60 Millionen Euro stehen nun für die Finanzierung von schnell wachsenden Firmen bereit. Das Bundesland steigt so voll ins Rennen der Regionen ein – und attestiert sich selbst Nachholbedarf.

Die ersten 100 Mitarbeiter sind da, die Serienproduktion entsteht – und jetzt ist das Lieferdrohnen-Start-up Wingcopter sicher, dass es auch langfristig am Standort in Weiterstadt bei Darmstadt bleiben wird. Der Grund: In einer kürzlich abgeschlossenen Finanzierungsrunde flossen auch einige Millionen des frisch ins Leben gerufenen Futury Regio Growth Fonds (FRGF). Für den haben das Land Hessen und eine Reihe von regional verankerten Unternehmen die Kräfte gebündelt. Beide Seiten haben jeweils die Hälfte der 60 Millionen Kapital beigesteuert, mit der künftig schnell wachsende Start-ups finanziert werden sollen. „Es war eine extreme Erleichterung für uns, dass es dieses Programm gibt“, sagt Wingcopter-Gründer Tom Plümmer.

Man wolle verhindern, dass junge Tech-Unternehmen aus Hessen abwanderten, sagte Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir bei der Vorstellung des FRGF. Mit dem neuen Fonds könne man nun auch Kapital für die Wachstumsphase bereitstellen und so dafür sorgen, „dass Unternehmen hier bleiben oder sogar hierhin kommen“. Eine regionale Verankerung, etwa ein Standort oder einer Niederlassung, soll vertraglich in den Beteiligungen verankert werden. So hat sich Fonds neben Wingcopter auch bereits in das Schweizer Start-up Apiax investiert. Im Gegenzug wird die Software-Firma eine deutsche Vertriebsorganisation in Frankfurt aufbauen.

Deutsche Bank, Deutsche Börse & Co.: Konzerne stützen den Fonds

Zwischen zwei und acht Millionen Euro soll der Fonds pro Start-up investieren, geplant sind etwa 10 bis 15 Beteiligungen. Verwaltet wird das neue Instrument von dem Risikokapitalgeber Eventures.Statt reiner Wirtschafsförderung wird eine finanzielle Rendite angestrebt. Die beteiligten zehn Konzerne, darunter die Deutsche Bank, die Deutsche Börse, Merck, Fresenius oder Wisag, erhoffen sich auch einen intensiven Austausch. Es gehe auch um die Impulse junger dynamischer Unternehmer, sagte Constantin H. Alsheimer, Vorstandsvorsitzender des ebenfalls beteiligten Energieversorgers Mainova.

Mit dem 60-Millionen-Fonds legt Hessen im Rennen der Regionen nach. In den vergangenen Jahren hatten zahlreiche Länder ihre Ambitionen verstärkt. Das Ziel: Start-ups zu fördern – und dann auch ein Abwandern nach Berlin oder gar ins Ausland zu verhindern. Dazu zählen regionale Netzwerke mit der Wirtschaft, ein Ausbau der Infrastruktur, vor allem aber auch die Bereitstellung von Kapital. Niedersachsen kündigte im vergangenen Sommer 50 Millionen Euro für den NVenture Fonds an, in Nordrhein-Westfalen bündelt das Förderinstitut NRW Bank ebenfalls bis zu 60 Millionen Euro von öffentlichen und privaten Geldgebern.

Hessen sucht nach dem Start-up-Kurs

Aus Hessen hatte es in den vergangenen Jahren bereits einige Initiativen gegeben. Das Förderinstitut WIBank hatte sich 2018 einem Fonds des Nachbarn Baden-Württemberg angeschlossen, um grenzüberschreitend Start-ups zu unterstützen. Für frisch gegründete Start-ups gibt es in Hessen bereits den Futury Venture Fonds, der maximal 500.000 Euro pro Unternehmen investiert. Der neue Fonds setzt eine Entwicklungsstufe danach an.

Vor knapp drei Jahren wurde in Frankfurt zudem ein Fokus auf Fintechs ausgerufen. Trotz zahlreicher Banken am Main hat sich Berlin jedoch hier deutlich abgesetzt: „Da müssen wir deutlich besser werden“, räumt auch Hessens Finanzminister Michael Boddenberg jetzt ein. Mit dem neuen Futury Regio Growth Fonds will man nun branchenübergreifend Start-ups fördern. Als mögliche Themen wurden neben Fintech die Trendthemen Künstliche Intelligenz, Software, Mobilität und Logistik ausgerufen.

Neue Fonds könnten folgen

Klar ist jedoch: Mit dem nun aufgelegten Fondsvolumen lässt sich einigen Tech-Firmen durchaus helfen. Gerade bei den sogenannten Series-A-Finanzierungen hatte es zuletzt jedoch eine Inflation gegeben, so dass auch zweistellige Millionensummen keine Seltenheit mehr sind – der FRGF könnte dann nur noch als einer von vielen Investoren an Bord kommen.

Der nun aufgelegte Fonds ist geschlossen. Man wolle erst einmal Erfahrungen sammeln, sagt Boddenberg. Zugleich verweist er jedoch auf den Koalitionsvertrag zwischen CDU und Grünen. Der sieht einen hessischen Wachstumsfonds für Start-ups mit einem Volumen von 200 Millionen Euro vor. Neue und größere Auflagen sind in den kommenden Jahren also denkbar: „Es gibt durchaus auch die Idee, das auszuweiten“, sagt Boddenberg.