Politik und Wirtschaft wollen Start-ups in Niedersachsen voranbringen – und vor allem halten. Die Konkurrenz um gute Ideen nimmt unter den Bundesländern zu.

Vom Harz bis an die Nordsee und von der niederländischen Grenze bis an die Elbe: 380 Start-ups sollen sich auf das flächenmäßig zweitgrößte deutsche Bundesland verteilen, hat das niedersächsische Wirtschaftsministerium gezählt. Die jungen Digitalfirmen gewinnen für Politik und Wirtschaft stetig an Bedeutung: „Start-ups können eine riesige Chance sein, uns resilienter gegenüber Krisen zu machen“, sagte Wirtschaftsminister Bernd Althusmann heute im Coworking-Space Hafven in Hannover bei der Vorstellung der niedersächsischen Start-up-Strategie.

Das Paket, das gemeinsam mit Unternehmensvertretern und dem Wissenschaftsministerium entwickelt wurde, bündelt dabei unterschiedliche Initiativen [hier geht es zum Aktionsplan als PDF]. Dazu zählen unter anderem die Ziele, mehr Frauen für Gründungen zu begeistern sowie mehr Ausgründungen aus den regionalen Hochschulen zu ermöglichen. Insgesamt zehn Inkubatoren sollen bis 2022 entstehen, in denen auch Basiswissen rund um Start-ups vermittelt werden sollen. Thematisch stehen die Branchen Agrar, Ernährung, Mobilität, Produktion, Photonik und Lifesciences im Fokus.

Niedersachsen läuft noch häufig hinterher

Der Anspruch ist groß – die Herausforderung ist es ebenfalls. In den Ranglisten der aktivsten Gründer- oder Investorenszenen fallen niedersächsische Städte und Regionen bislang kaum auf. Berlin bleibt in diesen Kategorien meist unangefochten an der Spitze, Bayern mit der Metropole München hat zuletzt ein hohes Tempo vorgelegt, in Hamburg wachsen immer wieder Start-ups zu stattlichen Digitalunternehmen heran. In vergleichbaren Flächenländern wie NRW oder Baden-Württemberg hat die Politik ebenfalls in den vergangenen Jahren das populäre Thema Start-up-Förderung für sich entdeckt. „Wir sind noch nicht an der Spitze angekommen“, sagte Althusmann, „aber wir wollen, dass die anderen unseren Atem im Nacken spüren.“

Die Bundesländer ringen dabei sowohl um neue Ideen für eine Start-up-Unterstützung als auch um die Größe der jeweiligen Fördertöpfe. Nordrhein-Westfalen ging dabei in den vergangenen Jahren oft lautstark voran. Im Sommer 2018 das Gründerstipendium ins Leben gerufen – Niedersachsen zog im Mai 2019 mit einem ähnlichen Konzept nach. Anfang Oktober wurde in NRW der neue Fonds Neoteq Ventures vorgestellt, in dem jetzt bereits 30 Millionen Euro an öffentlichen und privaten Geldern liegen, die gezielt in Start-ups aus dem Rheinland investiert werden sollen.

Neues Kapital von Politik und Wirtschaft

Auch in Niedersachsen strebt man dedizierte Unterstützung für die verschiedenen Regionen in den Flächenland an. Es gehe zum einen darum, „Sichtbarkeit zu schaffen“, sagte Philip Mertes, Mitgründer des Biotech-Start-ups Evocal aus Göttingen und im Start-up-Beirat des Bundeslandes. In vielen Gebieten gibt es bereits private und öffentliche Initiativen, die etwa Raum zur Ideenentwicklung bieten sollen.

Zudem soll aber auch hier Wagniskapital fließen: 50 Millionen Euro kündigte Wirtschaftsminister Althusmann bereits Mitte Juli an – der NVenture Fonds soll Start-ups helfen, die sich in der Wachstumsphase befinden. Nach Angaben von Matthias Hunecke, Gründer von Brille24 und Start-up-Beirat, will die dortige Wirtschaft ebenfalls massiv in regionale Fonds investieren. So wolle man staatliche Geld „mindestens verdoppeln“, sagte der Unternehmer heute bei der Vorstellung der Strategie, „sodass wir kein tolles Start-up in Niedersachsen aufgrund einer Finanzierungslücke verlieren“.

In der Coronakrise wurde das Engagement vieler Bundesländer auf die Probe gestellt. Nach einigem Ringen von Politik und Lobbyverbänden wurde entschieden, dass für Start-ups ohne Risikokapitalgeber zusätzliche Hilfsmittel über die Landesförderbanken verteilt werden sollten. In einigen Regionen gab es fix erste Antragsmöglichkeiten, andere ließen Start-ups einige Monate lang hängen und wurden dafür von Gründern scharf kritisiert. Niedersachsen gehörte zu den zügigeren Akteuren und stockte über das Förderinstitut NBank das bereits vorhandene Beteiligungsprogramm NSeed auf.