Der Mittelstand baut eigene Start-ups, um auf Trends zu reagieren. Eine Studie der WHU zeigt jetzt: Die verantwortlichen Führungskräfte werden nur selten beteiligt. Das kann die Motivation ausbremsen.

Viessmann, Zentis, Miele: Auch die deutschen Familienunternehmer suchen nach dem Start-up-Spirit – auch wenn viele Traditionsfirmen noch vorsichtig auf diese Entwicklung blicken. Doch sogenannte Corporate-Innovation-Einheiten, in denen neue Ideen losgelöst vom Tagesgeschäft entstehen oder gefördert werden sollen, nehmen zu. Für einen tieferen Einblick in die Motive haben die Wirtschaftshochschule WHU – Otto Beisheim School of Management und die Beratungsgesellschaft Andersch jetzt Gespräche mit 37 Familienunternehmen geführt.

Die Erkenntnisse: Noch dominieren die traditionellen Geschäftslogiken in vielen Innovationseinheiten. So erhalten die neuen Abteilungen meist ein klares Jahresbudget vorgegeben. Das verschafft den Mitarbeitern Planungssicherheit – kann aber die schnelle Reaktion auf Geschäftschancen einengen.

Wenig Reaktionsmöglichkeiten

Es gebe in diesem Ansatz „auch weniger Flexibilität, auf unerwartete Gelegenheiten unmittelbar zu reagieren, wenn das Geld schon verplant ist“, sagt Nadine Kammerlander, Leiterin des Lehrstuhls Familienunternehmen an der WHU. Nur zwei sehr große Firmen aus der Befragung waren auch bereit, für schnell wachsende Start-ups externe Investoren mit an Bord zu holen.

Ein weiteres Risiko: Die Führungskräfte, die Start-ups finden, entwickeln und aufbauen sollen, werden nur in Ausnahmefällen an den Einheiten und Ausgründungen beteiligt. Nur in drei der 37 Familienunternehmen in der Stichprobe hält das Top-Management Anteile. Ein finanzielles Risiko gehen die Manager damit nicht – und ein hohes Eigenkapital ist umgekehrt auch nicht die Bedingung, um gute Ideen mit entwickeln zu dürfen.

Motivation wird ausgebremst

Umgekehrt verwässert diese Herangehensweise jedoch die unternehmerische Komponente: „Sie werden eines wichtigen Motivationsfaktors beraubt“, kritisiert Kammerlander. Denn ein durchschlagender Erfolg einer Ausgründung zahlt sich damit nicht direkt für die Mitgründerinnen aus. Das kann dazu führen, dass man auf die eine oder andere Nachtschicht oder das Feilen an Details verzichtet. Das ist als Angestellter nachvollziehbar, ein Start-up in kritischen Entwicklungsphasen kann das ausgebremste Engagement aufhalten.

Zudem sieht Wissenschaftlerin Kammerlander noch ein weiteres Risiko durch die mangelnde finanzielle Beteiligung in den meisten Unternehmen. „Familienunternehmen entgehen damit sicherlich exzellente Talente, die ein Modell, in dem sie nicht selbst eine Beteiligungen halten können, als nicht relevant erachten.“

Traditionelle Modelle begeistern keine neuen Mitarbeiter

Findet sich das passende Personal mit Fachwissen und Gründergeist also bereits in der Belegschaft, hat der Mittelständler Glück. Ist dem nicht so, wird es schwer, Vordenker mit Start-up-Spirit zu gewinnen: „Denn sie wollen Unternehmerinnen und Unternehmer sein, keine klassischen Angestellten“, sagt Kammerlander.

Da die Corporate-Innovation-Abteilungen auch dem Recruiting neuer Mitarbeiterinnen für die Traditionsunternehmen dienen kann, vergeben die Firmen hier Chancen. Um wendiger und vielleicht noch radikaler innovativ zu werden, müssten die Firmen vielleicht höhere Risiken eingehen, sagt Andersch-Partner Mike Zöller. Aktuell tasten sie sich vorsichtig voran: „Es geht eher um Evolution als Disruption.