In der letzten Folge ihres Gründertagebuchs berichtet Neumacher-Siegerin Anna Rojahn über eine  SAP-Premiere, neue Technologien und die Millionenplanung unter Gleichgesinnten.

Anna Rojahn hat mit ihrem Start-up Fast Forward Imaging eine Technologie entwickelt, mit der  Gegenstände vor verschiedenfarbigen Hintergründen fotografiert werden. Kurz darauf erscheint ein Bild des Produkts, das automatisch vom Hintergrund freigestellt wird und sich per Klick um die eigene Achse drehen lässt – besonders für Online-Shops ist das interessant.

Mit der Idee überzeugt Gründerin Anna Rojahn Kunden, Investoren und die Jury des WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs Neumacher, den sie im Herbst 2014 gewann. Inzwischen haben die Berliner verschiedene Varianten ihrer Fototechnik entwickelt. Im Gründertagebuch berichtet Rojahn über die neuesten Entwicklungen ihres Start-ups.

17. September 2015

Heute ist es endlich soweit: das SPY MUSEUM Berlin öffnet seine Pforten! Kristin ist den gesamten Tag vor Ort und ist auch bei der Pressekonferenz anwesend; ich selber stoße abends zur VIP-Eröffnung dazu. Eine tolle Veranstaltung und ein tolles Museum! Ich habe ja in der Vergangenheit recht viel mit der traditionelleren Seite der Museumswelt zu tun gehabt, aber diese Inszenierung muss keine Vergleiche scheuen.

Was mich besonders beeindruckt sind die Informationstiefe und das Ausmaß an Interaktivität: die aktuellste Technologie ist elegant integriert, ohne die Ausstellung zu überfrachten. So können viele Inhalte präsentiert werden, die den Rahmen eines klassischen Ausstellungsformats sprengen würden. Unsere 360°-Aufnahmen – auf vielen Touchscreens und teilweise sogar auf transparenten, in die Vitrinen integrierten Displays eingesetzt – sind nur eins von vielen Details, die die Ausstellung so besonders machen.

Millionenplanung in der EO Accelerator-Gruppe

28. September

Heute ist das erste Treffen meiner neuen EO Accelerator-Gruppe: innerhalb einer sogenannten ‘Accountability Group’ von neun Gründern werden wir uns das kommende Jahr über jeden Monat treffen und uns gegenseitig dabei unterstützen, ein Umsatzziel von einer Million Euro zu erreichen.

Ich nenne das Format manchmal liebevoll meine “Bezugsgruppe”: basierend auf einer absoluten Vertraulichkeit tauschen sich die Teilnehmer oft über sehr persönliche Themen aus, die man nur in wenigen anderen Gruppierungen ansprechen kann. Als Gründer steht man oft unter dem Druck, nach außen hin gelassen mit großem Stress und massiven Belastungen umgehen zu müssen; der Austausch unter Gleichgesinnten, die sehr ähnliche Erlebnisse und Empfindungen teilen, ist extrem hilfreich, wenn es alles mal wieder ein bisschen zu viel wird.

05. September

Das Team von thjnk hat in den vergangenen Wochen eine Reihe von Anzeigenmotiven für uns entwickelt, und heute haben wir ein wichtiges Abstimmungsmeeting. Alle Entwürfe kommen noch einmal auf den Tisch, und wir diskutieren heftig über die verschiedenen Gestaltungsansätze. Am Ende steht das Layout fest – jetzt müssen wir nur noch die Texte ein bisschen glattschleifen, und dann kann es losgehen.

15. September

Nach langer Vorbereitung liefern wir heute eine Sonderanfertigung eines unserer Geräte nach Hamburg aus. Unser neuer Kunde – ein international tätiger Maschinenbauer – hatte sehr spezifische Anforderungen an unser Gerät, das vor Ort in das Konfektionierungslager integriert wird. In diesem speziellen Fall haben wir nicht nur die Hardware stark angepasst, damit sie an der richtigen Stelle platziert werden kann, sondern haben auch eine Reihe von besonderen Software-Features entwickelt.

Aufbau und Inbetriebnahme laufen reibungslos, und das Gerät wird direkt an die Systeme des Kunden angebunden, so dass alle Daten nach Freigabe der Bilder automatisch in das System übertragen werden. So bringen wir ganz ungeplant auch gleich unsere erste kleine SAP-Integration hinter uns.

20. September

Heute sind wir im Berliner Büro von Microsoft: in einem intensiven Workshop prüfen wir – aufgeteilt in einen Technologie- und einen strategischen Teil – die Möglichkeit, unsere Systeme mittelfristig in Microsofts Cloud-Lösung Azure zu migrieren. Unsere momentane Infrastruktur ist zwar darauf ausgelegt, auch unter großer Last stabil und hochperformant zu funktionieren, aber ich möchte frühzeitig unsere Optionen für eine weiterreichende Skalierung prüfen.

Am Ende des Workshops steht die Erkenntnis, dass unsere Daten und Strukturen sich mit sehr viel weniger Aufwand in die Cloud migrieren lassen als wir angenommen hatten – ich gehe mit einem guten Gefühl nach Hause, denn die Skalierbarkeit unserer Systeme ist ein Thema, das mir in der Vergangenheit schon einige Kopfschmerzen bereitet hat.

Am Rande diskutieren wir darüber hinaus auch noch einen Haufen weiterer spannender Themen – ich persönlich bin unglaublich gespannt auf die Hololens, die in meinen Augen einen der vielversprechendsten Ansätze für die Sichtfeld-Integration von digitalen Inhalten darstellt. Und ich glaube nach wie vor, dass Augmented und Virtual Reality jenseits von 3D-Druck diejenige Technologie darstellen, die unser tägliches Leben in den kommenden Jahren am stärksten beeinflussen werden.

21. September

Heute verfasse ich mein letztes Gründertagebuch für die Wirtschaftswoche! Ich kann kaum glauben, dass es schon fast genau ein Jahr her ist, dass ich selbst den Preis im Rahmen der Neumacher Konferenz in Hamburg entgegen nehmen durfte. Es ist ein intensives, bewegendes Jahr gewesen: ein Jahr voller spannender Begegnungen, intensiver Konflikte, tiefer Frustration und großartiger Erfolge – und all das oft innerhalb von nur wenigen Stunden.

Das Gründen wird nicht umsonst so oft als emotionale Achterbahnfahrt beschrieben… Aber genau das ist es, was für mich den größten Reiz daran ausmacht. Denn es gibt nicht einen einzigen Tag der vergangenen zwölf Monaten, an dem ich mich auch nur eine Minute gelangweilt hätte. Und ich bin schon sehr gespannt, wer in ein paar Wochen den Neumacher Award 2015 entgegen nehmen wird!

Als Gewinnerin des letzten Jahrs bin ich dieses Jahr in der Jury und habe mich voller Spannung durch die Bewerbungsunterlagen gearbeitet; was mich vor allem beeindruckt hat, ist die Bandbreite von verschiedenen Projekten. Insbesondere freut es mich, so viele durchdachte, innovative Ansätze für die Industrie zu sehen, denn naturgemäß habe ich einen starken persönlichen Bezug zu B2B-Projekten. Und der Mittelstand in Deutschland kann massiv von den Innovationen der Startup-Szene profitieren. Wie gesagt: ich bin gespannt!

Alle Folgen des Gründertagebuchs finden Sie hier.