Mit Start-ups die Armut bekämpfen: Das ist ein Ziel der Entwicklungshilfe der GIZ. Warum Gründen in Entwicklungsländern helfen kann – und warum Scheitern keine Option ist, erklärt Birgit Seibel im Interview.

Ein Start-up muss nicht gleich Milliarden scheffeln. Manchmal kann es Menschen auch einfach dabei helfen, aus ihrer Armut herauszukommen. Dabei hilft auf internationaler Ebene die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).  WirtschafstsWoche Gründer sprach mit GIZ-Gründerexpertin Birgit Seibel (im Bild links) darüber, warum Scheitern in Entwicklungsländern keine Option ist und auch Deutschland in einigen Punkten noch Hilfe benötigen würde.

Frau Seibel, die GIZ unterstützt Start-ups und Existenzgründer in vielen Entwicklungsländern. Ziel der GIZ ist ja nicht, das nächste Eine-Milliarde-Dollar-Start-up zu finden. Was wollen Sie mit der Förderung erreichen?
In vielen Ländern strömen jedes Jahr unzählige junge Leute auf den Arbeitsmarkt und es gibt zu wenige Jobs. Deswegen geht es darum, bestehende Unternehmen bei ihrem Wachstum zu unterstützen. Aber das reicht nicht aus. Wir müssen versuchen, vielmehr Arbeitsplätze zu schaffen. Und aus diesem Grund fördern wir Gründer.

In welchen Ländern brauchen die Gründer Ihre Hilfe?
Wir engagieren uns zum Beispiel in Tadschikistan. Das ist ein Land, in dem ein Großteil der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebt. Auf der anderen Seite ist es ein Transitland: Viele Lastwagen durchqueren das Land von China auf der Ost-West-Achse und von Afghanistan auf der Nord-Süd-Achse. In dieser ärmlichen Gegend entlang der Transitroute unterstützen die Kollegen vor Ort Existenzgründer. Dort entstehen nun kleine Restaurants, Hotels und Werkstätten für die Lkws.

Wie sieht Ihre Unterstützung aus?
Die GIZ hilft durch Beratung. Wir arbeiten nicht direkt mit den Gründern vor Ort zusammen, sondern mit Kooperationspartner wie Verbänden oder Kreditinstitute. In Tadschikistan haben wir uns mit mehreren Mikrofinanzbanken hingesetzt und ein Finanzprodukt für Start-ups entwickelt. Mit den Mitarbeitern gab es Schulungen für Kreditanalysen, damit sie künftig überhaupt das Risiko von den Kleinunternehmern und Start-ups bewerten können.

Reicht das?
Nein, für die Unternehmensgründer gibt es außerdem Kurse zur finanziellen Grundbildung, aber auch allgemeine Informationen zur Existenzgründung. Dort lernen sie, wie sie einen Geschäftsplan richtig schreiben und auf welche rechtlichen Anforderungen sie achten müssen. Auch das machen wir nicht direkt mit den Gründern, sondern arbeiten mit Handelskammern und Verbänden zusammen. Alleine 2014 sind hier 2400 Jobs entstanden.

Mit was für Geschäftsideen gehen die Gründer an den Start?
Es sind sehr kleine Start-ups. Es gibt zum Beispiel eine Gruppe von Frauen, die vorher immer landesübliches Gebäck und Knabbereien an der Straße an Lkw-Fahrer verkauft hat. Sie arbeiten nun zusammen und haben gemeinsam einen Geschäftsplan entwickelt. Die kleine Bäckerei, die entstanden ist, beschäftigt mittlerweile zwölf Menschen und das Geschäft der Frauen hat sich verdreifacht. So entstehen entlang der Transportkorridore ganz viele Unternehmen.

Wie stellt sich GIZ in anderen Ländern auf die Gegebenheiten vor Ort ein?
Die Projekte in Indien haben zum Beispiel einen ganz anderen Kontext. Zugang zu Kapital ist dort nicht das große Problem – denn Indien gilt ja als Land der Mikrokredite. Mit dem virtuellen Inkubator „Startupwave“ versuchen wir, Beratung in abgelegene Gegenden zu bringen. Auch dort besteht viel unternehmerisches Potential. Über die Online-Plattform können Gründer ein Coaching bekommen. Außerdem wollen wir ein Netzwerk von Online-Mentoren aufbauen. In Online-Modulen lernen die Gründer, wie sie ihre Business-Idee schärfen und den Markt abklopfen können. Das Programm läuft seit einem Jahr und es haben sich mehr als 300 Leute registriert. 20 potenzielle Gründer haben das gesamte Training durchlaufenund stehen in Verbindung mit einem Mentor. Es handelt sich ja um die Phase der Preinkubation – Unternehmen sind daraus noch nicht entstanden.

300 Leute – das hört sich im Zusammenhang mit Indien nach einem Tropfen auf den heißen Stein an. Sind Sie mit den Zahlen zufrieden?
Wir wollen, dass sich aus den Initiativen langfristig etwas entwickelt. Der virtuelle Inkubator ist ein Test, das muss man ganz klar sagen. 300 registrierte Leute sind ein Anfang. Um es weiter auszubreiten, haben wir die Beraterstruktur vor Ort. Der virtuelle Inkubator soll eine Initialzündung sein und wir schauen dann, ob es läuft. Mittlerweile gibt es auch aus Afrika Interesse an dem Projekt: Die ruandische Regierung überlegt, mit Hilfe der GIZ das Modell zu kopieren.

Seit einigen Jahren entstehen auch in Entwicklungsländern besonders in Afrika privatwirtschaftliche Kapitalgeber und Inkubatoren. Machen Sie mit Ihren Angeboten nicht den Markt kaputt?
Das ist ein wichtiger Punkt. Wir schauen immer, wo es Marktlücken gibt. Wenn zum Beispiel Mikrokredite in einer Region angeboten werden, halten wir uns raus. Wir wollen auf keinen Fall den lokalen Markt kaputt machen. In Indien sprechen wir deswegen gezielt die Bevölkerung in den ländlichen Gegenden an, das sind die vernachlässigten Regionen, wo ein Großteil der Armen lebt. Dort gibt es wenig Beratungsangebote.

Welche Art von Gründern ist besonders auf Hilfe angewiesen?
Sozialunternehmer. Also Gründer, die arme Menschen beteiligen oder Produkte für sie entwickeln. Es gibt überall in Indien unglaubliche viele Ideen, aber die Gründer bekommen überhaupt keinen Zugang zu Kapital. Den Banken fehlt einfach die Erfahrung damit. Sie wissen nicht, wie man das Risiko bewerten kann.Wir haben deswegen ein Beraternetzwerk vor Ort mit Business Angels aufgebaut. 40 Business Angels waren bereit, tatsächlich in die sozialen Unternehmen zu investieren. Insgesamt 20 Unternehmen wurden ausgewählt, fünf davon schon mit Kapital versorgt. Auch die indische Regierung hat das Problem erkannt und unterstützt solche Gründer mit einer eigenen Institution.

Die Ein Dollar, ein typisches Beispiel für ein Sozialunternehmen. Quelle: Martin Aufmuth, EinDollarBrille

Die Ein Dollar Brille, ein typisches Beispiel für ein Sozialunternehmen
Quelle: Martin Aufmuth, EinDollarBrille

Sozialunternehmertum klingt immer gut. Was verbergen sich konkret für Unternehmen hinter dem Begriff?
Da gibt es zum Beispiel die Ein-Dollar-Brille. Der Gründer hat sich hingesetzt und aus einfachen Bauteilen eine Brille entworfen. Er produziert in Afrika und vertreibt die Brillen über ein Franchise-System. Es gibt also Händler, die mit einem Koffer in die Dörfer gehen und dort ganz einfache Tests für die Sehfähigkeit machen. Die Brille können sie dann direkt anfertigen. Dieses Angebot können sich auch die Armen im Dorf leisten.

Klingt gut. Warum bekommt so ein Start-up kein Geld von privaten Investoren? Die Nachfrage ist doch riesig.
Ich behaupte mal, dass es selbst in Deutschland schwer ist, Banken von diesen Ideen zu überzeugen. Nicht umsonst fördert die Europäische Union in dem Bereich massiv – dem sogenannten Social Entrepreneurship. Auch in Europa muss es sich durchsetzen, dass solche Ideen Marktpotential haben. Außerdem fehlen vielen Sozialunternehmern die unternehmerischen Fähigkeiten, um einen sauberen Geschäftsplan aufzustellen.

Bei den Problemen, die Sie schildern, geht es vor allem um Bildung und Kapital. Welche größeren strukturellen Probleme in den Ländern gibt es noch?
Häufig müssen wir sehr grundsätzlich anfangen, weil der rechtliche und administrative Rahmen in vielen Ländern so kompliziert ist. Es dauert ewig, bis man ein Unternehmen registriert hat. Die Gründer müssen dort von Pontius zu Pilatus laufen und gegen Korruption kämpfen.

Wie kann die GIZ da helfen?
Auf den Philippinen hat es früher zum Beispiel ewig lange gedauert, ein Unternehmen zu registrieren. Die Gründer mussten außerdem recht hohe Lizenzgebühren zahlen. Wir haben uns dort mit der Verwaltung hingesetzt und mal aufgezeichnet, wo ein Gründer überall hin muss. Danach haben wir einen One-Stop-Shop entwickelt. Der Unternehmer muss also nur zu einer Registrierungsbehörde. Der Gründungsprozess wurde so von 17 auf zwei Tage reduziert, die Kosten um 75 Prozent gesenkt.

In Deutschland sollten Sie vielleicht auch mal mit der Verwaltung ein Mentoring machen. Hier gibt es ja auch einige bürokratische Hürden.
(lacht verhalten) Das stimmt, andere Länder wie England sind da, glaube ich, schon weiter.

Hierzulande scheitern viele Existenzgründer nach einigen Jahren. Inwiefern spielt der Erfolg der Unternehmen bei Ihnen eine Rolle?
Uns ist wichtig, dass unsere Projekte langfristig funktionieren, deswegen arbeiten wir mit lokalen Experten zusammen und bieten selber keine Unternehmensgründungskurse an oder verteilen selber Kredite. Wenn wir wieder weg sind – das ist meist nach drei Jahren der Fall -, darf nicht alles zusammenklappen. Jedes Projekt hat konkrete Ziele. In Tadschikistan wollen wir beispielsweise in drei Jahren 5000 Jobs durch Existenzgründer und das Wachstum von bestehenden Unternehmen fördern. Und das verfolgen wir genau. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir die Ziele erreichen.

Und wenn nicht?
Dann überprüfen wir unsere Ansätze, denn wir erleben auch nicht immer Erfolge…

Wo sind Ihnen denn Fehler unterlaufen?
Es ist wichtig, Existenzgründern immer ein Trainingspaket anzubieten. Wir haben anfangs in einem Programm beispielsweise Traininsgmaßnahmen entwickelt, in denen Gründer interaktiv ihre eigenen Geschäftspläne erarbeitet. Nach dem Kurs wurden die Gründer aber alleine gelassen, es gab kein On-Going-Coaching. Das hat nicht gereicht, denn einzelne Maßnahmen bringen wenig. Die Förderung muss Training, Begleitung und Zugang zu Kapital beinhalten – das Paket ist wichtig. In unseren aktuellen Projekten berücksichtigen wir das.

 Birgit Seibel ist Leiterin des Sektorvorhabens „Innovative Ansätze der Privatwirtschaftsförderung“ bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit.