Fintechs haben den Finanzierungsmarkt für sich entdeckt – und wollen die Probleme von Mittelständlern digital lösen. Doch die blicken häufig skeptisch auf die Start-ups.

Von Jule Zentek

Die Ideen sind da, das Kapital nicht: Gerade im Mittelstand fehlen immer wieder Finanzmittel, um eine Lücke bei einer anstehenden Investition in einen neuen Kunden oder ein neues Produkt vorzufinanzieren.  Immer mehr Fintechs wollen hier ansetzen – und zielen mit digitalen Finanzierungslösungen auf kleine und größere Familienunternehmen.

Das Geschäft mit den anspruchsvollen Unternehmern ist schwierig. Doch die Gründer setzen auf die Differenz zwischen zwei Kennzahlen: Laut einer Erhebung der staatlichen Förderbank KfW lag die Kreditnachfrage mittelständischer Unternehmen in Deutschland 2016 bei rund 134 Milliarden Euro. Vergeben wurde aber letztlich nur ein Kreditvolumen von rund 61 Milliarden, teilt das Institut gegenüber WirtschaftsWoche Gründer mit.

Kreditmarkt in Milliardenhöhe lockt

Damit wurde jeder zweite Antrag abgelehnt – oder ist vorab aus anderen Gründen gescheitert. Zum Beispiel, weil das gesamte Projekt gecancelt wurde. Doch viele Kreditvorhaben scheitern auch, weil die Anforderungen der Banken für Mittelständler zu hoch sind oder es zu lange dauert, bis überhaupt nur der erste Beratungstermin steht.

In diese Lücke wollen Fintechs springen: Die hohe Kreditnachfrage von Mittelständlern macht den Markt allerdings äußerst attraktiv. Sie wollen die Probleme digital lösen: Ihre Dienstleistungen sollen schneller, einfacher und wenig bürokratischer sein, als ein Besuch bei der Bank. Das mag vielversprechend klingen – aber überzeugt das auch den Mittelstand?

Der Mittelstand will Erfahrung und Sicherheit

Schließlich sind die Ansprüche der Zielgruppe hoch: Inhaber und Geschäftsführer wollen ihre Firmenfinanzen in sicheren und erfahrenen Händen wissen. Doch Start-ups sind oft noch frisch auf dem Markt – können also nur wenig Erfahrung vorweisen.

Die große Aufgabe: Die Fintechs müssen das Vertrauen der Unternehmer gewinnen und sich als kompetenter Dienstleister beweisen. Manche Start-ups suchen dafür wieder die Partnerschaften mit traditionellen Banken oder anderen Finanzdienstleistern ein. Oft stellen die Gründer, die häufig aus der Unternehmensberatung oder selbst aus dem Finanzbereich stammen, das eigene Know-How in den Vordergrund.

Einige wenige digitalaffine Kunden lassen sich von der Technologie der Start-ups überzeugen. Doch darauf können sich die Gründer nicht verlassen. Wir stellen Strategien einiger Fintechs vor, die sich mit verschiedenen Angeboten auf dem deutschen Finanzierungsmarkt versuchen – vom digitalen Einkaufsfinanzierer bis zur Kreditplattform.


Entrafin

Einkaufsfinanzierung für Mittelständler – das war die Idee von Stefan Fenner und Christoph Bauer. 2015 gründeten sie Entrafin: Das Start-up bezahlt die Einkaufsrechnungen mittelständischer Unternehmen –und will kostengünstiger sein als ein Bankkredit. Bis zu vier Monate Zeit haben die Unternehmen dann Zeit, die Rechnung plus eine Gebühr bei Entrafin zu begleichen. Für Mittelständler soll das Vorteile haben: Sie können schnell Kaufentscheidungen fällen, ohne ihre Liquidität einzuschränken oder zu gefährden.

Von der digitalen Lösung sind bereits der Risikokapitalgeber Dieter von Holtzbrinck Ventures, der Aachener Risikokapital-Fonds S-UBG und die Unternehmensberatung ZEB überzeugt: Sie investierten bislang eine siebenstellige Summe in das Start-up.


Finiata 

Die Zahlungsfrist für die neue Büroausstattung läuft aus – doch das Geld der letzten Aufträge lässt noch auf sich warten. Finiata will Freiberufler und vor allem kleinen Mittelständlern in dieser Situation helfen: Das Start-up übernimmt die Finanzierung von ausstehende Rechnungen, ohne dass der Rechnungssteller davon erfährt. Ein Algorithmus berechnet das Ausfallrisiko eines Schuldners. Der muss die Vorfinanzierung innerhalb einer selbstgewählten Frist zurückzahlen – hinzukommen außerdem die Kosten für die Dienstleistung von Finiata.

Gestartet ist das Fintech von Sebastian Diemer 2016 zunächst unter dem Namen „bezahlt.de“. Kurz danach zählte es schon rund 8000 Kunden. Seit Juli 2017 läuft das Geschäft unter dem Namen Finiata.  Mittlerweile nutzten bereits rund 22.000 Kunden aus Deutschland und Polen das sogenannte „stille Factoring“.

Die Finanzierung lief bislang über Investoren wie Enern, DN Capital, Red Alpine, Mantaray, Fly Ventures, Point Nine und einige Business-Angels – rund 23 Millionen Euro konnte Finiata so einsammeln. . In nächster Zeit will das Fintech sein Wachstum weiter beschleunigen und sich dafür noch stärker auf weitere digitale Lösungen für Unternehmen fokussieren.


Funding Circle

Gerade kleine Unternehmen haben es schwer, Kredite bei der Bank zu bekommen. Funding Circle will ihnen bei der Finanzierung helfen. Die britische Online-Plattform wurde 2010 von Samir Desai, James Meekings und Andrew Mullinger gegründet und vermittelt Peer-to-Peer-Lending, auch P2P-Kredite genannt. Dabei investieren private und institutionelle Investoren ohne Sicherheiten in Unternehmen – ganz ohne Bank oder Börse. Allerdings zahlen die Unternehmen wie beim Bankkredit Zinsen an die Gläubiger – Funding Circle verdient durch eine Gebühr mit.

Mit einem Marktanteil von 74 Prozent und einem Kreditvolumen von umgerechnet etwas über fünf Milliarden Euro ist das Start-up nach eigenen Angaben mittlerweile Marktführer in Großbritannien – sogar die britische Regierung vergibt über das Portal Firmenkredite. Außerdem ist es in den USA, den Niederlanden und Deutschland aktiv: 2015 fusionierte Funding Circle mit dem deutschen Start-up Zencap.

Für Wachstum in der Kreditvergabe in Deutschland, soll nicht nur eine zunehmende Zahl an Kreditnehmer sorgen: Zur Strategie gehöre auch das Wachstum auf Investorenseite, so Deutschland-Chef Thorsten Seeger im Gespräch mit WiWo Gründer.  Das Start-up ist bereits satt finanziert. Gerüchte über einen Börsengang in London wollte das Start-up gegenüber WirtschaftsWoche Gründer nicht kommentieren.


FinCompare

Es ist oft gar nicht so leicht im Angebotsdschungel der Banken, den Überblick zu behalten. Damit Unternehmen Kreditangebote schnell und einfach vergleichen können, gründete Stephan Heller im Februar 2017 FinCompare. Die Plattform vergleicht unabhängig die Konditionen verschiedener Finanzierungsoptionen von Banken, Finanzdienstleistern und Förderbanken miteinander. Unternehmen können diese meist auch online abschließen. Bislang bearbeitete das Start-up über 2.500 Anfragen – mit einem Gesamtvolumen von mehr als einer Milliarde Euro.

Auch die eigene Finanzierung lief erfolgreich: In der kürzlich abgeschlossenen Series-A-Finanzierungsrunde erzielte FinCompare zehn Millionen Euro. Damit soll die IT-Plattform weiterentwickelt werden.


BankenScore

Wer einen Kredit will, muss eine gute Bonität vorweisen. Oft wissen Unternehmer aber gar nicht, nach welchen Kriterien eine Bank die Zahlungsfähigkeit bewertet. Das können Unternehmen allerdings online, auf der Plattform von BankenScore erfahren: Das Start-up bietet eine kostenlose Bonitätsüberprüfung und gibt Tipps zur Verbesserung der Bonität. Kunden erhalten dementsprechend tagesaktuelle Kreditangebote. Bankenscore verdient bei erfolgreicher Vermittlung an Banken oder andere Finanzdienstleister, durch eine Gebühr mit.

Welche Finanzlösung der Mittelstand braucht, glauben die Gründer Ludolf Ebner und Florian Strobel aus Erfahrung zu wissen: Beide waren zuvor unter anderem in der Unternehmensberatung tätig. Laut eigener Angabe nutzen bereits mehrere hundert mittelständische Unternehmen den Service.


Creditshelf 

Der eine braucht Geld, der andere will investieren – Creditshelf will diese beiden Parteien zusammenbringen. Das läuft über die Online-Plattform: Unternehmen stellen dort ihr Projekt vor. Nach einer Prüfung können dann die Investoren um die Finanzierung des Projekts bieten – der zinsgünstigste Bieter gewinnt.

Dabei hat sich Creditshelf auf Kredite in Höhe von bis zu fünf Millionen Euro fokussiert. Seit der Gründung Ende 2014 konnte das Start-up Kredite mit einem Gesamtvolumen von über 58 Millionen Euro an KMUs vermitteln. Gerade bei ihnen sehen die Gründer Tim Thabe, Daniel Bartsch und Christoph Maichel Engpässe, was die Kreditversorgung angeht. 2016 erhielt das Frankfurter Start-up den Frankfurter Gründerpreis.

In der kommenden Woche will Creditshelf an die Frankfurter Börse. Im Interview mit WirtschaftsWoche Gründer betonte Mitgründer Tim Thabe, dass die Emission vor allem auch eine strategische Bedeutung habe: „Wir wollen so Transparenz und Vertrauen schaffen, was für das Geschäft mit KMUs wichtig ist.“


Kapilendo 

Kapital für Betriebsmittel oder Wachstumspläne ganz ohne Bank – dafür per Crowdlending. Diese Art der Unternehmensfinanzierung vermittelt Kapilendo. Die Unternehmen müssen sich und den Verwendungszweck des gewünschten Kredits auf der Online-Plattform in einem Video vorstellen. Nur wer genügend Investoren überzeugt, erhält den Kredit ausgezahlt. Der Zinssatz ist dabei abhängig vom Ausfallrisiko. Rund 18.000 Kunden zählt das Start-up – dazu gehören unter anderem Hertha BSC, L`Osteria und Nanofocus.

Gestartet ist die Plattform von Gründer Christopher Grätz im Juli 2015. Seitdem verzeichnet Kapilendo in jedem Quartal ein dreistelliges Wachstum im Jahresvergleich. Im ersten Quartal 2018 verbuchte das Start-up Plus von 450 Prozent. Damit liegt das Fintech aktuell auf einem Spitzenplatz, was den deutschen Markt für Crowdinvesting-Pattformen betrifft.

Zu den Hauptgesellschaftern zählen die Comvest Holding, die FinLab AG, Engel & Völkers Capital, das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin sowie mehrere Business-Angels. Ende 2016 schloss das Start-up die Series-B-Finanzierungsrunde mit 7 Millionen Euro ab. Bis zum Jahresende strebt Kapilendo ein Finanzierungsvolumen von 60 Millionen Euro an.