Die Konsumentenmesse IFA dreht sich nicht nur um hochauflösende Fernseher, sondern auch um Start-ups.

Berlin. Selbst in der Start-up-Halle bilden Jan Schönfeld und Thomas Tillmann mit ihrer Idee eine Ausnahme. Während rings um sie herum das vernetzte Zuhause oder 3D-Druck angepriesen wird, sprechen die beiden Gründer auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) über Lehrer und Lernen, Bildung und starre Strukturen.

Mit ihrem Lern-Netzwerk Rangerize, auf dem jeder kostenlos Kurse anbieten und belegen kann, zählen sie nicht zum typischen Aussteller der Konsumentenmesse, der eher große, hochauflösende Fernseher und Haushaltsgeräte präsentiert. „An und für sich verirrt sich hier kein User hin“, sagt Tillmann. „Der typische Messebesucher bleibt eher vorne bei den Samsung-Geräten stehen.“ Trotzdem zeigen sich der frühere Lehrer Schönfeld und der Bildungsberater Tillmann mit dem Interesse zufrieden: Insgesamt 20 bis 25 „wirklich gute“ Gespräche und Diskussionen hätten sie geführt, mit Fachbesuchern, die sich konkret über ihre Idee informieren wollten.

„Nicht das Thema, das man auf der IFA vermuten würde“

Im Rahmen der „Start-up Days“ bietet die IFA auch jungen Unternehmen die Möglichkeit, ihr Konzept den Konsumenten und Fachbesuchern vorzustellen. Vom 05. bis zum 09. September dürfen jeden Tag zehn Start-ups ihre Ideen zu einem bestimmten Thema in zehnminütigen Vorträgen in Halle 11.1 vorstellen; ein Panel soll zudem einen generellen Einblick in den jeweiligen Markt und die Herausforderungen geben. Am Samstag ging es beispielsweise um Smart Homes, am Sonntag um das Internet der Dinge und 3D-Druck, am Montag liegt der Schwerpunkt auf Education Technology, kurz Edtech (nicht zu verwechseln mit Adtech).

Rangerize ist dementsprechend auch nicht das einzige Start-up, das sich auf der IFA mit seinem Konzept vom digitalen Lernen präsentieren darf. Von Lernspielen für Kinder bis hin zu Coaching für Führungskräfte zeigt sich eine ganze Palette an Ideen. Mit Edtech hat der Bundesverband Deutscher Start-ups (BVDS) am Montag bewusst einen Fokus auf Bildungsthemen gelegt. „Es ist sicher nicht unbedingt das Thema, das man auf der IFA vermuten würde“, sagt Hannes Klöpper, ein Sprecher der Fachgruppe Edtech im BVDS und Gründer des Hochschul-Start-ups Iversity. Dabei sei der Bereich Bildung ein Wachstumsmarkt.

Das belegen auch die Zahlen: Im Jahr 2014 investierten Kapitalgeber nach Angaben von CB Insights knapp 1,9 Milliarden Dollar in Edtech-Unternehmen – ein neuer Höchststand. Der Markt ist damit aber nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft: Das 2008 gegründete US-Edtech-Unternehmen Knewton beziffert den Wert der Industrie auf sieben Trillionen US-Dollar.

Trotz dieses Potenzials hat der Markt in Deutschland noch einen schweren Stand, nicht zuletzt, weil sich Bildung hierzulande in den einzelnen Bundesländern stark unterscheidet. „Es ist einer harter Job, in den Bildungsmarkt hier einzutreten“, sagt Sven Ripsas, Professor für Entrepreneurship an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, in seinem Vortrag. „Nur weil du erfolgreich in Baden-Württemberg bist, heißt das noch nicht, dass du auch in Sachsen erfolgreich sein wirst.“

Probleme bei der Finanzierung

Das Problem liegt auch in der Lehrerausbildung. „Wir hören häufig: ‚Wir würden Ihr Produkt gerne einsetzen, aber wir wissen nicht, wie“, sagt Julia Behrens, Projektmanagerin der Bertelsmann Stiftung. Das macht es gerade für Start-ups schwierig, Kunden zu gewinnen. Behrens fordert auf der Podiumsdiskussion auf der IFA daher, dass in der Aus- und Fortbildung der Lehrer mehr digitale Inhalte vorkommen.

Doch selbst wenn das passieren sollte, fehlt das Geld, merkt Klöpper an. Er kritisiert, dass Investoren Millionen in Lieferdienste und E-Commerce stecken, aber „für Innovationen, die einen mehrere Jahre langen Atem brauchen“, gebe es kaum Gelder. „Was wirkliche Innovationsthemen angeht, ist es besonders schwer, Finanzierung zu bekommen“, so der Gründer von Iversity, einer Plattform für Online-Kurse an Universitäten.

In den USA erhält das Thema bereits mehr Aufmerksamkeit, wie das Beispiel von Knewton zeigt: „Aus der Investitionsperspektive gesehen haben alle Edtech-Start-ups in Deutschland nicht so viel Geld eingenommen wie Knewton“, so Klöpper. Knewton erhielt in fünf Finanzierungsrunden insgesamt 105 Millionen US-Dollar. Von solchen Summen können deutsche Edtech-Start-ups nur träumen. Zum Vergleich: Iversity zählt mit eingesammeltem Risikokapital von bisher fünf Millionen Euro schon zu den Spitzenreitern junger Bildungsunternehmen hierzulande.

Eine Werbefläche für das Thema

Die IFA soll den Start-ups aus dem Edtech-Bereich nun zumindest eine kleine Werbefläche bieten. „Die IFA hat einen unglaublichen Wert in der Außenwerbung“, sagt Christian Tegge vom BVDS. Die Start-ups bekämen die Möglichkeit, die Videos von der Veranstaltung auf ihrer Webseite hochzuladen und damit Präsenz zu zeigen.

Dass am Ende nicht jeder Besucher die Start-ups in Halle 11.1 überhaupt bemerkt hat, fällt dann auch weniger ins Gewicht.