Der Relayr-Mitgründer baut heute mit seiner Firma Next Big Thing auch gemeinsam mit Konzernen neue Start-ups. Viele Traditionsunternehmen suchen nach solcher Unterstützung – ein lohnender Markt für eine Reihe von Company Buildern.

Eine Inkontinenzhose mit Sensor oder Beton, der stetig seinen Status funkt: Wenn der Berliner Company Builder Next Big Thing (NBT) loslegt, ist häufig vernetzte Hardware mit im Spiel. An welcher Branche sich eines der frisch gegründeten Start-ups dann abarbeitet, hängt von Partnern oder Investoren ab: „Ich maße mir nicht an, etwas vom Pflegesystem oder vom Energiemanagement zu verstehen“, sagt NBT-Gründer Harald Zapp.

Dass er von Geschäftsmodellen aus der vernetzten Industrie etwas versteht, hat Zapp dabei bewiesen. Nach langen Jahren bei Cisco zog er ab 2013 das Start-up Relayr mit hoch. 2018 dann übernahm eine Beteiligungsgesellschaft der Munich Re das schnell wachsende Unternehmen zu einem Firmenwert von 300 Millionen Dollar.

Direkt im Anschluss gründete Zapp dann NBT – als eine Art hilfreiche Holding für Start-up-Gründungen. „Wir haben einen strikten Fokus auf Technologie“, sagt Zapp. Rund um die gehypten Begriffe Internet der Dinge, Machine Learning, Blockchain baute er ein Team von Experten auf. „Wir machen IoT. Und arbeiten mit dem erklärten Ziel, Entwicklungsmethoden bei Soft- und Hardware schnellstmöglich auszurollen“, sagt Zapp. „Wenn man ein Start-up ist, ist Zeit eine entscheidende Waffe.“

Konzerne suchen nach Start-up-Starthilfe

Drei Inspirationsquellen hat NBT dabei ausgemacht. Einige eigene Ideen will das Team vorantreiben. Daneben fördert man Start-ups, die mit passenden Ideen ankommen. Dazu kommt die gemeinsame Innovation mit Konzernen und Mittelständern. Und die Nachfrage aus der Industrie ist groß. Viele traditionelle Firmen suchen mit wachsendem Einsatz und teilweise wachsender Verzweiflung nach digitaleren Geschäftsmodellen. Zu viel Nähe zur eigenen Organisation wirkte dabei häufig erdrückend: Gute Ideen wurden bei Erfolg schnell wieder integriert und gingen dann unter. Lief es schleppend für die Konzern-Start-ups, wird das Investment schnell wieder in Frage gestellt. „Die Inkubatoren der Konzerne sind stark gestartet – und haben dann stark nachgelassen“, urteilt Zapp. „Sie haben ein paar Ideen angeschoben, ein paar Modelle gestestet. Und sind dann im Mittelteil steckengeblieben.“

Externe Company Builder wie NBT dienen als nächster Schritt bei der Suche. Diese Art der Start-up-Entwicklung vergleicht Unternehmer Zapp mit dem Hausbau: „Wer nur einmal ein Haus baut, wird alle Fehler machen. Beim zweiten oder gar dritten wird es immer besser.“ Das Bauen von Technologie und Struktur eines neuen Start-ups will NBT dabei übernehmen. Die inhaltliche Inneneinrichtung stammt vom Industriepartner.

Branchenwissen trifft Skalierungs-Experten

Am Beispiel der Immobilienbranche kann das bedeuten: Die Entwickler und Bauunternehmer wollen Daten sammeln, um Projekte besser zu planen und umzusetzen. „Die können das aber nicht in die passende Lösungen übersetzen, darum kümmern wir uns dann.“ Das Ziel: Möglichst zügig soll in der Zusammenarbeit ein sogenanntes Minimal Viable Product entstehen, eine erste funktionsfähige Version des Produkts oder der Dienstleistung. Schritt für Schritt soll das Start-up dann nachsteuern.

NBT setzt darauf, in der Regel in drei bis sechs Monaten mit den ersten Markttests beginnen zu können: „Anfangen ist nicht das Schwierige“, so Zapp, „sondern die Entscheidung, wann man eine Idee weiterführt – und wie man sie dann weiterführt.“

Das widerspricht der traditionellen Logik in vielen Firmen: Die schieben mit großem Aufwand ein Projekt an – und bringen es dann nach vielen Monaten komplett fertig entwickelt auf den Markt, ohne zwischendurch Feedback von möglichen Nutzern eingeholt zu haben. So manche groß angeschobene Initiative läuft dabei ins Leere.

Wachsender Markt der Company Builder

Allein ist NBT mit der Start-up-Starthilfe nicht. Die Konkurrenz auf dem Markt der Ideen ist groß. Als explizite Company Builder treten eine ganze Reihe von Dienstleistern an. Was vor vielen Jahren schon Rocket Internet für E-Commerce-Geschäftsmodelle erprobte, arbeitet sich jetzt tiefer in die traditionellen deutschen Wirtschaftszweige vor. Als Platzhirsch gilt die Digital-Ventures-Sparte der Boston Consulting Group. Eine der wenigen öffentlich bekannten Co-Gründungen, der Elektro-Scooter Dienst Coup von Bosch, parkte vor wenigen Tagen die Roller jedoch endgültig in die Garage.

Daneben arbeitet eine ganze Reihe von kleineren Team mit einer zweistelligen Zahl an Mitarbeitern für und mit Konzernen und Mittelständlern, in Berlin sitzt Bridgemaker – unter der Leitung von Ex-Beraterin Henrike Luszick sind bereits Start-ups mit EnBW oder der Berliner Volksbank entstanden. Stryber mit Büros in Zürich, München und einer Entwickler-Dependance in Kiew sicherte sich im Herbst die Dienste von Garan Goodmann, der zuvor den Accelerator von Metro und Target leitete. Mantro aus München hat eine ganze Reihe von Kooperationen umgesetzt. Vor wenigen Tagen ging etwa das Start-up Exaas an den Start. Die Plattform für Fertigungsexperten entstand gemeinsam mit dem Schorndorfer Mittelständer Oskar Frech.

Beteiligungen sollen sich für beide Seiten auszahlen

Mit einer guten Referenzliste und überzeugenden Argumenten kann das Company-Building eine lukratives Geschäftsmodell sein. Zum einen locken hohe Tagessätze bei der Projektarbeit für Konzerne. Zum anderen lockt bei Erfolg eine besondere Rendite. Viele der Start-up-erfahrenen Dienstleister gehen ein Stück weiter – und beteiligen sich von Anfang an den Co-Gründungen. „Wir gehen mit ins unternehmerische Risiko“, sagt auch Zapp.

Dafür prüft das Team vor einer Zusammenarbeit, ob die Idee groß genug werden kann. Sonst reicht man die Idee nach NBT-Angaben an andere Dienstleister weiter oder zurück an den Auftraggeber. Das Team um Zapp setzt dabei darauf, dass sie wirklich an einem „Next Big Thing“, dem nächsten richtig großen Ding, arbeiten: „Wir investieren nur in Firmen, die auf eigenen Füßen kapitalmarktfähig sein können.“

An dieses Modell glauben mittlerweile auch externe Investoren: Im Frühjahr stieg der Industrieversicherer HDI im Rahmen einer Finanzierungsrunde bei NBT ein. Dabei stand für den Versicherungskonzern nicht die finanzielle Rendite im Vordergrund. Man wolle einen „Fuß in der Tür haben“, wenn es um neue Geschäftsmodelle gehe, ließ sich der verantwortliche HDI-Vorstand Thomas Kuhnt damals zitieren.