Eine Idee allein macht noch lange kein erfolgreiches Unternehmen. Wie Sie Ihre Geschäftsidee auf Tragfähigkeit prüfen – und was Experten raten.

Wie so oft bei Gründern begann alles mit einem Problem. Es war vor zwei Jahren, ein Sommer in Berlin, die Stadt pulsierte und die Abende vergingen nicht ohne angesagte Events: In den Szene-Kneipen jonglierten die Barkeeper mit Drinks, im Hinterhof spielten Newcomer ihre Balladen und in Kreuzberg feierte sich die Hipster-Szene selbst.

Ein Traum von einem Sommer, dachte sich der Kölner Tim Betzin damals, der nach seinem BWL-Studium in die Hauptstadt zog und den Feierabend gerne bei einem kühlen Bierchen genoss. Doch so viel die Berliner Kulturszene auch hergab: Betzin verpasste all das.

„Ich hatte oft Lust, nach Feierabend wegzugehen“, sagt der 27-Jährige heute, „doch ich wusste absolut nicht wohin.“ Von den coolen Events habe er meist erst im Nachhinein erfahren, Einheimische mit Insider-Tipps kannte er nicht. „Nach Feierabend landete ich deswegen fast immer in der gleichen Bar.“

Für Betzin war klar: Er musste was ändern. Und er hatte auch schon eine Idee, wie: Zusammen mit Freunden entwickelte er eine App, mit der sich Nutzer über lokale Veranstaltungen informieren und sich gegenseitig auf Konzerte, Lesungen oder geheime Festivals aufmerksam machen konnten. „Bubble.it“ taufte er seine Idee. „Es war mein Baby“, sagt er rückblickend.

Aus der Not zur Idee

Mit seinem gründerischen Werdegang ist Tim Betzin nicht allein: Knapp die Hälfte der rund 915.000 Gründer zählte 2014 zu den sogenannten Chancengründern; Menschen also, die sich wie Betzin selbstständig machen, um eine explizite Geschäftsidee umzusetzen. Jeder Dritte wiederum gründete nach Angaben der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) nur, um nicht arbeitslos zu werden.

Dass Gründer einer konkreten Geschäftsidee nachgehen, erlebt auch Kai Thierhoff immer wieder. Der Start-up-Coach aus Köln berät tagtäglich Menschen auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit. Er sagt: Erfolg mit ihrer Idee haben meist die, die bereits Ahnung von der Branche haben.

„Viele meiner Kunden machen das, was sie zuvor jahrelang als Arbeitnehmer getan haben“, sagt Thierhoff. „Nur eben auf eigene Verantwortung.“ Natürlich hieße das nicht, dass Quereinsteiger automatisch scheitern. „Gründer sollten sich allerdings im Klaren sein, dass sie fehlende Erfahrung und Kontakte durch Fleiß und Leidenschaft kompensieren müssen“, sagt Thierhoff.

Ein guter Einfall allein reiche eben noch lange nicht aus, um ein erfolgreiches Unternehmen zu etablieren. Viel wichtiger als die Idee an sich sei deshalb ihre Prüfung, mahnt Thierhoff. „Die meisten haben überhaupt keine Vorstellung, worauf es bei guten Geschäftsideen ankommt“, sagt der Mittvierziger, der selbst etliche Firmen gegründet hat.

Besonders verärgert sei er über die Naivität und die Selbstüberschätzung einiger Gründer. „Oft höre ich von Kunden, ihre Idee sei so genial, dass sie viral gehen werde“, sagt Thierhoff. „Das ist einfach lächerlich.“

Kopieren erlaubt

Bevor man sich mit seiner Idee überschätzt, sollte man sich lieber an bereits bestehenden Geschäftsmodellen orientieren – so wie 95 Prozent aller Neugründer. Wer eine Marktnische erfolgreich besetzen will, muss nämlich nicht zwingend das Rad neu erfinden – auch, wenn es immer wieder Gründer gibt, die diesen Anspruch haben. Papier aus Elchkot, Reisen für Kuscheltiere oder Pheromon-Partys, auf denen man seinen zukünftigen Partner am Geruch erkennt: Je ausgeflippter die Geschäftsidee, desto größer ist zwar des Echo in den Medien. Aussichtsreicher ist jedoch ein Geschäft auf erprobtem Terrain.

Auch beim Businessplan lohnt es sich, abzukupfern. Zwar raten Coaches wie Thierhoff eindringlich dazu, den Businessplan selbst zu schreiben – das bedeutet aber nicht, dass man nicht von einem bereits erstellten Geschäftsplan lernen und die besten Passagen für den eigenen Plan übernehmen kann. Allzu blind sollte man die Daten allerdings nicht abkupfern. „Die eigene Recherche steht immer an erster Stelle“, mahnt Thierhoff.

Natürlich ist es auch ohne bestehende Vorbilder möglich, eine Idee in ein erfolgreiches Unternehmen umzumünzen. Doch woran erkennt man, ob eine Geschäftsidee Aussicht auf Erfolg hat, wenn es noch keine Erfahrungswerte gibt?

Die Antwort kennen Investoren wie Daniel Attalah – schließlich ist es ihr Geld, das im Zweifel verloren geht. Seit Jahren sitzt der ehemalige Gründer im Komitee des High-Tech Gründerfonds und beurteilt aufstrebende Unternehmen auf ihren Erfolg. Er sagt: „Wenn jemand mit einer Idee gegen Facebook oder Google antritt oder eine Spezialplattform für ein Vertical aufbauen will, dann bin ich eher skeptisch.“ Die meisten Ideen höre er sich trotzdem an: „Denn wer weiß: Vielleicht pitcht da gerade der nächste Larry Page oder Mark Zuckerberg.“

Besondere Erfolgschancen hätten vor allem Geschäftsideen in den aufstrebenden Branchen der Zukunft, sagt Attalah. „Mobile Commerce, der Finanzsektor, aber auch große Segmente wie KFZ, Smart Home oder das Internet der Dinge sind vielversprechend.“ Wie bei allen anderen Themen sei aber auch hier die Prüfung der Geschäftsidee relevant.

„Better done than perfect“

Das A und O ist nach wie vor die Analyse des Marktes. „Egal womit der angehende Unternehmer sein Geld verdienen will: Er muss seine Kunden kennen“, mahnt Attalah, der schon einige Firmen hat scheitern sehen. Allein von seinem Produkt überzeugt zu sein, reiche nicht. „Der Gründer muss wissen, ob es für seine Lösung überhaupt ein Markt gibt“.

Seine Chancen sollte man dabei so früh wie möglich ausloten. Gründer sollten daher lieber ein unfertiges Produkt auf den Markt bringen als eine fertige Lösung, die kein Mensch braucht. „Better done than perfect“, rät Attalah seinen Schützlingen.

Eine gute Geschäftsidee zeichnet sich allerdings nicht nur durch Recherche, sondern auch durch das richtige Augenmerk aus. „Viele Gründer verlieren irgendwann den Blick für das Kernthema ihres Geschäfts“, sagt Attalah. Statt sich auf das eigentliche Geschäftsmodell zu fokussieren, verzetteln sich viele Gründer, in dem sie so viele Features wie möglich anbieten. Attalahs Rat: Lieber ein perfekter Spezialist in seiner Nische bleiben als ein unperfekter Alleskönner auf dem großen Markt.

Hätte Betzin diese Tipps befolgt, seine App wäre vielleicht ein Erfolg geworden. Stattdessen musste er das Scheitern seiner Firma schmerzlich erfahren: „Lange Zeit dachten wir, wir hätten eine Marktlücke entdeckt“, sagt Betzin. Emsig schrieb er daraufhin am Businessplan, entwickelte seine Geschäftsidee weiter, suchte Mitarbeiter und überzeugte sogar das Gremium des EXIST-Gründerstipendiums, ihn ein Jahr lang mit Coachings und finanziellen Mitteln zu unterstützen.

Mit dem Geld in der Tasche und einem motivierten Team an seiner Seite war Betzin für Großes bereit. Doch nur wenige Monate nach der Gründung wusste er: Bubble.it ist gescheitert.

„Wir haben einfach zu schnell den Fokus verloren“, sagt Betzin rückblickend, der es allen Kunden recht machen wollte. Die anfängliche App verwandelte sich erst in eine Karte, dann in einen Chat und dann in eine Art „Instagram für Events“, wie es der Gründer nennt. „Statt uns auf unsere Kernidee zu besinnen, hatten wir am Ende ein Konglomerat an Features“, sagt Betzin. „Das hat unsere App total verwässert.“

Aus Fehlern lernen

Heute, einige Monate nach seinem Scheitern, weiß er es besser. „Wir waren extrem naiv damals“, sagt Betzin, wenn er auf seinen Misserfolg zurückblickt. Nach wie vor sei er überzeugt von seiner Idee, seiner App und seinem Team. Doch die Nutzer hätten das Produkt damals nicht angenommen. „Es gab einfach keinen Markt dafür.“

Inzwischen ist Betzin erfolgreicher Gründer – mit einer ähnlichen Idee: Rausgegangen, ein lokaler Veranstaltungskalender für Köln, in dem jeden Morgen bis zu vier angesagte Events eingetragen werden, die sich vom Mainstream abheben. Und auch wenn es noch viele Möglichkeiten gibt, die App zu entwickeln: Die ursprüngliche Geschäftsidee behält Betzin dieses Mal im Auge. „Ich würde noch nicht sagen, dass wir den Durchbruch geschafft haben“, sagt der 27-Jährige bescheiden. „Aber ich werde alles daran setzen, damit wir Erfolg haben!“

Auf der nächsten Seite finden Sie eine Checkliste mit den zehn wichtigsten Fragen zu einer erfolgreichen Geschäftsidee.

Zehn Fragen zum Erfolg: Ist meine Geschäftsidee tragfähig?

  • Welchen Nutzen hat Ihr Produkt für den Kunden?
  • Gibt es eine klar definierte Zielgruppe?
  • Was sagen Freunde, Familie und Bekannte zu Ihrer Idee?
  • Gibt es die Geschäftsidee bereits? Und wenn ja, wie wurde sie realisiert?
  • Wie wollen Sie sich von der Konkurrenz absetzen?
  • Wie schaffen Sie den Markteintritt?
  • Wie hoch ist Ihr tatsächlicher Kapitalbedarf?
  • Haben Sie genügend Informationen für einen vernünftigen Businessplan?
  • Lässt sich die Idee weiterentwickeln? Ist eine Produktpalette möglich?
  • Eignet sich die Idee für den Aufbau einer langfristigen Existenz?