Der Entscheidungspsychologe Gerd Gigerenzer rät, öfter aufs Bauchgefühl zu hören. Im Interview erklärt er, warum das für Gründer besonders gilt.

Gerd Gigerenzer ist ein deutscher Psychologe. Er leitet das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und beschäftigt sich aktuell vor allem mit Entscheidungen von Führungspersonen wie Ärzten, Richtern und Managern. Bekannt geworden ist der heute 69-Jährige durch seine Veröffentlichungen über Intuition und Bauchentscheidungen. In scheinbar unlogischen Entscheidungswegen sieht er eher etwas Positives.

WirtschaftsWoche Gründer: Bauchgefühl ist Ihrer Meinung nach oft ein guter Ratgeber. Gilt das auch für Gründer?

Gerd Gigerenzer: Gerade wenn wir Menschen es mit hoher Unsicherheit zu tun haben, also Risiken nicht berechnen können, sind wir auf Erfahrung angewiesen. Ist diese Erfahrung unbewusst, nennen wir sie Intuition, das Bauchgefühl. Gründer sind häufig in Situationen, in denen sie sehr wenig berechnen können. Daher müssen sie sich besonders auf gute Intuition verlassen, mehr zum Beispiel als Manager.

Einige Studien zeigen, dass Erstgründer weniger intuitiv vorgehen. Können sich daher nur Seriengründer mit eigener Gründungserfahrung auf ihr Bauchgefühl verlassen?

In gewissem Sinne ja. Genau deshalb müssen wir die Möglichkeit des Scheiterns in Betracht ziehen und unsere Kultur ändern. In den USA wird Scheitern eher als ein Zeichen von Erfahrung gesehen, bei uns als etwas Negatives. Dabei gibt es viele Beispiele von modernen Unternehmen, die zunächst einige Male gescheitert sind, aber heute zu den Marktführern zählen. Wir sollten Risiko daher viel mehr als Chance betrachten anstatt Angst vor dem Scheitern zu haben. Dafür müssten schon Kinder in der Schule mehr in Risikokompetenz geschult werden.

Für jeden Gründer gibt es irgendwann ein erstes Mal. Wie wäre Ihre Strategie für die erste Gründung?

Entscheidungen sind immer ein Wechselspiel von Intuition und Fakten. Wenn es aber nicht viele Fakten gibt oder keine verlässlichen, dann hilft logisches Denken nicht. Man kann vorher einfach nicht wissen, ob ein Produkt wirklich ein Markterfolg werden wird. Steve Jobs hielt wenig von Marktanalysen. Stattdessen sollte man ein Produkt entwickeln und den Menschen zeigen, dann würden sie es mögen. Ein gutes Beispiel ist Henry Ford, der gesagt hat: „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde.”

Gibt es Phasen der Gründung, in denen Bauchgefühl besonders wichtig ist?

Das ist bei Start-ups wie in der Wissenschaft: Fortschritt gibt es, wenn man neue Ideen hat, die man eben nicht einfach logisch ableiten kann. Ideen, von denen man nicht weiß, woher sie eigentlich kommen. Einstein hat einmal gesagt: „Der intuitive Geist ist ein Geschenk und der rationale Geist sein Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.“ Sprich, für ihn war ganz klar, dass Intuition unverzichtbar ist, auch wenn sie nicht immer richtig ist. Aber es würde kaum Fortschritt geben, wenn man diesen Intuitionen niemals nachginge. Daher ist das Bauchgefühl am Anfang besonders wichtig. Wenn sich die Idee allerdings als erfolglos herausstellt, sollten Unternehmer auch bereit sein, aufzugeben und von vorne anzufangen.

Wie sieht es bei Investoren aus? Verlassen auch sie sich auf ihr Bauchgefühl?

Ich habe mit mehreren Wagniskapitalgebern gesprochen und gefragt, wie sie entscheiden. Machen Sie eine Pro-Contra-Liste? Die Antwort war meistens Nein.

Seit der Forschung der Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Amos Tversky wissen wir, dass Bauchgefühl auch bedeutet, sich an Daumenregeln, sogenannten Heuristiken, zu orientieren. Sie meinen, dass es ebenso sinnvoll ist, sich bewusst an diese einfachen Regeln zu halten, statt viele Informationen zu analysieren. Welche Daumenregeln könnten für Gründer besonders nützlich sein?

Für Start-ups gibt es ein Prinzip, das heißt „start small“. Also beginne klein und wachse langsam. Tatsächlich ist es für Start-ups oft gut, sich zunächst in einem kleinen Team zu entwickeln. Dann hat man nicht wie in großen Unternehmen das Problem der Verantwortungsdiffusion.

Eine weitere wichtige Heuristik ist die Rekognitionsheuristik, also Wiedererkennungsheuristik. Sie besagt grob, dass Menschen sich eher für das entscheiden, was sie kennen. Der Marketingleiter von Benetton hat daher einmal gesagt, dass es eigentlich nur darum gehe, den Namen Benetton so vielen Menschen wie möglich einzuprägen. Denn was wir kennen, kaufen wir auch eher.

Herr Gigerenzer, vielen Dank für das Gespräch!