Das Unternehmen des Seriengründers hatte mit Negativschlagzeilen zu kämpfen, nun übernimmt ein kanadischer Hersteller – für 15 Millionen Euro.

Mit seinem Cannabis-Start-up hatte Sebastian Diemer große Pläne. Bis spätestens im April kommenden Jahres wolle er Farmako an die Börse bringen, sagte der Seriengründer vor einem halben Jahr gegenüber WirtschaftsWoche Gründer. Da war das auf den Vertrieb von medizinischen Cannabisprodukten spezialisierte Unternehmen gerade einmal ein paar Wochen am Markt. Nun steht fest: Aus einem Börsengang wird zwar nichts – immerhin Aktionär eines Cannabisunternehmens ist Diemer dank Farmako aber nun geworden.  

Gelungen ist das Kunststück durch einen Exit: Ziemlich genau ein Jahr nach der Farmako-Gründung übernimmt der kanadische Cannabis-Produzent Agraflora das in Frankfurt ansässige Start-up. Wie die beiden Unternehmen heute mitteilten, liegt der Kaufpreis bei 15 Millionen Euro – und wird zu einem Großteil in Aktien beglichen. Agraflora hat aktuell eine Marktkapitalisierung von gut 150 Millionen Euro.

Seriengründer Diemer, der zuvor unter anderem auch die Fintechs Kreditech und Bezahlt.de aufgebaut hatte, zeigt sich in einer Pressemitteilung hochzufrieden. „Wir halten den Aktienkurs von Agraflora für unterbewertet und sind von einer positiven Entwicklung überzeugt“, kommentiert Diemer. „Die Kombination aus Aktienaustausch und Bargeld lässt uns als Gründer und Gesellschafter viele Chancen auf eine weitere Steigerung des Verkaufserlöses. 

Farmako wird Vertriebsarm von Agraflora 

Unter den weiteren bisherigen Gesellschaftern war neben anderen Heartbeat Labs: Der auf den Gesundheitssektor spezialisierte Company Builder hatte sich Ende 2018 an Farmako beteiligt, hatte angesichts vieler Negativschlagzeilen mutmaßlich aber nicht nur Freude mit dem Start-up. Im Juli hatten die Berliner erst eine Abberufung des damaligen Geschäftsführers bewirkt – und dann das Forschungsgeschäft in eine neue Gesellschaft überführt. Man sei sehr zufrieden mit der strategischen Lösung für Farmako und dem so erzielten Erlös, heißt es bei Heartbeat Labs. 

Farmako soll als Gesellschaft nun bestehen bleiben und unter bisherigen Namen als europäischer Vertriebsarm von Agraflora dienen. Eigenen Angaben zufolge kann Farmako über sein Netzwerk 20.000 Apotheken beliefern und ist außer in Deutschland auch in Großbritannien, Dänemark und Luxemburg aktiv. Seit dem Start im operativen Start im März will das Unternehmen mit dem Vertrieb von Cannabis-Produkten 1,6 Millionen Euro umgesetzt haben  

Die zehn Mitarbeiter sollen auch beim neuen Besitzer mit an Bord bleiben. Kathrin Eckmans führt weiterhin das operative Geschäft der Vertriebsgesellschaft. Diemer selbst wird Geschäftsführer der dahinter stehenden Muttergesellschaft Agraflora Europe.

Wettstreit um Cannabis-Lieferanten  

Durch die Übernahme bekommt Farmako in dem wachsenden, aber umkämpften Markt einen großen Vorteil gegenüber vielen Konkurrenten: einen sicheren Zugang zu Cannbisblüten und -ölen. Agraflora ist nach eigener Darstellung der viertgrößte Produzent weltweit und will im kommenden Jahr mehr als 250 Tonnen herstellen. Die meisten Cannabis-Start-ups in Deutschland verfügen dagegen über keine eigenen Produktionskapazitäten – und haben Mühe, geeignete Partner zu finden. Die Nachfrage hingegen wächst, seitdem Ärzte im Jahr 2017 die Erlaubnis erhalten haben, Cannabis etwa an chronisch kranke Patienten zu verschreiben.

In Frage kamen zunächst nur Hersteller in Kanada und den Niederlanden, die aber vor allem die Nachfrage in ihren Heimatländern bedienten. Cannamedical aus Köln hat im September per Charterflug eine halbe Tonne Medizinal-Cannabis aus Portugal eingeführt und gab an, nun mehr als neun Lieferanten aus drei Kontinenten zu haben. Cansativa aus Frankfurt wiederum strebt derzeit eine Belieferung aus Australien an. Farmako selbst hatte im März voreilig eine Kooperation mit osteuropäischen Lieferanten angekündigt, obgleich die notwenige EU-Zertifizierung des Herstellers noch ausstand. 

Engpass bei der Cannabis-Versorgung

Die Versorgung wird auch mittelfristig das größte Problem der deutschen Medizincannabis-Anbieter bleiben. Hierzulande tut sich nur langsam etwas. In einem Pilotprojekt dürfen drei Unternehmen unter strenger Aufsicht der zuständigen Behörden damit beginnen, Cannabis für medizinische Zwecke in Deutschland anzubauen. Es wird damit gerechnet, dass Ende 2020 die erste Ernte eingefahren wird. Vier Jahre lang dürfen jeweils 2,6 Tonnen angebaut werden.  

Die Anbaumenge verteilt sich dabei auf drei Unternehmen. Demecan mit Sitz in Berlin ist das einzige deutsche Unternehmen. Das Start-up erhielt kürzlich sieben Millionen Euro vom Risikokapitalgeber btov Partners sowie der Vermögensverwaltung einer reichen deutschen Unternehmerfamilie. Die anderen beiden Anbau-Genehmigungen gingen an Konkurrenten von Agraflora aus Kanada: Aurora und Aphria, beide ebenfalls börsennotiert, sicherten sich die Produktionsrechte über ihre deutschen Tochtergesellschaften.  

Einen anderen Weg will Heartbeat Labs mit der Farmako-Abspaltung Synbionik gehen: Das Start-up forscht daran, Wirkstoffe, die in der Cannabispflanze vorkommen, synthetisch herzustellen. Das Unternehmen beschäftigt eigenen Angaben zufolge 30 Ingenieure und Wissenschaftler, darunter ehemalige Farmako-Mitarbeiter. Sebastian Diemer ist laut Heartbeat Labs nicht beteiligt – wohl aber Digitalunternehmer Nikita Fahrenholz, der auch Gesellschafter von Farmako war.