Gründungsteams aus Spezialisten holen sich besseres Feedback ein als Generalisten, zeigen unsere Kolumnisten. Mentoren sollten dazu animieren, vielfältige Meinungen zu hören.

Montag ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer. In unserer Serie „Forschungsfragen“ schreiben die Professoren der Technischen Universität München (TUM), Nicola Breugst und Holger Patzelt. Sie gehen mit ihrer Forschung dem Gründungsgeist auf die Spur: Was prägt das Denken und Verhalten von Gründenden – wann schreiben sie Erfolgsgeschichten und wie verarbeiten sie Fehlschläge? Das Start-up-Forschungsteam erklärt regelmäßig zentrale Erkenntnisse aus seiner Arbeit am TUM Entrepreneurship Research Institute. In dieser Folge untersuchen sie, wer sich besser entwickelt: Teams aus Spezialisten oder Generalisten?

Der Mythos: Gründende sollen Alleskönner sein

Der Aufbau einer neuen Firma ist ein komplexer und anspruchsvoller Prozess und erfordert eine Vielzahl an Kompetenzen. Neben der Entwicklung neuer Produkte oder Dienstleistungen (zum Gründergeist-Dossier) müssen Gründende sich auch um deren Vermarktung kümmern, die Organisation ihrer Firma aufsetzen, Personal finden und anleiten, die Finanzen der Firma im Blick haben und vieles mehr. Dementsprechend werden sie oftmals als Alleskönner oder Generalisten beschrieben.

Insbesondere in Hochtechnologiebranchen erfolgt die Gründung jedoch oft im Team. Um die benötigten Kompetenzen abzubilden, könnten zwei unterschiedliche Teamkonstellationen nützlich sein. Einerseits könnte ein Team aus Generalisten eine breite Palette an Kompetenzen in sich vereinen. Andererseits könnten sich die Kompetenzen im Team auch auf die Teammitglieder verteilen – in dem Fall arbeiten Spezialisten unterschiedlicher Fachrichtungen zusammen. Dies hätte den Vorteil, dass einerseits die Spezialisten tieferes Fachwissen beitragen können als Alleskönner. Allerdings ist bekannt, dass ein Team aus Spezialisten unterschiedlicher Fachrichtungen konfliktanfällig ist, da Spezialisten manchmal nur ein begrenztes Verständnis für die Perspektive der anderen Teammitglieder mitbringen.

Damit stellt sich die Frage, ob Gründungsteams aus Generalisten oder unterschiedlichen Spezialisten erfolgreicher sind. Teamintern ist Wissen in den beiden Konstellationen unterschiedlich verteilt. Doch wie gehen die beiden Arten von Teams mit externem Wissen um – also mit Feedback auf ihre Gründungsidee? Und welchen Effekt hat dies auf den Fortschritt ihres Start-ups?

Die Frage: Besser Generalisten oder unterschiedliche Spezialisten im Team?

Um dieser Fragestellung nachzugehen, haben wir in einem von der Joachim Herz Stiftung geförderten Projekt acht Gründungsteams im Inkubator der TUM über mehrere Monate intensiv begleitet. Wir interviewten die Gründenden mehrmals über diesen Zeitraum und führten zusätzliche Interviews mit Coaches, Gründungsberater*innen, Technologieexperten sowie potenziellen Kunden der Teams. Zudem beobachteten wir die Entwicklung der Prototypen der Teams und ihren Fortschritt im Gründungsprozess. Der Fokus unserer Beobachtungen: Unterschiede aufzuspüren, wie beide Gruppen jeweils Feedback sammeln, verarbeiten und in die Entwicklung ihrer Prototypen einfließen lassen.

Zu unserer Überraschung fanden wir heraus: Alle Teams holten sich Feedback von externen Parteien ein. Dies mag auf die moderne Gründungsausbildung zurückzuführen sein, die mit Konzepten wie Lean Start-up und Design Thinking die Bedeutung von Feedback betont. Als wir unsere Beobachtungen allerdings tiefer analysierten, zeigten sich deutliche Unterschiede, welche Art von Feedback die Teams von welchen Quellen suchten.

Das Ergebnis: Teams aus unterschiedlichen Spezialisten gehen besser mit Feedback um

Zunächst stellten wir fest, dass sich die Teams aus unterschiedlichen Spezialisten offener gegenüber Feedback zeigten als die Generalisten-Teams. Die Spezialisten befragten eine größere und diversere Gruppe von Feedback-Gebern, und sie pflegten einen intensiveren Austausch mit ihnen. Dabei zeigten sie den Feedback-Gebern schon sehr frühe Prototypen. Im Gegensatz dazu zeigten Teams aus Generalisten Prototypen erst in ausgereifter Form und dann auch nur einem relativ ausgewählten Kreis an Experten, mit denen oft ein einseitiger Austausch stattfand.

Weiterhin fanden wir, dass die Spezialisten-Teams in der Kommunikation mit Feedback-Gebern ihre eigenen Annahmen zurückhielten und versuchten, vor allem unerwartetes Feedback zu bekommen. Dies führte zu einem interaktiven Entwicklungsprozess in dem in hohem Maße die Annahmen und Vorstellungen der Feedbackgeber einflossen. Teams aus Generalisten hingegen konzentrierten sich auf die Verbesserungen einzelner Teilaspekte ihrer Prototypen. Dabei bauten sie zwar auf dem Expertenfeedback auf, scheuten aber vor substanziellen und grundlegenden Anpassungen zurück.

Schließlich konzentrierten sich Spezialisten-Teams vor allem auf negatives Feedback und wollten Feedback-Geber zu Kritik animieren. Generalisten-Teams hingegen hatten die Tendenz, negatives Feedback zu ignorieren und fokussierten sich auf positives Feedback. Somit suchten sie vor allem nach einer Bestätigung ihrer Annahmen zu Prototyp und Markt.

Unter dem Strich stellten wir fest, dass der Ansatz der Teams aus unterschiedlichen Spezialisten auch erfolgreicher war – alle vier Teams in unserer Stichprobe machten wesentliche Fortschritte in unserem Beobachtungszeitraum. Im Gegensatz dazu stellten zwei der Teams aus Generalisten ihr Gründungsprojekt komplett ein; die anderen beiden führten es in einer veränderten Teamkonstellation fort.

Die Erkenntnis: Generalisten-Teams brauchen Hilfe

Unsere Studie zeigt, dass Generalisten in einer Einzelgründung erfolgreich sein mögen, aber Spezialisten unterschiedlicher Fachrichtungen in einer Teamgründung Vorteile haben. Insbesondere beim Umgang mit Feedback im Gründungsprozess scheint spezialisiertes Expertenwissen im Team ein Vorteil zu sein.

Für Mentor*innen und Gründungsberater*innen bedeuten diese Ergebnisse, dass besonders Teams aus Generalisten eine intensive Betreuung brauchen beim frühen Entwicklungsprozess ihrer Prototypen. Vor allem sollten sie beim effektiven Einholen und Verarbeiten von Feedback unterstützt werden.

Folge 1: Keine Angst vor inkompatiblen Visionen

Folge 2: Vorsicht mit der Leidenschaft

Folge 3: Der eigene Einsatz hilft doppelt