Der „Do it yourself“-Markt boomt: Das Angebot reicht von Mützen – natürlich handgemacht – bis hin zu Erklärvideos im Internet.

Alles begann mit einer Annonce im Fürther Wochenblatt. „Stricken und Geld verdienen“ stand da und weiter: „Handarbeitsbegeisterte Damen und Herren im besten Alter gesucht”, stand da. Gründerin Verena Pröschel war auf der Suche nach Mitarbeitern für ihr Start-up My Oma. Nach älteren Damen und Herren, die sich in ihrem Ruhestand langweilten, ihr Talent für die Handarbeit zum Beruf machen und sich etwas dazuverdienen wollten.

Mit der Resonanz, die ihr Aufruf auslöste, hatte die 35-Jährige allerdings nicht gerechnet: „Am ersten Tag stand das Telefon gar nicht mehr still. Mehr als 50 ältere Damen riefen an, um sich zu präsentieren.“

Um die Flut der Anfragen bewältigen zu können, lud die Fürtherin zunächst zu einem etwas anderen Bewerbungsgespräch ein. Bei Kaffee und Kuchen verteilte sie Wolle und Anleitungen für die Mustermützen, die alle Interessierten zu Hause stricken mussten. Wer überzeugte, war an Bord.

 Start-up mit sozialem Hintergrund

Seit diesem ersten Treffen im Jahr 2011 ist Verena Pröschels Start-up stetig gewachsen. Im Online-Shop verkauft sie mittlerweile neben Schals und Mützen, Socken und Stulpen auch Strick – und Nähpakete mit Anleitungen und Wolle. Auf der Homepage präsentiert sich jede der 100 Mitarbeiterinnen – die meisten zwischen 60 und 80 Jahre alt – mit Foto und Steckbrief. Bei jeder Bestellung liegt eine Mitteilung mit Foto der Herstellerin bei. „So entsteht ein persönlicher Kontakt und die Kunden wissen, wer hinter der aufwändigen Arbeit steckt“, sagt Verena Pröschel.

Einmal monatlich treffen sich alle Mitarbeiterinnen, die Zeit und Lust haben, zudem zu einem gemeinsamen Stricknachmittag. Denn Verena Pröschel geht es nicht nur um den finanziellen Erfolg ihres Start-ups, sie möchte auch einen sozialen Beitrag leisten. „Mir macht es Spaß mit älteren Menschen zu arbeiten, ich möchte eine Gemeinschaft schaffen und dafür sorgen, dass sie auch untereinander Kontakte knüpfen.“

Das Geschäft mit der Handarbeit ist ein Milliardenmarkt

Mit ihrem Start-up MyOma und der Idee Selbstgemachtes über das Internet zu verkaufen liegt Verena Pröschel voll im Trend. In den vergangenen Jahren hat sich das Geschäft mit der Handarbeit zu einem Milliardenmarkt entwickelt. Was früher als spießig und altbacken galt, ist heute für viele Deutsche ein beliebtes Hobby: Allein im Jahr 2013 gaben sie rund 1,35 Milliarden Euro dafür aus – ein Plus von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Von diesem Interesse profitiert auch das 2013 gegründete Berliner Start-up Makerist, das sich selbst „Handarbeitsschule im Internet“ nennt. Auf der Homepage findet man Videos, die den Nutzern im Detail erklären, wie sie Loop-Schals und Ledertaschen, Strickjacken und Beanie-Mützen selber machen können „99 Prozent unserer Kundinnen sind Frauen, die meisten Mitte 20 bis Mitte 40, aber auch über 70 Jahre alte Nutzerinnen sind dabei “, sagt Gründer Axel Heinz.

Es sind Frauen, die keine Zeit finden, sich an feste Termine von Nähschule und Stricktreffs zu halten oder keine Möglichkeit haben, weil es solche Angebote in ihrem Heimatort nicht gibt. Die Videos werden einmalig bezahlt – die Kosten liegen im Schnitt zwischen 20 und 40 Euro – und können immer wieder angeschaut werden.

Erklärvideos von Experten

Seit neuestem bietet Makerist die Videos auch zur Offlinenutzung an, zum Anschauen im Zug oder im Urlaub – das hatten sich die Nutzerinnen gewünscht. Auch der persönliche Kontakt ist den Kundinnen wichtig. „Wer Probleme oder Fragen hat, kann darum unsere Kursleiter anschreiben. Diese antworten in der Regel innerhalb von 48 Stunden“, sagt Axel Heinz. Handarbeit sei eben auch immer Kommunikation, anderen zu zeigen, was man gestrickt, gehäkelt oder genäht habe, gehöre einfach dazu. Und so tauschen sich in der zu Makerist gehörigen Facebookgruppe regelmäßig 80.000 Nutzer aus. „Manche der Nutzer besuchen uns auch in unseren Studios, weil sie sehen wollen, wie wir die Kurse drehen.“ Zwei bis drei Tage dauert die Produktion eines solchen Videos, gearbeitet wird mit zwei bis drei Kameras und einem Team von rund acht Personen, darunter Ton –und Kameraleute, Regisseur und Maskenbildner. Bis zu 10.000 Euro lässt sich Makerist solch eine Videoherstellung kosten.

„Ein lohnender Markt für Investoren“

Der Einsatz scheint sich zu lohnen. Bislang hat Makerist 74 solcher Kurse gedreht, im kommenden Jahr sollen hundert neue entstehen. „Wir sind dieses Jahr stark gewachsen, 45.000 Kunden hatten wir bisher, 2016 sollen es 150.000 werden“, sagt Axel Heinz. Zudem ist eine Ausweitung auf andere europäische Märkte geplant.

Und auch Investoren zeigten Interesse an der Geschäftsidee. Nach dem High-Tech-Gründerfonds investierte zuletzt der südbadische OZ-Verlag, der mehrere Do It Yourself-Magazine herausgibt, in das Start-up. „Handarbeit wird immer beliebter, auch bei Jüngeren und sogar bei Männern!“, sagt Axel Heinz, „Innovativen Unternehmen eröffnen sich in dieser Branche hervorragende  Wachstumschancen.“