Das Münchner Start-up Icaros hat ein Gerät entwickelt, auf dem sich Spieler mit Virtual-Reality-Brillen fühlen, als würden sie fliegen. Benutzer feiern das Produkt – doch Investoren sind skeptisch.

In der griechischen Mythologie war Ikarus ein tragischer Held. Sein Vater Dädalus baute ihm aus Federn, Holz und Wachs ein Gestänge, mit dem er fliegen konnte wie ein Vogel. Doch der Sohn flog zu hoch, immer Richtung Sonne, bis das Wachs wegen der Hitze schmolz. Ikarus stürzte vom Himmel hinab ins Meer und starb.

Glücklicherweise muss diese Gefahr niemand fürchten, der den Flugsimulator Icaros des gleichnamigen Münchner Start-ups ausprobiert. Die Maschine bleibt auf dem Boden, der Mensch liegt horizontal. Abgestützt auf Oberschenkeln und Unterarmen liegt man auf einem Metallgestell, das sich in alle Richtungen bewegen lässt und mit Sensoren ausgestattet ist.

Der Spieler fühlt sich, als ob er an einem Flugdrachen hängt, denn über eine Virtual-Reality-Brille sieht er ein Bergpanorama von oben. Mit dem ganzen Körper muss er die Flugbewegungen ausbalancieren und kann per Knopfdruck mit dem Finger Drohnen abschießen in der virtuellen Welt.

Die Geschichte für dieses ungewöhnliche Start-up begann 2011: Der angehende Industriedesigner Johannes Scholl hatte sich für seine Diplomarbeit ein Sportgerät vorgenommen. „Ich wollte etwas für Leute entwickeln, die Geräte in klassischen Fitnesscentern langweilig finden“, sagt Scholl. Zu dieser Zeit war er Praktikant im Münchener Design-Studio Hyve, beim Herumspinnen mit dessen Chef Michael Schmidt entstand die Idee: Man müsste damit fliegen können. Das Projekt reifte, 2015 gründeten Scholl und Schmidt die Icaros GmbH.

Auf der Sportmesse Ispo wurde es Anfang dieses Jahres als beste Neuheit ausgezeichnet, das Medieninteresse war riesig – auch bei der WirtschaftsWoche. Die ersten Aufträge ließen nicht lange auf sich warten. 58 Geräte hat Icaros seit April 2016 verkauft, sagt Mitgründer Michael Schmidt. Den Preis von bis zu 10.000 Euro bezahlten bisher ausschließlich Geschäftskunden. Unternehmen wie MediaMarkt, Samsung, Telekom, Lufthansa oder Red Bull stehen auf Icaros’ Referenzliste.

Ob diese Kunden das Gerät aber wirklich als Fitnessgerät sehen, ist fraglich. Ingo Froböse, Leiter des Gesundheitszentrums an der Deutschen Sporthochschule Köln, hat Icaros ausprobiert und fällt ein klares Urteil: „Es ist kein Trainingsgerät, das wird es auch nie sein.“ In der Fitnessbranche werde es sich nicht durchsetzen, denn die körperlichen Anstrengungen seien zu gering, sagt der Sportwissenschaftler. Ihm fehlt die direkte, starke Ansprache von Muskeln, erst dann sei es für ihn „Training“. Allerdings traut er Icaros zu, als Spielgerät erfolgreich zu sein – etwa „in Hotels in Skigebieten, wo die Gäste per Virtual Reality durch die Berge fliegen könnten“. Außerdem läuft an der Sporthochschule in Köln gerade ein Projekt, das die Trainingsmöglichkeiten des Icaros erforscht.
Neulich habe sich ein großer chinesischer Maschinenbauer für das Produkt interessiert, erzählt Michael Schmidt. Er hat den Auftrag jedoch nicht angenommen, weil er Angst hatte, dass die Firma seine Maschine nachbauen und kopieren wollte. „Wenn ich ehrlich bin“, sagt er, „macht mich das etwas nervös“. Vorsorglich hat er in den USA, Japan und China bereits Patente angemeldet. Im kommenden Jahr wollen die beiden Gründer auch eine abgespeckte Version des Gerätes für Privatkunden entwickeln, sie soll rund 3000 Euro kosten.

Finanziell gesehen scheint es bei Icaros derzeit keine Gefahr zu geben, dass sie zu hoch fliegen und abstürzen. Denn vor einem Monat habe das Start-up die Gewinnschwelle überschritten, erzählt Michael Schmidt. Jene 300.000 Euro, die sein Unternehmen bei Familien und Freunden für die Entwicklung des Produktes eingesammelt hat, seien komplett refinanziert.
Nach dem ersten Erfolg wollte Schmidt neues Geld von Wagniskapitalgebern einsammeln, „ungefähr 1,5 bis zwei Millionen Euro“. Aber die Investoren trauten dem Konzept nicht, sagt Schmidt. Erst habe er sich von einigen Venture Capital-Fonds anhören müssen, dass „Virtual Reality nur ein Trend ist, der vorbeigeht“. Dann hätten viele potenzielle Geldgeber ein Problem damit, dass die Inhaberstruktur etwas kompliziert ist.
Denn Anteile an dem Start-up hält neben den beiden Gründern auch die Designagentur Hyve, dessen CEO Michael Schmidt ist. Er nennt die Agentur einen „Inkubator für Icaros“, über die Agentur flossen 300.000 Euro Startkapital in Icaros. Außerdem seien viele Wagniskapitalgeber nicht bereit, in ein analoges Produkt zu investieren, sondern suchten lieber nach einer schnell skalierbaren Plattform, sagt Schmidt.
Er hat die Suche nach Risikokapital mittlerweile aufgegeben. Stattdessen sammelt er jetzt erneut 300.000 Euro aus dem Bekanntenkreis ein, um damit die Kosten für die Produktion zu sichern. 2017 will Icaros die Zahl der verkauften Geräte im Vergleich zu diesem Jahr verdreifachen und viele Geräte in die USA verkaufen.
Für die kommenden Monate hofft Michael Schmidt auf große Bestellungen von Unternehmen. Sein Kollege Johannes Scholl ist demnächst auf einer Messe in Dubai, um das Produkt zu präsentieren. Viele Menschen werden das Produkt testen. Was er sich von der Reise in die Emirate erwartet? „Neue Kunden wären mir deutlich lieber als potenzielle Investoren, die dann am Ende doch wieder abspringen.“