Ein eigenes Unternehmen und ein Mensch mit Behinderung: Der Mut zahlt sich aus. Karriereambitionen und flexible Arbeitsbedingungen lassen sich so vereinen.

Von Daniela Schumacher

Pamela Pabst hat beruflich alles richtig gemacht. Bereits während ihres Abiturs hospitiert sie im Kriminalgericht und organisiert Gerichtsführungen. Ehrgeizig verfolgt sie ihren Traum: Eine Anstellung im strafrechtlichen Bereich als Staatsanwältin oder Richterin. Sie beginnt an der Freien Universität in Berlin ihr Jura-Studium und schließt dieses mit Auszeichnung ab.

Dann der Schock: Aus der Stelle im öffentlichen Dienst wird nichts. Pamela Pabst ist seit Geburt an blind. Ein Ausschlusskriterium für die Anstellung. Doch wie viele andere Hürden, springt sie auch über diese und entscheidet sich für die Selbstständigkeit. Im Alter von 29 Jahren gründet sie ihre eigene Rechtsanwaltskanzlei: „Es ist ein tolles Gefühl, so etwas geschafft zu haben: Ich gebe mit meiner Kanzlei Menschen Arbeit, ich bilde Praktikanten und Referendare aus.“ Mit ihrer Kanzlei ist sie ihrem lange angestrebten Ziel treu geblieben und sie ist damit die erste von Geburt an blinde Strafverteidigerin der Bundesrepublik.

„In der Regel sind Menschen mit Behinderung sehr leistungsfähig und bereit den vollen Einsatz zu geben. Sie arbeiten sehr fleißig und gut“, so Pabst. Der Maßstab an dem man sich trotz der zusätzlichen Hürden messen müsse, sei die Leistungsfähigkeit von Menschen ohne Einschränkungen. An diesem hat sich auch Sven Koch immer orientiert. Im Alter von 21 Jahren erkrankt er an Multipler Sklerose- eine schubweise verlaufende Krankheit des zentralen Nervensystems. Die Erkrankung führt zu Einschränkungen im Bewegungsapparat und Sehstörungen, beides verschlimmert sich von Jahr zu Jahr. Trotzdem studiert er erfolgreich Wirtschaftsingenieurswesen in Aachen.

2011 schließt er seine Promotion mit „Magna cum laude“ ab und beginnt eine Stelle als Leiter für Produktionssysteme in einer Firma mit über 1000 Mitarbeitern. Er kann nur noch kurze Strecken zu Fuß zurücklegen, benötigt dazu Krücken und heute auch den Rollstuhl. Die regelmäßigen Rundgänge über das insgesamt 17000 Quadratmeter große Firmengelände stellten für ihn eine unüberwindbare Herausforderung dar. „Ich empfand mich als nicht gut aufgehoben beim Arbeitgeber. Es gab einen Mangel an Alternativen und man konnte keine Bewegung erkennen, mir etwas anderes anzubieten“, beschreibt Sven Koch seine Arbeitssituation „Man steht erstmal da: Zunächst war das ein absoluter Schock-Moment, dass es nicht mehr geht. Da schließt sich diese Tür. Aber für mich sind zwei andere aufgegangen.“ 2012 gründet er seine eigene Unternehmensberatung „Dr. Koch Consulting“.

Er berät Firmen bei Prozessen zur Produktionsoptimierung und in der Führungskräfteentwicklung. Heute bezeichnet er seinen Entschluss als den absolut richtigen Weg. Er sei nie der typische Arbeitnehmer gewesen. Eigene Ideen entwickeln, diese weiter vorantreiben, Neues schaffen- Sven Koch hat die klassische Gründermentalität in sich: „Gründer sind häufig ein ganzes Stück leidensfähiger, sie suchen ihren Weg, machen Dinge selber. Man hat viele Freiheitsgrade, muss aber auch viele Rückschläge einstecken, bis es klappt.“
Die Freiheitsgrade werden auch benötigt. Der Integrationsfachdienst Selbstständigkeit berät jährlich rund 100 Menschen. „Menschen mit Behinderungen brauchen häufig Bedingungen auf dem ersten Arbeitsmarkt, auf die sich die Arbeitgeber nicht einlassen wollen“, weiß Manfred Radermacher, Berater des Integrationsfachdienstes Selbständigkeit in Berlin.

Er erzählt von Autisten, die an einem reizarmen Arbeitsplatz sehr gute Arbeitsleistungen erzielen, von Menschen, die aufgrund von rheumatischen Erkrankungen längere Pausenzeiten benötigen oder Menschen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung in Abständen ausfallen. Auch Kerstin Gaedicke fühlte sich von ihrem Arbeitgeber nicht unterstützt. Durch den grünen Star ist sie seit Geburt an blind. 2007 entscheidet sie sich für die Selbstständigkeit. Dabei machte sie kurzerhand ihre Einschränkung zur Kompetenz. Sie kombiniert ihr sozialpädagogisches Wissen und ihre blindheitsspezifischen Erfahrungen zu einer neuen Geschäftsidee. Kerstin Gaedicke bietet mit ihrem Unternehmen “Blickwechsel“ Seminare und Trainings für den Umgang mit sehbehinderten und blinden Menschen an. Für sie eine großartige Chance: „Wenn man eine Behinderung hat, ist man gezwungen, sich stärker für sich selbst einzusetzen. Dadurch wird man hartnäckiger. Mich macht mein Unternehmen sehr glücklich.“

Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen jedoch, dass die Existenzgründung für Menschen mit Behinderung noch eine selten genutzte Chance ist. Gerade einmal zwei Prozent der bewilligten „Gründungszuschüsse“ werden von Menschen mit Behinderung beantragt- eine unterdurchschnittliche Beteiligung. Neben diesem können Menschen mit Behinderungen bei einer Existenzgründung Zuschüsse und Darlehen für behindertenbedingte Investitionen beantragen. Pamela Pabst hat so ihren Computer mit einer Braille-Zeile ausgestattet, der den Bildschirminhalt in Blindenschrift überträgt, sie hat einen sprechenden Stift und eine sprechende Briefwage. E-Mails lesen, Akten beschriften, Dokumente verwalten und mit Excel arbeiten- all das ist blinden Menschen so auch eigenständig möglich.

Außerdem gibt es die Möglichkeit Arbeitsassistenzen zu beantragen, deren Lohnkosten vom Reha-Träger gedeckt werden. „Behinderung und Gründung ist ein Spagat: Dazwischen sich selbst etwas zu beweisen und pragmatisch zu sein. Die eigenen Grenzen zu kennen und sie so auszugleichen. Man muss sich Hilfe suchen, wenn man sie benötigt“, so Pamela Pabst. Eine Arbeitsassistentin steht ihr 45 Stunden pro Woche zur Seite: Liest ihr Akten vor und gibt ihr Informationen über das Verhalten von Zeugen und Prozessbeteiligten vor Gericht.

So kommen zu den klassischen Herausforderungen in der Gründungsphase behinderungsbedingte Hindernisse hinzu. Um diese aufzufangen, gibt es spezielle Beratungsangebote in der Gründungsphase. „In Beratung fokussieren wir zuerst auf die Ideen und Kompetenzen und dann auf Schwächen und Risiken. Von Anfang an müssen die Behinderung und ihre Auswirkungen auf die Gründung in der Beratung thematisiert werden“, sagt Wolf Gunter Schlief, Leiter der Abteilung Inklusion im Kompass-Zentrum für Existenzgründungen.

Womit die Gründer vor allem lernen müssen umzugehen, ist die Frage, wie sie sich vor Kunden und Geschäftspartnern präsentieren. „Aspekte der Sicherheit spielen bei Gründern mit Behinderung eine besonders große Rolle. Auf die Planbarkeit und Verlaufszeit muss ein besonderer Fokus gelegt werden“, so der Berater. Der Umgang mit Krankheitsschüben oder Zeiten geringerer Belastbarkeit sollte daher eingeplant werden. In einem ersten Beratungsgespräch wird über die Start-up-Idee, Fähigkeiten, Stärken, den bisherigen Werdegang, betriebswirtschaftliche Erfahrungen, Finanzierungsmodelle, das soziale Umfeld, Gesundheit und den zeitlichen Rahmen gesprochen. In weiteren Einzel-Beratungen wird das Produkt durchdacht, eine Marktrecherche vorgenommen, erste Kunden-Kontakte aufgebaut und ein Business- und Finanzierungsplan erstellt. Seminare zu Themen wie Marketing, Buchhaltung, Steuern oder Unternehmerpersönlichkeit helfen weitere Kompetenzen vor dem Beginn des eigenen Start-ups aufzubauen.