Mit prominenter Unterstützung ist FitterYou bei „Die Höhle der Löwe“ angetreten. Im Interview spricht Gründer Fritz Grünewalt über seine Vision.

Es soll ein Personal Trainer für die Hosentasche sein: Mit der Sport-App FitterYou ist Fritz Grünewalt bei „Die Höhle der Löwen“ angetreten. Prominente Unterstützung kam vom ehemaligen Fußball-Nationalspieler André Schürrle, der an dem Landauer Start-up beteiligt ist und per Videobotschaft die Vorzüge der App anpries. Geholfen hat es nicht – die „Löwen“ waren skeptisch, dass FitterYou auf Dauer genügend zahlende Kunden finden kann. Auch die hohen Entwicklungskosten von 4,5 Millionen Euro verunsicherten die Jury.

Abgeschreckt hat den Gründer, der zwischen 2010 und 2016 Finanzvorstand beim 1. FC Kaiserslautern war, die Kritik nicht. Nach wie vor treibt er sein Unternehmen, das aktuell zehn Mitarbeiter beschäftigt, voran. Im Interview mit WirtschaftsWoche Gründer erklärt Grünewalt, was sich seit der TV-Aufzeichnung im Januar 2019 getan hat, wie er gegen Freeletics & Co. ankommen will – und wie sich aktuell die Coronakrise auf sein Geschäft auswirkt.

Herr Grünewalt, keiner der Löwen wollte in FitterYou investieren – wie enttäuscht waren Sie?
Natürlich habe ich gehofft, einen der Investoren für uns gewinnen können. Aber das primäre Ziel war es nicht, eine Finanzspritze zu bekommen. Wichtiger war, dass wir in der Sendung die Gelegenheit hatten, unser Konzept einem großen Publikum zu präsentieren. Wir haben auf dem Fitness-Markt etwas vollkommen Neues entwickelt – und das ist durchaus erklärungsbedürftig.

Offen gesagt: So revolutionär wirkt FitterYou nicht. Apps wie beispielsweise Adidas Training oder Freeletics versprechen doch ebenfalls ein KI-gestütztes, individuelles Sportprogramm.
Die genannten Apps haben durchaus ihre Daseinsberechtigung, aber viele der Versprechen sind aus meiner Sicht Augenwischerei. Wie wollen die Anbieter ein auf die Person zugeschnittenes Programm anbieten, wenn sich niemand wirklich mit dem Nutzer befasst? Man gibt vielleicht sein Gewicht und sein Alter an und sagt nach einer Trainingseinheit, ob die Übungen zu leicht oder zu schwer waren. Das reicht aber nicht für ein maßgeschneidertes Training. Wir setzen sehr viel tiefer an.

Inwiefern?
Das fängt damit an, dass wir ein sehr umfassendes Check-Up machen: Es gibt Übungen zu allen Körperbereichen, außerdem ein Herz-Kreislauftraining. Zusätzlich fragen wir ab, ob der Nutzer Beschwerden hat, welche Sportarten er macht und was Trainingsziele sind. Aus einzelnen Videobausteinen erzeugen wir dann individuell abgestimmte Trainings. Möglich sind 1,1 Millionen Kombinationen. Ein Beispiel: Wenn Sie viel Fahrrad fahren, streut der Algorithmus beispielsweise Übungen ein, die die Haltung verbessern. Jemand, der im Alltag viel sitzt, bekommt Extra-Übungen für die Beweglichkeit. In der Tiefe bietet das kein anderer Anbieter an. Wir haben zwei Jahre geforscht und entwickelt – und entsprechend viel Geld in die Hand genommen.

Wie kamen Sie auf die Idee?
Während meiner Zeit als Finanzvorstand bei 1. FC Kaiserslautern hatte ich einen schweren Bandscheiben-Vorfall. Das ging soweit, dass mein linker Arm komplett taub war. Ich hatte das Glück, damals sportmedizinisch versorgt zu sein. Mit Mike Steverding hat mich ein Top-Physiotherapeut betreut, der mir jeden Abend Videos mit Übungen geschickt hat und meine Fortschritte überwacht hat. Der Erfolg war überwältigend: Entgegen einer ursprünglichen ärztlichen Prognose ist die Taubheit verschwunden – bis auf den Daumen. Da habe ich mir gedacht: Diese individuelle Betreuung, wie sie im Profisport üblich ist, sollte jeder bekommen.

Die Löwen haben sich daran gestört, dass auch Sie nicht kontrollieren können, ob die Nutzer die Übungen richtig ausführen. Eine berechtigte Kritik?
Dank unserer Trainingsmatte, die es unterschiedlichen Größen gibt, werden viele Fehler von Anfang an vermieden. Man erfährt genau, wo man beispielsweise seine Beine abstellen muss – und bekommt das auch im Video vorgeführt. Dieser Ansatz ist das Ergebnis sehr ausführlicher Laborversuche mit 60 Probanden. Wir haben festgestellt, dass es dank dieser Hilfestellung kaum noch Missverständnisse gibt.

Andere sind da weiter: Das Rückentraining von Kaia nutzt die Smartphone-Kamera, um Übungen zu kontrollieren. Ist das nicht ein vielversprechender Ansatz?
Ja, das kann eine Hilfestellung sein. Aber für die Masse an Übungen funktioniert die Technologie noch nicht ausreichend gut. Bei unseren Versuchen haben wir festgestellt, dass man bis zu sechs Kameras braucht, um Übungen zu überwachen. Das ist nicht praxistauglich – und hat auch Nachteile: Wenn man ständig überwacht und korrigiert wird, kommt man in keinen Trainings-Flow. Mit der Kombination aus App und Matte sind die meisten Fehlerquellen schon ausgemerzt. Und man braucht keine hundert Worte, um zu erklären, wie eine Übung funktioniert. Bei uns sind die Anweisungen klar und simpel. Zum Beispiel: Füße auf F3/F4, dann mit dem rechten Fuß auf F1.

Die Aufzeichnung der Sendung liegt über ein Jahr zurück. Wie haben sich die Nutzer- und Umsatzzahlen seither entwickelt?
Wir haben im ersten Quartal 2020 jeden Monat gut 3.000 neue zahlende Nutzer dazugewonnen und durchschnittlich pro Monat 100.000 Euro Umsatz erzielt. Im Moment ist die Nachfrage riesig, weil wegen der Coronakrise viele Fitness-Studios geschlossen haben. Einen Schub hat uns auch die Partnerschaft mit den Rhein-Neckar-Löwen gegeben, die Hunderte Fans zum Training motiviert hat. Mittlerweile kaufen zudem Unternehmen ganze Pakete für ihre Mitarbeiter – das ist zu einem zweiten Absatzkanal geworden.

Aktuell bleiben Sie dennoch weit hinter den Nutzerzahlen anderer Fitness-Apps zurück. Wie wollen Sie dauerhaft bekannter werden?
An dieser Stelle zunächst der Hinweis, dass fast alle unsere Nutzer durch die Matte zahlende Kunden sind – unter diesem Aspekt sind unsere Zahlen verglichen mit der Konkurrenz sogar recht gut. Aber zurück zur Frage, wie wir dauerhaft bekannter werden wollen: Ich würde gerne sehr viel mehr ins Marketing investieren. Das ist einer der Gründe, warum wir noch auf der Suche nach neuen Geldgebern sind. Auch eine Internationalisierung gehört zu den nächsten Schritten. Darüber hinaus streben wir Partnerschaften an – etwa mit Herstellern von Trainings-Equipment, Fitnesstreckern oder auch mit Händlern.

Mit welchem Ziel?
Wir sehen uns nicht als losgelöstes Angebot auf dem Weg zu mehr Bewegung im Alltag, sondern betrachten das ganze Thema vernetzt. Bei der Partner-Auswahl achten wir deshalb besonders auf Schnittstellen, die uns helfen, ein besseres Gesamtbild zu bekommen und das FitterYou-Training noch individueller zu machen. Großes Potenzial sehe ich da zum Beispiel bei Fitnessstudios, die ihren Mitgliedern heute ja oft 24/7 etwas bieten wollen und sich zudem auch digitalisieren müssen, um mitzuhalten. Stellen Sie sich vor, Sie besuchen Montag einen Spinning-Kurs und am nächsten Morgen bekommen Sie passend dazu von FitterYou ein softes Regenerations-Training ausgespielt. Das ist das Ziel.

Ihre Mitgründerin Jessica Kramer hat das Unternehmen im November verlassen. Was war der Grund dafür? Und wie hat sich die Gesellschafterstruktur verändert?
Dahinter stand vor allem ein privater Umzug, wir haben uns im Guten getrennt und stehen auch weiterhin in Kontakt. Aber tatsächlich hat sie auch ihre Anteile abgegeben. Zusammen mit meiner Frau bin ich aktuell der Mehrheitseigner, zuletzt ist auch eine Agentur bei uns eingestiegen, die uns bei der Produktion der Matten und Lieferprozessen unterstützt. Nach wie vor sind auch Einzelinvestoren wie beispielsweise der frühere Fußball-Nationalspieler André Schürrle beteiligt.

Wie konnten Sie eigentlich Schürrle für sich gewinnen? Kannten Sie ihn aus Ihrer Zeit Finanzvorstand beim 1. FC Kaiserslautern?
Nein, nicht direkt. Ich wusste aber, dass er sehr aufgeschlossen gegenüber Fitness-Themen ist und sich Gedanken darüber macht, wie man Menschen zu mehr Sport bewegen kann. Mit meinem Netzwerk damals war es nicht schwer, den Kontakt herzustellen.

Beim 1. FC Kaiserlautern haben Sie unter anderem eine Fan-Anleihe entwickelt, die Ihnen auch viel Kritik eingebracht hat. Bedauern Sie, nicht mehr im Profifußball zu arbeiten?
Es ist in Traditionsvereinen sehr schwer, unternehmerische Visionen umzusetzen. Ich bin kein klassischer Sportfunktionär, das war eher ein Ausflug in eine andere Welt für mich. Vorher hatte ich Trans-Marketing gegründet – ein Start-up, das Displays für wechselnde Werbung an Lkws entwickelt hat. Das Unternehmen habe ich dann an den Außenwerber Wall verkauft. Insofern hat es mich nicht viel Überwindung gekostet, das Wagnis einer Gründung noch einmal einzugehen.

Vielen Dank für das Gespräch.