Bei der German American Conference an der Harvard University treffen deutsche Start-ups auf amerikanische Investoren – und haben ein Ziel.

Von Louisa Riepe

Steffen Wichmann macht es „affectiva“ nicht leicht. Er zieht seine Mundwinkel nur ein kleines bisschen nach oben. Und doch analysiert die App messerscharf. Die Ipad Kamera nimmt sein Gesicht auf, optische Sensoren erkennen den Ausdruck und ein Algorithmus vergleicht die gerunzelte Nase und die hochgezogenen Augenbrauen mit einer Datenbank von über 2,8 Millionen Gesichtern. Das Ergebnis der Emotionsanalyse: Wichmann lächelt, er ist glücklich, mit 99 prozentiger Sicherheit.

„Affectiva“ erkennt am Gesichts, in welcher Stimmung sich die Person am Bildschirm befindet. Was uns Menschen leicht fällt, war für Computerprogramme bisher eine große Herausforderung. „Beängstigend, aber auch spannend“, findet Student Wichmann die Technologie, als er unter großem Applaus wieder vom Podium herunter gestiegen ist. Ganz spontan hat er sich als Testperson für Gründerin Rana el Kaliouby zur Verfügung gestellt. Aus „akademischem Interesse“, wie er sagt.

In diesem Semester studiert er International Management an der University of North Carolina. Deshalb hat er sich in Boston spontan als Testperson in die Emotionsanalyse der amerikanischen Gründerin Rana el Kaliouby begeben: „Ich wollte wissen, wie gut die Emotionsanalyse funktioniert. Bei Snappchat hakt es ja immer noch ein bisschen, aber solche Apps erzeugen riesige Datenmengen, die Unternehmen für Werbung nutzen können.“

Innovationen zum Ausprobieren – dafür ist Wichmann an diesem Wochenende an die Harvard University in Boston gekommen. Bei der German American Conference treffen sich rund 700 Studenten, um über die deutsch-amerikanischen Beziehungen zu diskutieren. Mit der „Startup Innovators Lounge“ und einem Panel zum Thema „Industrie 4.0“ legen die Organisatoren der German American Conference zum ersten Mal einen Fokus auf deutsch-amerikanische Wirtschaftsbeziehungen. Diese Plattform nutzen auch 30 Unternehmen aus Deutschland und den USA. Mitten auf dem Campus präsentieren sich Siemens und die deutsche Bank genauso wie die erfolgreichen Gründer von Blue Yonder und Kapten & Son.

Intelligente Apps sind Trend wie „affectiva“ sind in der Innovation Lounge gleich mehrere vertreten. Auch ein deutsches Unternehmen ist dabei: Matchinguu aus München. Gründer Felix Heberle (35) erklärt sein Konzept so: „Wir machen Werbung auf dem Smartphone zielgerichteter, indem wir Nutzerprofile erstellen.“ Dazu werden unter anderem Klickzahlen ausgewertet. Wenn das Konzept funktioniert, empfiehlt das Smartphone die Bahn-App, wenn der Besitzer am Bahnhof wartet. Oder schickt an einem regnerischen Freitagabend das neueste Kinoprogramm. „Service statt Werbung“, nennt Felix Heberle das.

In Deutschland ist Matchinguu schon so erfolgreich, dass in einem halben Jahr einer von acht Smartphone Nutzern mindestens eine von Heberles intelligenten Apps besitzen wird. Wachstum erwartet der Gründer daher auch auf dem amerikanischen Markt: „Die USA sind das Land der schnellen Skalierung.“ Zum einen seien dort die Investoren risikofreudiger. Zum anderen „kann ich in einem Land und in einer Sprache 300 Millionen Nutzer erreichen.“

Aber so ein Markteinstieg in den USA ist nicht ohne Risiko. Christoph Lengauer vom German Accelerator in Boston berät deutsche Unternehmen und sagt: „Viele Start-ups zerbrechen an der Aufgabe.“ Wie kommt man an Geld? Wann ist der richtige Zeitpunkt um sich zu vergrößern? Wie bilde ich ein starkes Team? Wie kann man vom weltweiten Wettbewerb profitieren? Im Auftrag des deutschen Wirtschaftsministeriums arbeitet Lengauer mit den Unternehmen an vielen Baustellen.

In den ersten drei Monaten haben sich bereits sechs deutsche Start-ups mit ernsthaftem Interesse bei Lengauer gemeldet. Das zeigt, wie groß die Anziehungskraft des amerikanischen Marktes ist: „In Europa fehlt es an allem. An Geld, an Infrastruktur, an Referenzpunkten.“ Insofern hält Lengauer einen Markteinstieg in Amerika grundsätzlich für alle deutschen Unternehmen für sinnvoll.

Ein gutes Beispiel wie es klappen kann ist „Soofa“. Denn obwohl die drei Gründerinnen alle aus Deutschland stammen, haben sie ihre intelligente Parkbank zuerst in den USA auf den Markt gebracht. Der Grund: Jutta Friedrichs, Sandra Richter und Nan Zhao haben sich vor zwei Jahren während des Studiums in Boston kennengelernt. Ein halbes Jahr später folgte die Gründung ihres gemeinsames Unternehmens.

Friedrichs ist Designerin, ihre Kolleginnen haben sich im Studium mit intelligenten Möbeln und Umweltanalyse beschäftigt. Daraus entstand das Soofa: Eine Parkbank mit integriertem Solarpanel, an dem Besucher ihre Smartphones aufladen können. Gleichzeitig trägt die Bank zur dynamischen Stadtentwicklung bei: „Mit Sensoren vermisst Soofa seine Umgebung: Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Verkehr“, so Friedrichs. Die gesammelten Daten könnten zum Beispiel dazu beitragen, Parks gezielter anzulegen oder Staus zu vermeiden. „Soofa ist eine Schnittstellen zwischen Bürgern, Unternehmen und der Stadt“, sagt Friedrichs.

Diese Vorzüge hat schon US-Präsident Barack Obama genießen dürfen. Der Prototyp wurde im Weißen Haus aufgestellt. Bei der German American Conference hat der Entertainer und erklärte Couch-Experte Thomas Gottschalk auf dem „Soofa“ platzgenommen. Und auch Steffen Wichmann sitzt bequem auf der Bank, während sein Smartphone am solargespeisten Ladekabel hängt: „Heute habe ich vier externe Ladegeräte dabei, damit mein Smartphone immer Strom hat. Deshalb finde ich das Soofa so beeindruckend: So etwas müssen wir in unserem mobilen Zeitalter haben.“

Teilnehmer wie „affectiva“, „Matchinguu“ und „Soofa“ „zeigen ein Bild von der Start-up-Szene zwischen Silicon Valley und Berlin“, sagt der GAC Co-Vorsitzende Noshad Irshad. Und: „Wir wollen den deutschen Startups helfen, in den amerikanischen Markt zu kommen.“ Denn um dort zu bestehen braucht es vor allem eins: Ein Netzwerk. „Ich glaube das ist eines der größten Learnings für uns Deutsche“, sagt Irshad. Schließlich gelten die Amerikaner als Meister des Smalltalks. Möglichkeiten dazu gibt es auf dem Campus der Harvard University genug. In der Kaffeepause, beim Lunch oder Galadinner treffen Elitestudenten, Prominente, Startups und Investoren aufeinander.

Auch Felix Heberle schätzt diese informelle Atmosphäre und hat viele Kontakte zu anderen Start-ups geknüpft. Für den Galaabend hat er aber noch ein weiteren Kommunikationspartner im Auge: „Ich will Kai Diekmann mein Konzept vorstellen.“ Von dem Medienexperten erhofft sich Herberle vor allem konstruktive Kritik für „Matchinguu“: „Wenn ich hier die Chance habe, jemanden mit einer solchen Social-Media-Kompetenz zu treffen, nutze ich die natürlich.“

Auf Prominentenjagd ist Steffen Wichmann in Boston nicht. Ihn interessieren die Innovationen. Mittlerweile hat er sich bis zum Informationsstand der Lufthansa durchgearbeitet. Das Unternehmen hat eine Occulus Rift mitgebracht. Wer die Brille aufsetzt, sieht eine Flugzeugkabine in Virtual Reality. Wichmanns Urteil: „Damit will ich lieber keinen Horrorfilm sehen.“ So real wirken die Bilder. Von der German American Conference nimmt er vor allem eines mit: Inspiration für sein Studium.