Mit einem Fokus auf Intervall-Fasten setzt sich das Start-up gegen Hunderte andere Gesundheits-App durch – und gewinnt prominente Investoren für sich.  

Das Leben mit ein paar Kilos zu viel auf den Rippen kennt Sebastian Wettcke aus eigener Erfahrung: Als Schüler war er zeitweise stark übergewichtig – ausgerechnet er, dessen Eltern im Schwarzwald ein Fasten-Hotel betreiben. „Ich wollte aus dem ganzen Gesundheits-Thema ausbrechen“, erinnert er sich. „Als ich dann im Sportunterricht immer als letzter in Mannschaften gewählt worden bin, habe ich mich aber nicht mehr wohl gefühlt.“ Irgendwann startete er dann selbst mit dem Intervall-Fasten. Der Ansatz: Gegessen werden darf – anders als bei einer Diät – im Grunde alles, aber jeden Tag nur innerhalb eines bestimmten Zeitfensters. Bei Wettcke verschwanden 18 Kilos, die Begeisterung für das Thema blieb.

Per App will der 25-Jährige nun anderen Menschen das Intervall-Fasten als Instrument gegen Übergewicht näherbringen: Zusammen mit Phillip Wayman (28), den er während einer Work-and-Travel-Reise in Australien kennenlernte, startete er im Frühjahr 2019 Fastic. Mit einem digitalen Coach, Gamification-Elementen und einer Community soll die App Menschen motivieren, ihre Essgewohnheiten umzustellen. „Das Ziel ist ein dauerhaft gesunder Lebensstil“, sagt Wettcke.

Boom während des Lockdowns

Offenbar haben die Gründer mit dem Ansatz einen Nerv getroffen: Mehr als sechs Millionen Mal wurde ihre App eigenen Angaben zufolge bereits heruntergeladen – und hält sich seit Wochen in den Charts der Kategorie „Gesundheit und Fitness“. Dabei ist die Konkurrenz riesig: Mehr als 100.000 Health-Apps buhlen in den App-Stores von Apple und Google um die Aufmerksamkeit der Nutzer. „Der Markt sieht nur auf den ersten Blick total gesättigt aus“, sagt Wettcke. Meist gehe es bei digitalen Abnehm-Helfern ums Kalorienzählen – oder um strenge Diäten, nach denen ein Jojo-Effekt so gut wie sicher sei.

Mit Anzeigen in sozialen Netzwerken, einer durchdachten PR-Strategie und eigenen Facebook-Gruppen gelang es dem Start-up, auf sich aufmerksam zu machen. Ein großer Nutzerzustrom setzte indes während des Corona-Lockdowns ein: „Viele Leute hatten plötzlich Zeit, sich intensiver mit der eigenen Gesundheit zu beschäftigen“. Was dem Start-up außerdem in die Karten spielt: Sport- und Lifestylemagazine preisen verstärkt das Intervallfasten, in den USA gibt es einen regelrechten Hype um die Methode. Seit dem US-Start Ende Dezember hat Fastic alleine dort 1,6 Millionen Downloads eingefahren.

Finanzierungsrunde über 4,3 Millionen Euro

Der Überraschungs-Erfolg lockt auch Geldgeber an: Gleich 15 Investoren hat das Start-up für sich gewinnen können. 4,3 Millionen Euro kamen in der kürzlich abgeschlossenen Finanzierungsrunde zusammen. Darunter sind prominente Szene-Köpfe wie Trivago-Gründer Rolf Schrömgens, Lawrence Leuschner (Tier Mobility) und Aroundhome-Chef Robin Behlau. Geholfen hat den Gründern ihre Erfahrung als Digital-Unternehmer: Vor Fastic haben sie in Kassel bereits einen Onlineshop für Zuckerersatzprodukte aufgezogen.

Das neue Unternehmen ist in Berlin angemeldet, ein Büro haben Wettcke und Waymann in Dresden angemietet. Doch auch wegen der Corona-Krise setzen die Gründer nun größtenteils auf die virtuelle Zusammenarbeit – die 50 Mitarbeiter, Berater und Freiberufler sind über ganz Europa verteilt.

Nutzer sollen Mahlzeiten spenden können

Mit dem frischen Kapital soll das Team nun weiter wachsen. Ein Schwerpunkt bei der Expansion sind die USA, in den kommenden Wochen startet zudem eine spanische Version der App. Funktional sollen unter anderem Audi-Lektionen hinzukommen. Ebenfalls geplant: „Langfristig wollen wir den Nutzern die Möglichkeit geben, weggelassene Mahlzeiten an bedürfte Menschen zu spenden“, sagt Wettcke.

Die Herausforderung für die nähere Zukunft: Fastic muss es nicht nur gelingen, sich dauerhaft weit oben in den App-Charts zu halten. Es gilt auch, möglichst viele Nutzer zum Abschluss eines Bezahl-Abos zu bewegen. Wie die meisten Konkurrenten auch setzt das Start-up auf Freemium-Modell: Die Grundfunktionen sind kostenlos – für bestimmte Inhalte und Features muss man aber zahlen. Zu aktuellen Umsatzzahlen halten sich die Gründer bedeckt.