Das Berliner Team baut eine Plattform für das betriebliche Gesundheitsmanagement. Mit der Übernahme eines französischen Konkurrenten holt sich das Start-up auch neue Großkunden an Bord.

Gemeinsam von der Erde bis zum Mond: Solche Herausforderungen können Mitarbeiter von Unternehmen erwarten, die auf die Dienste des Start-ups Humanoo setzen. Das Berliner Digitalunternehmen verspricht Firmen, deren Belegschaft spielerisch zu mehr Bewegung zu motivieren. Über mehrere Wochen werden dabei beispielsweise Jogging- und Spazierwege aufgezeichnet – in großen Konzernen können so auch die 384.000 Kilometer zusammenkommen, die der Erdtrabant entfernt liegt.

Humanoo selbst liefert dabei eine Softwareplattform. Die ermöglicht es den Unternehmen, ihre Mitarbeiter an Bord zu bringen, informiert über Zwischenerfolge – und bietet für die Firmen eine Möglichkeit, datenschutzkonform die Beteiligung zu verfolgen. Damit ist das Start-up ein digitaler Anbieter des sogenannten betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM). Die Logik: Wenn Firmen etwas für die geistige und körperliche Fitness ihrer Mitarbeiter tun, reduzieren sich Krankentage – und im Idealfall wächst die Loyalität mit dem Arbeitgeber.

Digitale Anbieter auf dem Markt für Firmen-Fitness

Dieser Markt ist nicht neu, erhält aber zuletzt mehr Schwung. Man habe in Deutschland bereits erkannt, dass „die gesundheitliche Vorsorge nicht mehr nur ein zusätzlicher Bonus ist, sondern längst als ein fester Bestandteil verankert sein sollte“, sagt Humanoo-Gründer Philipp Pogoretschnik. Zu den Anbietern zählen traditionell auch Rückentrainings oder Fitnessstudios. Einige andere Tech-Firmen haben sich jedoch vorgearbeitet. 8Sense wirbt etwa mit einem digital angelegten Rückencoach. Radbonus bietet sich an, um die Belegschaft zum Radfahren zu motivieren. Aeroscan mit Ex-Biathletin Andrea Henkel setzt auf eine Atemanalyse, aus der ein individuelles Fitnessprogramm für Mitarbeiter entstehen soll. Auch Fitness-Flatrate-Anbieter wie Urban Sports Club suchen die Kooperation mit Unternehmen.

Das 2016 gegründete Humanoo sprintet nun mit seinem Angebot auch in ein Nachbarland. Dafür übernimmt das Start-up den französischen Mitbewerber WePulse für eine ungenannte Summe. Dessen Firmenname soll verschwinden, die acht Mitarbeiter aus Paris und Biarritz stoßen zum aktuell 55-köpfigen Team von Humanoo dazu. Insgesamt 500.000 Nutzer wolle man gemeinsam in ganz Europa betreuen, heißt es vom Start-up. Als Referenzkunden führte das Berliner Unternehmen bislang Konzerne wie die Deutsche Bank, Media Saturn oder Würth auf – mit dem Kauf von WePulse kommen unter anderem die BNP Paribas, Nike oder die Stadt Paris dazu.

Humanoo sieht auf dem französischen Markt noch erhebliches Wachstumspotenzial. „Der deutsche Markt ist dem französischen zwei Jahre in der Entwicklung voraus“, so Gründer Pogoretschnik. Französische Unternehmen seien häufig noch im Aufbau von BGM-Systemen und der damit einhergehenden Einstellung zu Gesundheit am Arbeitsplatz.

Investitionen in die Belegschaft – auch in der Krise?

BGM-Berater werben damit, dass Unternehmen mit einem investierten Euro etwa 2,70 Euro an Kosten durch Krankheitstage einsparen können. Deshalb sind viele Firmen bereit, bedeutende Summen einzusetzen, um Sportangebote zu subventionieren oder Plattformen wie Humanoo zu lizenzieren. Eine Gefahr: Rutschen Konzerne oder Mittelständler in finanzielle Schwierigkeiten, wie jetzt durch die Corona-Krise, können solche freiwilligen Ausgaben auf den Prüfstand kommen.

Pogoretschnik sieht Humanoo jedoch eindeutig als Profiteur der Krise. Unternehmen hätten erkannt, dass sie die Belegschaft noch mehr zu gesundheitlichen Themen aufklären, sensibilisieren und fördern müssten: „Gesundheitliche Maßnahmen zurückzufahren, insbesondere in Zeiten wie diesen, ist nicht nur fahrlässig, sondern auch das komplett falsche Signal an die eigene Belegschaft“, so der Humanoo-Gründer zu WirtschaftsWoche Gründer.