In Bayern können Straftäter vor ihrer Entlassung Gründerkurse belegen. Eine Studie zeigt nun, dass die Kurse tatsächlich helfen – nicht nur beim Gründen.

Wenn die Teilnehmer mit Bernward Jopen über seinen Existenzgründerkurs sprechen, dann oft positiv. Einer sagte zu dem früheren Dozenten der TU München: „Mir hätte nichts Besseres passieren können.“ Eine überraschende Aussage, denn Jopen bietet kein gewöhnliches Entrepreneurship-Programm an: Die Teilnehmer seines Gründerkurses sind alle Häftlinge in bayerischen Justizvollzugsanstalten.

Das seit 2011 laufende Programm von Jopens gemeinnütziger Leonhard GmbH ist eine Resozialisierungsmaßnahme, es soll den Inhaftierten helfen, sich nach ihrer Gefängnisstrafe wieder besser in die Gesellschaft einzugliedern. Ein Sträfling kann die Kurse daher erst sechs bis zwölf Monate vor seiner Entlassung belegen. Die Idee stammt ursprünglich aus den USA. In texanischen Gefängnissen gibt es seit 2004 ein ähnliches Programm.

„Straftäter haben Potenzial“

In dem Kurs lernen die Straftäter, was Unternehmertum bedeutet, wie Marketing und Betriebsführung funktionieren und welche juristischen Hürden ein Gründer nehmen muss – quasi Basiswissen für Start-ups. Aber das Programm ist kein „klassischer Existenzgründerkurs“, wie Jopen, der früher selbst Unternehmen aufgebaut hat, erklärt. Neben den Kursen zur Unternehmensgründung nehmen die Insassen auch an Persönlichkeitstrainings teil. Sie lernen dort zum Beispiel durch Videocoaching, wie sie sich gut präsentieren können, oder wie sie ihre Kommunikation verbessern können.

Denn es geht nicht darum, dass die Häftlinge am Ende wirklich gründen – prozentual machen das nur 23 Prozent –, sondern darum, dass sie eine Perspektive entdecken. „Straftäter haben Potenzial, sie sind oft innovativ und kreativ“, sagt Jopen. Doch nach ihrer Entlassung fällt es vielen schwer, ein normales Leben aufzubauen. „Entlassene Häftlinge haben oft Probleme im Job, mit Geld, ihrer Unterbringung oder auch ihrer Familie“, erklärt der frühere Dozent. Dass die Gründerkurse den Sträflingen bei der Wiedereingliederung tatsächlich helfen, zeigt nun eine Studie der TU München und der US-amerikanischen Indiana University.

Demnach kann sich die Einstellung der Straftäter durch das Programm „grundlegend verändern“. Für die am Donnerstag offiziell vorgestellte Erhebung haben die Forscher mit zwölf Teilnehmern des ersten 20-wöchigen Kurses im Jahr 2011 je drei qualitative Interviews geführt – am Anfang, währenddessen und am Ende des Programms. Das Ergebnis: Viele Teilnehmer glaubten nach dem Kurs „nicht nur stärker an ihre eigenen Kompetenzen“, sie änderten auch ihre Haltung „sowohl gegenüber ihrer Inhaftierung als auch gegenüber ihren Mitmenschen“, schreiben die Autoren in der Studie.

Auch die Rückfallquote verbesserte sich durch das Programm: Deutschlandweit kommen 46 Prozent der Straftäter drei Jahre nach ihrer Entlassung wieder in Konflikt mit dem Gesetz, sie landen entweder erneut hinter Gitter, erhalten Bewährung oder bekommen eine Geldstrafe. Bei Jopens Gründerkursen ist das anders. Dort liegt die Rückfallquote gerade einmal bei zwölf Prozent, ein Viertel des Durchschnittswertes. Allerdings betont der Programmleiter, dass die Zahlen nicht hundertprozentig vergleichbar seien, da noch nicht alle Ex-Häftlinge seines Programms schon drei Jahre entlassen sind und da man keinen „ganz genauen“ Überblick über die Daten habe.

Generell sind Betreuungsangebote für ehemalige Häftlinge oder Wiedereingliederungsmaßnahmen selten: „Der Vollzug, die Gefängnisse sind eine künstliche Welt – und in einer künstlichen Welt kann ich nicht simulieren oder vorbereiten auf die reale Welt“, sagt der Kriminologe Bernd Maelicke in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Dabei steht sogar im Strafgesetzbuch, dass Häftlinge spätestens drei Monate vor ihrem Entlassungstermin auf die Freiheit vorbereitet werden sollen. Das geschieht allerdings kaum. Einige Gefängnisse versuchen dem etwa mit Bildungsmaßnahmen entgegen zu wirken. In der Haft können Straftäter Schulabschlüsse nachholen, eine Lehre machen oder studieren – wenigstens ein bisschen Alltag hinter Gittern. Zu den anderen Maßnahmen gehören neben Therapien, auch Anti-Gewalt-Training oder sogar Schauspielunterricht – und eben Gründerkurse.

Nicht der durchschnittliche Strafgefangene

Die verbesserte Einstellung nach den Kursen trifft aber nicht auf alle Teilnehmer zu: Fünf von ihnen brachen den Kurs ab. Die Wissenschaftler stellten fest, dass bei diesen Häftlingen eine sogenannte „erlernte Hilflosigkeit“ zu erkennen war. „Einige von ihnen haben in den Gesprächen auf alle Leute geschimpft, haben die Fehler bei ihrer Familie oder dem Staat gesucht“, berichtet Holger Patzelt, Professor an der TU München und einer der Studienautoren. Die fünf Sträflinge hätten auch keine Verantwortung für ihre Taten, wegen derer sie im Gefängnis gelandet waren, übernommen.

Auch deshalb sind die Auswahlkriterien für die Gründerkurse heute anders als noch 2011. „Die Auswahl der Teilnehmer dreht sich heute stärker um persönliche Eigenschaften“, sagt Patzelt. Man habe daher „nicht den durchschnittlichen Strafgefangenen“ vor sich. Einige Häftlinge sind zudem wegen ihrer Taten von Anfang an von der Teilnahme ausgeschlossen: Sexualstraftäter und Trickbetrüger. Mit den Straftätern, die Sexualdelikte begangen haben, wollen die weiblichen Mentoren nicht zusammenarbeiten. Mit Serienbetrügern umzugene, traue man sich hingegen einfach nicht zu, sagt Jopen.

In der bayerischen Justiz hat das Leonhard-Programm inzwischen einen hohen Stellenwert. Die Existenzgründerkurse gelten als Aushängeschild. Insgesamt gab es bis heute 112 Teilnehmer, Sträflinge aus ganz Bayern durchlaufen derzeit in einer Strafanstalt in München den achten Kurs. Das ist nicht selbstverständlich. Als Bernward Jopen einem Frauengefängnis erstmals seine Idee vorstellen wollte, stieß er auf verschlossene Türen. „Dafür haben wir keine Zeit“, sagte der Anstaltsleiter, noch bevor er Jopen überhaupt angehört hatte. Rückblickend sagt der Programmleiter, die Vorbehalte der Gefängnisdirektoren seien zu Anfang ein Problem gewesen. Doch Jopen ließ sich durch die Rückschläge nicht entmutigen – und ging mit seinem Vorhaben zum bayerischen Justizministerium, das seine Idee schließlich unterstützte.

Ein ganz normaler Anstaltsbetrieb

Heute würden auch die Anstalten hinter den Programmen stehen, sagt Jopen. Er und seine Mitarbeiter dürfen sich in den Gefängnissen bewegen wie normale Beamte. Und: „Wir werden behandelt wie ein Anstaltsbetrieb“, sagt Jopen. Wie eine Gefängnis-Schlosserei oder -Wäscherei müsse er Stellungnahmen zu den Mitarbeitern abgeben und Bewertungen schreiben.

Trotz des hohen Ansehens ist das Programm allerdings in Gefahr. Ende Juni läuft die Förderung durch den europäischen Sozialfonds aus, Bund und Länder wollen die Kosten nicht übernehmen. Jopen muss die Gründerkurse dann selbst finanzieren, sie kosten etwa 350.000 Euro im Jahr. Er hofft nun auf private Investoren.