Noch vor drei Jahren erreichte die deutsche Hauptstadt im „Global Start-up Ecosystem Ranking“ nur den 15. Platz. Nun hat sich Berlin zu einem der am schnellsten wachsenden Hubs weltweit entwickelt.

Nicht nur in Deutschland gilt Berlin als einer der wichtigsten Anlaufpunkte für die Start-up-Szene: Auch international hat die Hauptstadt der Bundesrepublik ihren Ruf seit 2012 deutlich aufpolieren können. Das zeigt das „Global Start-up Ecosystem Ranking 2015“, eine Studie des Analysenetzwerks Compass. Demnach hat sich Berlin als Ökosystem für Gründer von Platz 15 auf Platz neun vorgearbeitet – binnen nur drei Jahren. Abgesehen von Singapur kann keine Stadt im Ranking einen größeren Sprung nach vorne vorweisen.

Die USA bleiben allerdings Spitzenreiter im globalen Ranking. Mit dem Silicon Valley, New York City, Los Angeles und Boston belegen die Vereinigten Staaten gleich die ersten vier Ränge, unter den besten Zehn stehen insgesamt sechs Orte aus den USA. Europa kann mit London (Platz 6) und eben Berlin gerade einmal zwei Plätze in den Top Ten belegen.

Vom „lokalen Powerhouse“ an die Spitze?

Trotz der US-Dominanz ist der Sprung von Berlin unter die besten zehn Start-up-Ökosystem weltweit bemerkenswert. Denn keine andere Stadt weist ein so hohes Wachstum auf wie Berlin. Mit einem Maximalscore von 10 lässt die deutsche Metropole alle anderen Ökosysteme in diesem Bereich weit hinter sich. Zum Vergleich: Bangalore mit dem zweitbesten Wachstumsindex kommt gerade einmal auf eine Bewertung von 4,9.

Für diesen „beeindruckenden Sprung“, wie es im Global Start-up Ecosystem Ranking heißt, zeichnen sich maßgeblich zwei Aspekte verantwortlich: die Exits und die Investitionen von Venture Capitalists in der deutschen Hauptstadt. Insgesamt verbuchten die 20 Top-Ökosysteme von 2012 bis 2014 jährlich rund zwei Drittel (78 Prozent) mehr Exits. Eine treibende Metropole dieser Entwicklung: Berlin. In der deutschen Hauptstadt haben sich die Exits verzwanzigfacht. Als Grund dafür nennen die Autoren unter anderem die großen Börsengänge von Rocket Internet und Zalando.

Ähnlich beeindruckend liest sich aber auch das Wachstum von Venture Capital in der Hauptstadt. Kein anderes Start-up-Ökosystem kann in diesem Bereich ein so starkes Plus vorweisen wie Berlin. Die Investitionen von Risikokapitalgebern haben sich in der Stadt seit 2012 verzwölffacht. Das Silicon Valley konnte die Finanzierungen von den Geldgebern im selben Zeitraum „nur“ verdoppeln. Im Global Start-up Ecosystem Ranking schreiben die Experten dazu: „Es gibt keinen Zweifel daran, dass Berlin auf dem Weg in die höhere Führungsetage der Start-up-Ökosysteme ist.“

Das vorherige Ranking von November 2012 hatte Berlin noch als „lokales Powerhouse“ gesehen. Viele Interessensgruppen, die schon damals in der deutschen Hauptstadt involviert waren, hätten die Stadt damals als zu niedrig bewertet gesehen, da sie Berlin schon damals mit „lokaler Energie und Enthusiasmus“ haben agieren sehen, heißt es in der Studie: „In diesem Fall hat sich herausgestellt, dass ihre provinzielle Überzeugung ein Vorbote des Fortschritts war.“

Viel Risikokapital für wenige Start-ups

Allerdings gibt es einen Haken beim Venture Capital: Zwar hat Berlin mit einer eingesammelten Summe von zwei Milliarden US-Dollar sogar London überholt. Doch das sei durch einzelne Start-ups wie den Lieferdienst Delivery Hero, der ungefähr 520 Millionen Dollar dieser Summe einstrich, zu begründen und nicht damit, dass die Berliner Start-up-Szene mündig geworden sei. Es bleibe eine Herausforderung, Later-Stage-Finanzierungen in der Hauptstadt zu erhalten, resümiert das Global Start-up Ecosystem Ranking.

Auch die Mitarbeiterakquise könnte für die Hauptstadt künftig zum Problem werden. Zwar liegt der Anteil der Angestellten, die bereits Erfahrungen aus einem Start-up mitbringen, rund 26 Prozent höher als im europäischen Schnitt. Zudem kann die Gründermetropole 49 Prozent ausländischer Mitarbeiter vorweisen und liegt damit in Europa auf Platz zwei im Bereich Diversifizierung. Doch bei der Bezahlung seiner Software-Ingenieure kann Berlin nicht einmal ansatzweise mit den Unternehmen aus dem Silicon Valley mithalten. Verdient ein Software-Experte in Berlin 63.000 Dollar, bekommt er im Start-up-Tal der USA 140.000 Dollar. Im Kampf um Fachkräfte könnte dieser Unterschied für Berlin langfristig zum Nachteil werden.

Nicht nur in Bezug auf die deutsche Hauptstadt lässt sich sagen, dass die USA das Maß aller Start-up-Szenen bleiben. Auch im europäisch-amerikanischen Vergleich schneiden die Vereinigten Staaten insgesamt besser ab. Zwar kann Europa etwa bei den Exits ein schnelleres Wachstum vorweisen als die US-amerikanischen Ökosysteme: Auf dem alten Kontinent vervierfachten sich die Unternehmensausstiege, in den USA lag der Anstieg lediglich bei einem Faktor von 1,5. Trotzdem lag das Volumen der Exits im Jahr 2014 in den Vereinigten Staaten noch 34 Prozent höher als in den europäischen Metropolen.

An das Silicon Valley kommt keiner heran

Allein das Silicon Valley konnte 30 bis 50 Prozent der gesamten Exits verbuchen. So verwundert das Resümee des Global Start-up Ecosystem Rankings auch wenig: Über die nächsten Jahre werde das Silicon Valley an der Spitze bleiben, schreiben die Autoren – auch wenn andere Ökosysteme schneller wachsen.

Das Global Start-up Ecosystem Ranking bescheinigt dem weltweiten Start-up-Sektor insgesamt, sich in den vergangenen drei Jahren seit der letzten Untersuchung in einer „boomenden Schnelligkeit“ entwickelt zu haben. Es habe „nie eine bessere Zeit“ gegeben, um ein Tech-Entrepreneur zu sein, schreiben die Autoren der Studie. Gründer seien nun mit den Hilfsmitteln, Ressourcen und Marktkonditionen ausgestattet, um ein Start-up schneller als je zuvor zu einem Milliarden-Dollar-„Unicorn“ zu machen. Dass sie damit nicht übertreiben, zeigen wiederum andere Studien.