Autoindustrie, Hidden Champions, Start-ups: In Baden-Württemberg sind wichtige Wege häufig kurz. Doch etwas mehr Mut zum Wandel wünscht sich Phinc, das aus dem Ökosystem in Stuttgart berichtet.

Montag ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer. In regelmäßiger Folge erzählen Start-ups, die sich in den über das ganze Land verteilten Digital Hubs engagieren, aus ihrem Ökosystem. Heute berichtet Manuel Feuchter von Phinc. Das Start-up hilft produzierenden Unternehmen, Daten und Künstliche Intelligenz zu verwenden. Das junge Unternehmen ist Teil des Future Industries Hubs in Stuttgart – im Fokus steht dort die Arbeit an Themen wie Industrie 4.0, Mobility und Smart Products.

Ihr seid Teil des Future Industries Hubs Stuttgart. Warum?
Der Space lebt davon, dass sich Leute austauschen, hier viele Start-ups zukommen und auch mal eine Größe der Wirtschaft durchläuft. Die Kultur ist sehr offen und man kann sich jederzeit über aktuelle Themen und Probleme austauschen. Durch Corona ist es natürlich etwas eingeschränkt, aber normalerweise gibt es auch immer wieder Veranstaltungen mit großen Unternehmen, wie zum Beispiel Daimler. Da entstehen wertvolle Kontakte für die Vernetzung.

Was gefällt euch am Ökosystem vor Ort?
Die Region ist ganz klar durch die Automobilindustrie und die Hidden Champions im Maschinenbau sehr technisch geprägt. Man bewegt sich hier im Spannungsfeld zwischen modernen und älteren, großen und kleineren Unternehmen. Viel Raum für Innovation, die etliche Betriebe noch nicht gewinnbringend einsetzen. Also ein super Umfeld, um als kleines Start-up wachsen und die richtigen Kunden finden zu können. Und die meisten Schwaben sind auch wirklich weltoffen. Hören sich meist gerne an, was junge und dynamische Unternehmen mitbringen und versuchen das mit der hiesigen Qualität zu verbinden.

Woran mangelt es noch?
Stuttgart würde mehr Berliner Charme gut tun. Nicht nur mit Sneakern und Sakko Geschäft machen, sondern vielmehr die Mentalität, einfach Neues auszuprobieren. Ich finde die Region sollte die Technologieführerschaft, die sie hat, mit mehr Mut für Wandel kombinieren. Heute – nicht erst morgen. Viele reden von Agilität, leben sie aber nicht. Hier trifft schwäbischer Perfektionismus auf neue Entwicklungsmuster. Außerdem ergeben sich Anforderungen und Akzeptanz ganz oft erst im Laufe des Geschehens. Wir sollten öfter so groß denken wie Elon Musk, denn gerade die Region hier kann wirklich viel bewegen.

Was konntet ihr von anderen Gründern lernen?
Wir tauschen uns mit Start-ups über Themen wie Preismodelle, Probleme von Produktionslandschaften und Investoren aus. Mit einem anderen Start-up, das auch hier sitzt, haben wir versucht, gemeinsame Kunden zu finden und Angebote geschrieben. Das geht dann schon weit über eine kurze Plauderei an der Kaffeemaschine hinaus.

Wie leicht findet ihr in eurer Region Mitarbeiter?
Gerade ist es gar nicht so schwierig, als Start-up Mitarbeiter zu finden, weil Corona bei den großen Unternehmen etwas auf die Sparbremse drückt. Neben Absolventen gibt es auch nach wie vor super motivierte Leute, die sich neu orientieren möchten. Auf unsere letzte Stellenausschreibungen haben wir mehr qualifizierte Bewerbungen erhalten, als erwartet. Wir versuchen außerdem, Leute direkt von der Hochschule zu rekrutieren, bevor die großen Unternehmen sie abfangen.

Und wie steht es in eurem Ökosystem um den Zugang zu Kapital?
Das Kapital ist da, und davon auch genug. Es gibt große Fonds und große Runden. Wir bewegen uns allerdings gerade genau zwischen einer Pre-Seed und einer richtigen Seed-Runde. Da hat man die Herausforderung, dass man für Business Angels oder Family Offices eigentlich schon zu groß, aber für VCs noch zu klein ist. Ich würde mir wünschen, dass Risikokapitalgeber wirklich noch mehr Risiko wagen.

Wie gut gelingt die Zusammenarbeit mit Mittelständlern und Konzernen?
Mit Mittelständler gelingt sie schneller, unkomplizierter und die Zusammenarbeit kann sehr viel freier gestaltet werden. Bei Konzernen zieht sich die Zusammenarbeit sehr viel länger. Sie finden dein Produkt gut, aber bis alles letztlich umgesetzt wird, dauert es sehr lang.

Würdet ihr euch von regionalen Behörden und Verwaltungen mehr Unterstützung wünschen?
Wenn ich an BW Pre Seed denke, dann ja. Man kriegt grundsätzlich die Infos dazu, aber wenn man rein will, wird es schwer. Aktuell sind die Töpfe mit Bewerbungen voll und bis man ans Geld kommt, dauert es dann doch wieder lange. Als Start-up braucht es generell viel Kraft und Zeit, diese Prozesse komplett zu durchlaufen. Ich wünsche mir eine schnelle, unkomplizierte Unterstützung im Bereich von 300.000 bis 800.000 Euro. Das fehlt im Moment noch.

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