den vergangenen Jahren hat sich das Traditionsunternehmen vorsichtig der Start-up-Welt angenähert. Beispielseise durch das Zusammentreffen mit jungen Digital-Unternehmen im Rahmen von Hackathons. Zudem hat sich Phoenix Geld für die Fonds des High-Tech-Gründerfonds beigesteuert. Und vereinzelt hat eine hauseigene Wagniskapitalgesellschaft auch direkt in Start-ups investiert – die waren in der Regel näher dran am traditionellen Geschäft.

Jetzt also die Zusammenarbeit mit einem Company Builder. Agenturen wie Mantro helfen Unternehmen beim Entwickeln und Skalieren einer Geschäftsidee, oft bringen sie zudem die dringend benötigten IT-Kenntnisse mit. Im Gegenzug fließen je nach Geschäftsmodell entweder Projekthonorare oder Anteile an den gemeinsam gegründeten Start-ups. Mantro hatte zuletzt etwa mit Kooperationen mit Audi oder einer Thyssen-Krupp-Sparte auf sich aufmerksam gemacht. Für Phoenix-Contact-Innovator Rau soll die Kooperation wertvolle Erfahrungen bringen: „Es ist für uns gut zu verstehen, wie ein Company Builder funktioniert – wie man durch exploratives Vorgehen neue Geschäfte aufbaut.“