Investoren und Start-ups stürzen sich auf künstliche Intelligenz. Doch dabei versprechen die Jungunternehmen oft mehr als sie halten können.

Fragt man Investoren, in welche Technologien sie derzeit investieren, lautet die Antwort ziemlich oft: Künstliche Intelligenz (KI). Auch Achim Berg, früher Chef von Microsoft-Deutschland, sucht nun als Partner beim Wagniskapitalgeber General Atlantic nach Start-ups in diesem Bereich. “Künstliche Intelligenz schauen wir uns derzeit genau an”, sagt Berg.

Doch wirklich gute Gründer in dem Feld zu finden, ist gleich doppelt schwer. Einerseits gibt es gar nicht viele, da die Spezialisten rar sind und oft direkt von der Uni zu Google & Co. wechseln. Zum anderen müssen Geldgeber oder Kunden auch ganz genau hinschauen, wie intelligent die vermeintliche KI wirklich ist. “90 Prozent der Start-ups, die sagen, sie machen künstliche Intelligenz, haben gar keine”, sagt Fabian Westerheide, der mit seinem Wagniskapitalfonds Asgard ebenfalls in diesem Bereich investiert.

Wie intelligent ist KI wirklich?

Auf der Hub Konferenz in Berlin war es ein großes und kontrovers diskutiertes Thema. “Künstliche Intelligenz ist wie Teenagersex”, sagt Silvan Rath, Gründer des Start-ups Predict.io. Jeder rede darüber und glaube, der andere tut es, aber keiner macht es wirklich.

Es werde begrifflich viel durcheinandergeworfen und oft maschinelles Lernen und simple Mustererkennung als künstliche Intelligenz bezeichnet. “Ich benutze den Begriff, wenn ich mit Leuten aus dem Marketing rede, aber nicht bei Technikern”, räumt Rath ein.

Zudem stellt sich die Frage, wie intelligent KI überhaupt schon ist beziehungsweise wann sie es wird. „Vieles wird heute einfach mit großen Datenmengen und Rechenpower gemacht“, sagt Tarek Richard Besold, Informatiker und Spezialist für Computational Creativity an der Universität Bremen. So können zwar so genannte neuronale Netze lernen, Katzen von Hunden zu unterscheiden, nachdem sie mit Millionen Bildern gefüttert wurden oder sogar Spiele lernen, bis hin zum asiatischen Go, das weit komplexer ist als Schach. Der überraschende Erfolg eines Go-Programms der Google-Tochter Deepmind im Frühjahr hat einen großen Anteil am derzeitigen KI-Hype. Doch trotz solcher Durchbrüche stößt künstliche Intelligenz noch schnell an Grenzen.

Große Fortschritte in zehn Jahren erwartet

So ist es den Computern bisher nicht möglich, erlernte Fähigkeiten auf andere ähnliche Bereiche zu übertragen. Sie müssen beispielsweise für jedes Spiel von Grund auf neu trainiert werden, auch wenn die Regeln ähnlich sind. Zudem fehlt es an grundlegendem Wissen über die Welt. Man kann Software beispielsweise trainieren, Flaschen zu erkennen. „Doch was passiert, wenn man sie fallen lässt, weiß die künstliche Intelligenz im Gegensatz zum Menschen nicht“, sagt Christian Thurau, Mitgründer des KI-Start-ups Twenty Billion Neurons. Natürlich kann man auch das antrainieren, doch das die Flasche nicht splittert, wenn sie aus Plastik oder der Boden mit Gras bewachsen ist, sind schon wieder schwierige Sonderfälle.

Thurau rechnet damit, dass es in diesen Bereichen in fünf bis zehn Jahren große Fortschritte gibt. „Ich bewundere diesen Optimismus“, entgegnet Forscher Besold. Aber als Gründer müsse er das wohl so positiv sehen.

Auch beim Innovator´s Pitch, dem Gründerwettbewerb des Digitalverbandes Bitkom, spielten lernende Algorithmen eine Rolle. So entwickelt das Start-up Medicus eine Software, die lernt, gescannte Laborberichte zu verstehen. Mehr noch: Mit einer App werden die Befunde für Patienten übersetzt und mit einfachen Farbskalen verständlich gemacht. Das in Dubai gegründete und inzwischen nach Wien gezogene Unternehmen gewann damit in der Kategorie Health. Medicus setzte sich dabei gegen die Pflegeplattform Careship und CortiCare durch. Die Londoner entwickeln ein Testgerät, mit dem jedermann das Hormon Cortisol in seinem Speichel messen und damit seine Stressbelastung testen kann.

Vielversprechende Start-ups

In der Kategorie Internet of Things stand Factor-E Analytics aus Berlin im Finale. Das Start-up hilft Unternehmen, ihre Produktion in Echtzeit zu überwachen und liefert Daten zu Leistung, Energieeffizienz und Kapazitätsauslastung. Toposens aus München entwickelt 3D-Sensoren auf Ultraschallbasis. Wie eine Fledermaus können sie dreidimensionale Objekte im Raum orten. Das Start-up entwickelt erste Pilotprojekte mit Autobauern wie BMW, Daimler oder Porsche. Den Sieg holte Skysense aus San Francisco. Das Unternehmen bietet einen vollautomatischen Inspektionsservice für Drohnen.

Den Preis im Bereich Mobility erhielt Synfioo. Das Unternehmen aus Potsdam sammelt in Echtzeit Informationen über Staus, Sperrungen oder andere Verkehrsprobleme. Synfioo stellt die Daten dann Logistikunternehmen zur Verfügung.

Das Start-up setzte sich dabei gegen Evopark durch. Die durch ihren Auftrittt in der „Höhle der Löwen“ und ein Investment von Porsche bekannt gewordenen Kölner vereinfachen das Parken in Parkhäusern.

Dritter Finalist war Plugsurfing: Das Start-up macht es möglich, die Ladestationen für E-Autos von verschiedensten Anbietern zu nutzen, ohne jeweils separate Verträge abschließen zu müssen. Plugsurfing bietet so nach eigenen Angaben den Zugriff auf das größte Ladenetz in Europa.