2011 schließt er seine Promotion mit „Magna cum laude“ ab und beginnt eine Stelle als Leiter für Produktionssysteme in einer Firma mit über 1000 Mitarbeitern. Er kann nur noch kurze Strecken zu Fuß zurücklegen, benötigt dazu Krücken und heute auch den Rollstuhl. Die regelmäßigen Rundgänge über das insgesamt 17000 Quadratmeter große Firmengelände stellten für ihn eine unüberwindbare Herausforderung dar. „Ich empfand mich als nicht gut aufgehoben beim Arbeitgeber. Es gab einen Mangel an Alternativen und man konnte keine Bewegung erkennen, mir etwas anderes anzubieten“, beschreibt Sven Koch seine Arbeitssituation „Man steht erstmal da: Zunächst war das ein absoluter Schock-Moment, dass es nicht mehr geht. Da schließt sich diese Tür. Aber für mich sind zwei andere aufgegangen.“ 2012 gründet er seine eigene Unternehmensberatung „Dr. Koch Consulting“.

Er berät Firmen bei Prozessen zur Produktionsoptimierung und in der Führungskräfteentwicklung. Heute bezeichnet er seinen Entschluss als den absolut richtigen Weg. Er sei nie der typische Arbeitnehmer gewesen. Eigene Ideen entwickeln, diese weiter vorantreiben, Neues schaffen- Sven Koch hat die klassische Gründermentalität in sich: „Gründer sind häufig ein ganzes Stück leidensfähiger, sie suchen ihren Weg, machen Dinge selber. Man hat viele Freiheitsgrade, muss aber auch viele Rückschläge einstecken, bis es klappt.“
Die Freiheitsgrade werden auch benötigt. Der Integrationsfachdienst Selbstständigkeit berät jährlich rund 100 Menschen. „Menschen mit Behinderungen brauchen häufig Bedingungen auf dem ersten Arbeitsmarkt, auf die sich die Arbeitgeber nicht einlassen wollen“, weiß Manfred Radermacher, Berater des Integrationsfachdienstes Selbständigkeit in Berlin.

Er erzählt von Autisten, die an einem reizarmen Arbeitsplatz sehr gute Arbeitsleistungen erzielen, von Menschen, die aufgrund von rheumatischen Erkrankungen längere Pausenzeiten benötigen oder Menschen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung in Abständen ausfallen. Auch Kerstin Gaedicke fühlte sich von ihrem Arbeitgeber nicht unterstützt. Durch den grünen Star ist sie seit Geburt an blind. 2007 entscheidet sie sich für die Selbstständigkeit. Dabei machte sie kurzerhand ihre Einschränkung zur Kompetenz. Sie kombiniert ihr sozialpädagogisches Wissen und ihre blindheitsspezifischen Erfahrungen zu einer neuen Geschäftsidee. Kerstin Gaedicke bietet mit ihrem Unternehmen “Blickwechsel“ Seminare und Trainings für den Umgang mit sehbehinderten und blinden Menschen an. Für sie eine großartige Chance: „Wenn man eine Behinderung hat, ist man gezwungen, sich stärker für sich selbst einzusetzen. Dadurch wird man hartnäckiger. Mich macht mein Unternehmen sehr glücklich.“