Der Lieferdienst sichert sich ein hohes Investment aus den USA, um weitere Städte zu erobern. Nun müssen die Münsteraner beweisen, dass sie Kritikpunkte beheben.

Mit 50 Millionen Euro an frischem Kapital will der Getränkelieferdienst Flaschenpost aus Münster in weitere Städte in Deutschland vordringen. So soll Bremen an das Liefergebiet angeschlossen werden sowie sieben bis neun weitere Städte mit mehr als 250.000 Einwohnern im Ruhrgebiet und im Osten und Süden Deutschlands, bestätigt Geschäftsführer und Finanzchef Stephen Weich im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer. Neu eingestiegen in der Serie-C-Finanzierungsrunde ist der New Yorker Risikokapitalgeber Tiger Global. Bereits vor knapp einem Jahr flossen 20 Millionen Euro von Investoren.

Das Münsteraner Start-up beliefert Haushalte und Büros mit Getränken. Innerhalb von zwei Stunden soll die Online-Bestellung beim Kunden ankommen. Um das zu bewerkstelligen, baut Flaschenpost eigene Lager und Auslieferteams an jedem Standort auf. Ein personal- und kostenintensives Modell, das sich aber nach Ansicht des Geschäftsführers lohnt: „Der gesamte Auslieferungsprozess hat bei einem großen Bestellvolumen eine hohe Komplexität, die nur sehr schwer dezentral von Kleinunternehmern abgebildet werden kann. Deshalb ist aus unserer Sicht ein Schlüssel zum Erfolg, alle Prozesse im eigenen Haus zu behalten“, sagt Weich. Im Hintergrund setze das Start-up eine Software ein, die die Vorbereitung der Lieferung im Lager und die Routen für die Fahrer optimiere.

Unklar bleibt, ob Flaschenpost seinen Personalbedarf decken kann. In Hamburg musste das Unternehmen bereits eine Zwangspause einlegen, weil Mitarbeiter fehlten, um die Bestellungen abzuarbeiten. Auf ähnliche Engpässe will das Start-up künftig besser vorbereitet sein, erklärt der Geschäftsführer. Die Firma stecke noch im „Lernprozess“. Fest steht, dass die neuen Mitarbeiter direkt bei Flaschenpost beschäftigt werden sollen: „Uns ist es wichtig, auch das Lagerpersonal und die Fahrer selbst anzustellen“, sagt Weich. „So können wir sicherstellen, dass die Mitarbeiter gut behandelt und fair entlohnt werden, über dem Mindestlohn. Auch die Kommunikation wird so erleichtert.“

Reaktion auf Kritik an Arbeitsbedingungen

An der Stelle haperte es zuletzt, wie Medienberichte etwa von „Spiegel Online“ (€) Mitte Februar zeigten. Unter anderem die Kritik von Mitarbeitern an den Arbeitsbedingungen brachte Flaschenpost in die negativen Schlagzeilen. Konkret bezogen sich die Beschwerden etwa auf ausgefallene Heizungen im Münsteraner Lager. Der Chef des Lieferdienstes verweist darauf, dass bereits nachgebessert wurde: „Wir haben direkt unsere Schlüsse gezogen und achten jetzt auch im Hinblick auf die Arbeitsumgebung mehr auf die Qualität der Lagerimmobilien. Wir nehmen nur noch die Flächen, die genau unseren Anforderungen im Zuge des Wachstums am jeweiligen Standort entsprechen“, so Weich.

Bis zu 50.000 Bestellungen bearbeitet Flaschenpost nach eigenen Angaben pro Woche. Bereits vertreten ist das Start-up neben dem Hauptstandort Münster auch in Köln, Düsseldorf, Hamburg, Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg, Bochum, Hannover und Duisburg. Die Lieferung ist kostenlos und die Preise sollen auf Supermarktniveau liegen, damit verdient das Start-up bislang nur mit der Marge aus dem Getränkeeinkauf Geld. In manchen Städten schreibe der Lieferdienst mit insgesamt 1.700 Mitarbeitern bereits schwarze Zahlen, sagt Weich zu WirtschaftsWoche Gründer. Wann die Firma plant, profitabel zu arbeiten, will der Geschäftsführer aber nicht verraten – im Fokus stehe derzeit das Wachstum.

Vorstoß in den Online-Handel mit Lebensmitteln

Absehbar ist jedoch, dass sich Flaschenpost weiter über das Kerngeschäft mit Getränken hinauswagen will. Bereits jetzt liefert die vor drei Jahren gegründete Firma neben Wasser, Wein und Spirituosen auch Snacks, Kaffeebohnen und Toilettenpapier. In Zukunft sollen neue Produkte dazukommen, wie CEO Weich ankündigt: „Auch wenn es nicht der kurzfristige Plan ist, ausgeschlossen ist es nicht, dass wir uns auch das Thema frische Lebensmittel im Zuge einer intelligenten Sortimentserweiterung anschauen werden.“ Dabei will er jedoch vorsichtig vorgehen: „An die Sortimentserweiterung muss man mit viel Bedacht herangehen, um sich nicht in Komplexität zu verstricken. Dabei wird die Getränkelieferung unsere Kernkompetenz bleiben“, sagt Weich, der die junge Firma mit Christopher Huesmann und Niklas Plath leitet.

Mit Snacks, Milch und Co. in der Produktpalette dringt das Start-up in den Online-Handel mit Lebensmitteln vor, der auch Branchengrößen wie Amazon Schwierigkeiten bereitet. Vor allem die Lagerhaltung von frischen und schnell verderblichen Waren gilt als problematisch. Einen Angriff auf Branchenriesen wie Rewe oder Amazon kündigte im Mai vergangenen Jahres der Online-Supermarkt Getnow.de an – mit Hilfe einer engeren Zusammenarbeit mit dem Handelskonzern Metro. Mit einem Online-Shop für Premium-Lebensmittel wagte sich das Hamburger Start-up Delinero auf den Markt, musste jedoch im Oktober aufgeben.