Finn Plotz hat bereits als Schüler eine neue Fernbedienung erfunden. Wie er aus der ersten großen Krise herausfand.

Von Jule Zentek

Das Abitur liegt zwei Jahre zurück – die Firmengründung genauso lange. Unmittelbar nach dem Schulabschluss hat Finn Plotz sein Unternehmen gegründet. Wie der junge Gründer es schaffte, seine Produkte so kurzer Zeit in den Regalen von Media Markt & Co. zu platzieren und warum er dann doch zweifelte, berichtet Plotz im Interview mit WiWo Gründer.

WirtschaftsWoche: Finn, 2015 hast du dein Abitur gemacht und kurze Zeit später dein Produkt „Vion“ herausgebracht – was steckt dahinter?

Kurz vor meinem 18. Geburtstag haben sich meine Eltern ein neues Entertainment-System gekauft und kamen nicht mit den vielen Fernbedienungen klar. Als Sohn wird man dabei schnell zum 24/7-IT-Support. Und als keine Universalfernbedienung den Elterntest bestehen wollte, dachte ich mir, dass ich es eben selbst machen müsste. Eine Fernbedienung, wenig Tasten, ohne Programmierung und mit einfachem Zugang zu der ganzen neuen Welt des Streamings musste her – Herausgekommen ist eine Art Kreuzung aus Universalfernbedienung, Streaming-Box und TV-Receiver.

Eine Unternehmensgründung erfordert nicht nur die richtigen Kenntnisse, sondern vor allem auch Geduld. Wie lief deine Unternehmensgründung?

Das erste halbe Jahr wusste ich gar nicht, dass ich Gründer bin oder was es mit diesen Start-ups auf sich hat. Ich wollte dieses Produkt verwirklichen und habe einfach angefangen. Seitdem heißt auch unser Firmenmotto: Macht’s einfach! Die eigentliche Gründung fand dann beim Notar statt und nach der ersten Post vom Finanzamt wurde mir erst einmal heiß und kalt. Ich habe mich da kopfüber ins Abenteuer gestürzt.

Damit du deine Pläne verwirklichen konntest, brauchtest du Startkapitel. Letztendlich sammeltest du 600.000 Euro ein. Wo bekommt man als Abiturient so viel Geld her?

Angefangen hat es mit nervösen Gründern im ausgebeulten Anzug beim Chef des Innovationszentrum IZET, Professor Thiericke. Er hat mir dann den ersten Kontakt in die Investorenwelt vermittelt und es folgten viele weitere – mit Erfolg. Über die Zeit kam ein Expertenkreis und die Investmentsumme zusammen. Da musste ich mich wirklich immer wieder neu beweisen und durchboxen. Keiner gibt einem einfach einen Blanko-Scheck, schon gar keinem Glückstädter Schüler, der Fernbedienungen bauen will.

Wie geht es deinem Unternehmen heute?

Daraus ist ein richtiges Unternehmen geworden, mit Büro in Hamburg und Kollegen aus sieben Nationen. Außerdem ist bisher eine rund siebenstellige Summe geflossen. Meine Vion liegt nun in den Regalen bei Media Markt und hat Preise wie den Red-Dot oder den IF Design Award gewonnen. Darauf sind mein Team und ich sehr stolz. Während wir sprechen, rollt ein Zug voll fabrikneuer Vions aus China Richtung Hamburg.

Welche Erfahrungen hast du in der Start-up-Szene gemacht?

Als Gründer liebt man sein Unternehmen. Egal was auch passiert, man zieht wieder die rosarote Brille auf und präsentiert sich der Welt in bester Start-up-Laune. Da bin ich keine Ausnahme. Ein Mann hat mir mal gesagt: „Du bist erst dann ein richtiger Unternehmer, wenn Du abends an Deinem Schreibtisch saßt und nicht wusstest, wie es morgen weitergehen soll.“ Genau sowas habe ich erlebt. Ich war verzweifelt und habe mich abwechselnd so gefühlt, als sei ich als Unternehmer absolut unfähig oder die ganze Welt gegen mich.

Wann gab es solche Situationen?

Ich war immer in dem Glauben, dass ich noch die eine wichtige Verhandlung, das eine Investment oder den einen Entwicklungssprint schaffen müsste, damit endlich alles gut wird. Das war nicht der Fall. Eine verzögerte Entwicklung hat mich zur Verzweiflung gebracht und ich bastelte nachts vor einer wichtigen Präsentation im Hotelzimmer noch an Bugs herum. Ein anderes Mal wurde das Geld schlafraubend knapp, als ein großer Kunde nicht zahlte.

Wie hast du reagiert?

Beinahe hätte ich massiv Stellen kürzen und den Rest meiner Gründerkarriere mit Anwälten verbringen müssen. Stattdessen habe ich alles stehen und liegen gelassen, mich ins Auto gesetzt und Endkunden, Märkte und Experten besucht. Mein Ziel war es, Daten und Erfahrungen zu sammeln, um neuen Investor und Zulieferer zu überzeugen. Dadurch konnte ich die Produktion wieder anfahren – so konnte ich die Krise meistern.

Wie bist du persönlich mit diesen Tiefschlägen umgegangen?

In den letzten Monaten habe ich häufig vor Schulklassen oder in Universitäten Vortrage gehalten, um meine Liebe und Passion für das Gründertum weiterzutragen. Gleichzeitig ist es mir aber wirklich wichtig, auch zu zeigen, dass Gründen eben nicht nur viel Investorengeld, Partys, Freiheit und Publicity bringt, wie es in Artikeln und Fernsehberichten, auch über mich, häufig den Anschein erweckt. Gründen ist unglaublich erfüllend. Es ist aber auch verdammt hart und die nächtlichen Zweifel am Schreibtisch werden immer wiederkommen.

Wie konntest du dir selbst helfen?

Ich habe gelernt, mich jeden Morgen bewusst dazu zu entscheiden, heute wieder zur Arbeit zu gehen. Als ich in einem dieser „Täler“ war, habe ich jeden Morgen unangenehme Dinge mit den positiven abgewogen. Meistens konnte ich mir danach selbst sagen: „Du willst hier sein!“.

Was würdest du heute anders machen?

Ich würde Strategien und Ziele öfter und härter in Frage stellen. Zu häufig habe ich mich davor gescheut, unbequeme Fakten zu akzeptieren und vermeintlich sichere Pfade zu verlassen.

Was würdest du anderen raten?

Macht’s einfach! Mir hat man häufig gesagt, ich solle doch zuerst die Schule zu Ende machen. Danach hätte man mir wohl geraten, doch erstmal etwas Vernünftiges zu lernen oder mich anschließend der Karriere zu widmen, um Familie und Haus zu begründen. Die Zeit zum Gründen ist nie richtig und damit im Umkehrschluss auch immer richtig.

Wie soll es nun mit deinem Start-up weitergehen?

In den kommenden Tagen erwarten wir die neue Lieferung. Parallel arbeiten wir an fantastischen neuen Funktionen und Produktion. Zum Beispiel wollen wir weitere Streaminganbieter hinzufügen und vielleicht sogar bald die ersten TV-Spots veröffentlichen.

Und wie soll dein beruflicher Weg weitergehen?

Zu einem guten Studenten werde ich wohl nicht mehr. Im Moment freue ich mich wahnsinnig auf unsere neuen Produkte im Smart-Home und Sicherheitsbereich. Wohin mich der Weg danach verschlägt? Keine Ahnung. Raumfahrt wäre vielleicht mal was.