Inzwischen beschäftigt Haagmans zwei studentische Aushilfen, konnte auf der Reisemesse ITB im vergangenen Jahr eine Goldene Palme gewinnen und hat genug Kunden, um sich ein kleines Gehalt von 450 Euro im Monat auszuzahlen. Vor allem aber führt sie ein Leben, das sie sehr schätzt: Für Lufthansa ist die 34-Jährige weiterhin über den Wolken unterwegs, mit ihrem Start-up lässt sie andere verreisen. Und es gibt noch einen Unterschied: „Als Flugbegleiterin arbeitest du einen Dienstplan ab, als Gründerin weißt du nie, was morgen passiert“, sagt Haagmans. „Diese Mischung ist großartig.“

Außerdem reduziert sie das Risiko. Das war auch Uwe Lübbermann besonders wichtig. Der Hamburger bezeichnet sich als „slow entrepreneur“, als langsamen Unternehmer. Anders als klassische Start-up-Unternehmer, die schnell wachsen wollen, hat er sein Unternehmen Premium Cola über mehrere Jahre aufgebaut, während er anfangs auch noch anderen Jobs nachging – als Barkeeper etwa oder Handy-verkäufer. „Um viele Standbeine zu haben“, sagt Lübbermann, „und um Erfahrung zu sammeln.“

Zwar unterscheidet sich Lübbermann von den digitalen Nomaden, die Freiberufler in anderen Ländern engagieren, um ihre Projekte umzusetzen. Aber auch er hat einen bestimmten Lebensstil in den Mittelpunkt seines Unternehmerdaseins gerückt. Schon die Gründung von Premium Cola war eine Art Protest: Weil ein anderer Cola-Hersteller heimlich die Rezeptur seines Getränks geändert hatte, beschloss Lübbermann mit einigen anderen beleidigten Kunden Ende der Neunzigerjahre, selbst eine Getränkemarke aufzubauen.

Wenn Wachstum egal ist

Was als Hobby begann, entwickelte sich nach und nach zu einem erfolgreichen Unternehmen. Gründer Lübbermann versteht sich dabei allerdings nicht als Geschäftsführer, sondern als Moderator. Und Premium Cola als„Community Brand“, also Gemeinschaftsmarke: Alle Entscheidungen trifft er in Absprache mit rund 1650 gewerblichen Partnern.

Es geht ihm nicht um Profit, sondern um Freiheit und demokratisches, faires Wirtschaften. Deswegen gibt Premium Cola kein Geld für Werbung aus und gewährt kleinen Kunden einen Anti-Mengen-Rabatt – schließlich haben die höhere Frachtkosten als die großen. Außerdem gibt es einen fixen Stundenlohn von 15 Euro brutto für die freien Mitarbeiter, die „Kollektivisten“ heißen und arbeiten können, wann und wo sie wollen. Lübbermann erzielt so 2400 Euro Einkommen im Monat – brutto. Das Honorar für Vorträge reicht er an das Unternehmen weiter.

Auch Wachstum ist Lübbermann nicht wichtig: „Wieso auch“, fragt der Gründer, „Premium Cola ernährt ja jetzt schon alle Beteiligten.“ Und es ermöglicht Lübbermann einen Lebensstil, den er „unschlagbar“ nennt. Jeden zweiten Tag arbeitet er von zu Hause aus – genauer: vom Schreibtisch im Schlafzimmer. Und an den übrigen Tagen reist er per Bahn quer durch die Republik, hält Vorträge und Workshops, inspiriert andere, ähnlich zu wirtschaften wie er, um die Welt zu einer besseren zu machen. „Ich habe die Freiheit hinzufahren, wo ich will, zu tun, was ich will, und dabei auszusehen, wie ich will“, sagt Lübbermann, „was will ich mehr?“