Skalieren dank Subventionen: Über Instrumente der EU können sich Start-ups hohe Zuschüsse sichern. Der Weg dahin ist anspruchsvoll, aber lohnt sich, berichtet Pace.

Der Motor stottert, die Warnleuchten springen an. Welcher Fehler steckt dahinter? Die Lösung des Karlsruher Start-ups Pace Telematics will die entscheidenden Informationen direkt an freie Werkstätten funken. Die können so bereits Ersatzteile bestellen, Zeitfenster blockieren – und damit dem Autofahrer einen besseren Service liefern. Das stärkt vor allem die Geschäftspositionen der Mechaniker, die nicht zu den Vertragshändlern der großen Autobauer gehören.

Die Herausforderung: Um möglichst viele Autofahrer zu überzeugen, einen kleinen Funkstecker an die On-Board-Diagnose-Schnittstelle anzuschließen, muss die dazugehörige Software möglichst viele Funktionen anbieten. „Je attraktiver die App ist, desto eher installieren das die Autofahrer“, sagt Martin Kern, einer von drei Mitgründern bei Pace (im Bild in der Mitte). Daher sind die Entwickler des Start-ups kreativ geworden – und basteln aktuell an einer Lösung, die mit den Kassensystemen von Mineralölherstellern verknüpft werden kann. Mit einem Klick in der App ließe sich dann die nächste Tankfüllung abrechnen, ohne dass man aussteigen muss.

Zwei Millionen Euro von der EU

Nicht nur beim Produkt setzte das Start-up mit aktuell 35 Mitarbeitern auf Kreativität. Auch bei der Finanzierung geht Pace ungewöhnliche Wege: Das junge Unternehmen hat sich eine Förderung in Höhe von zwei Millionen Euro aus dem EU-Forschungsrahmenprogramm „Horizont 2020“ gesichert. „Aus Start-up-Sicht ist es natürlich sehr attraktiv“, sagt Kern. „Wir erhalten zusätzliche Finanzmittel, ohne dass es zu einer Verwässerung der Anteile führt.“ Neben Beteiligungen von Investoren wie der L-Bank oder Autozulieferer Eberspächer ermöglichen es die Fördergelder nun, mit mehr Mitarbeitern intensiv an der App zu arbeiten.

Förderinstrumente auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene gibt es zahlreich. Manche schließen Start-ups formal aus, weil etwa nur Unternehmen ab einem bestimmten Alter teilnehmen dürfen. Andere fordern so umfangreiche Unterlagen an, dass sich Firmen ohne eigene Rechtsabteilung kaum an einen Antrag trauen. Doch immer wieder schlagen sich auch Start-ups durch: Carrypicker sicherte sich im vergangenen Jahr eine Förderung des Bundesverkehrsministerium. Vom „Einsparzählerprogramm“ des Bundeswirtschaftsministeriums profitierten zudem einige andere Energie-Start-ups.

Deutsche Start-ups holen sich die Zuschüsse

Das EU-Rahmenprogramm „Horizont 2020“ ist ein besonders dicker Brocken. In zahlreichen Kategorien und Ausschreibungen stehen seit 2014 etwa 70 Milliarden Euro bereit. Das Lausitzer Software-Start-up MyGoal Training vermeldete in diesen Tagen etwa, 50.000 Euro Projektförderung zu erhalten, um eine Internetplattform für den Ausdauersport weiterzuentwickeln. Die Designmöbel-Plattform Okinlab aus Saarbrücken erhielt im vergangenen Jahr die Zusagen für zwei Millionen Euro aus dem „Horizont 2020“-Topf, auch Citibeats mit einigen deutschen Investoren holte sich europäische Fördermittel.

Pace bewarb sich auf ein Innovations-Programm für kleine und mittelständische Unternehmen.  Der sorgfältige Blick auf die richtigen Anforderung sollte daher am Anfang jeder möglichen Beschäftigung stehen, mahnt Gründer Kern: „Wenn man ohne Aussicht auf Erfolg einen Antrag stellt, lenkt es ein Start-up extrem ab.“ Bei dem Telematik-Start-up passte viel zusammen: Die Ausschreibung war für innovative Produkte gedacht, die einen ersten Markttest überstanden hatten – und nun ins europäische Ausland skalieren sollen. „Zufälligerweise standen wir genau an dem Punkt mit unserer Werkstatt-Lösung“, sagt Kern, der vor der Pace-Gründung den Online-Reifenhändler Tirendo mit aufgebaut hatte.

Viel Aufwand für den Antrag

Doch die öffentlichen Mittel erfordern viel Aufwand. „Die Antragsstellung ist durchaus mit einigem an Arbeit verbunden“, sagt Kern. Bei Pace kümmerte sich ein Praktikant mit Erfahrungen in einer studentischen Unternehmensberatung quasi im Vollzeit um das Dokument – und arbeitete als Werksstudent weiter an dem Projekt. Zudem holte sich das Start-up Hilfe bei einer spezialisierten Beratung. Einige Dienstleister werben mit tiefgehender Erfahrung in den komplexen EU-Strukturen und helfen gegen Gebühr weiter.

30 Seiten umfasste das gesamte Dokument am Ende. Einiges an Unterlagen aus Investoren-Pitches konnten weiterverwendet werden, daneben waren aber auch detaillierte Marktstudien gefordert. Zudem musste das Start-up auflisten, welche Kosten es für das Projekt erwartet. Und wie es die restliche Summe aufbringen will – schließlich ist die Förderung auf 70 Prozent der kalkulierten Kosten für das Unterfangen begrenzt. Bei Pace fließen dafür Eigenmittel, parallel treiben die Gründer eine neue Finanzierungsrunde voran.

Genaues Tracking der Kosten

Im Frühjahr 2018 beschäftigte sich das junge Unternehmen zum ersten Mal mit der möglichen Förderung. Ein erstes Feedback nach der Antragsstellung gab die Gewissheit, dass es durchaus realistische Chancen auf die Förderung gab. „Für uns war klar, dass wir es weiterverfolgen wollen“, sagt der Mitgründer. Etwa ein Jahr später, im Mai 2019, musste das Pace-Team dann zur Abschlusspräsentation nach Brüssel. Einige Wochen später folgte dann die positive Nachricht – die Fördermittel fließen.

Zum Projektstart im vergangenen September floss die erste Teilzahlung. Nach zwölf Monaten fordert die EU-Kommission einen Zwischenbericht an, nach zwei Jahren dann einen Abschlussreport – jeweils im Austausch gegen weitere Auszahlungen. „Zwischendurch geht es vor allem um das genaue Tracken der Kosten“, berichtet Kern. Die erste informelle Zwischenbilanz des Gründers fällt positiv aus: „Natürlich könnte so ein Antrag immer noch einfacher werden“, sagt Kern, „aber gemessen an dem, was man bekommt, ist das schon sehr in Ordnung.“