Vom Engpass bei IT-Fachkräften will die Berliner Entwicklerplattform profitieren. Um die eigenen Prozesse verbessern zu können, erweitern die Gründer den Investorenkreis.

Was Expertlead-Gründer Arne Hosemann eine super Ausgangslage nennt, bereitet vielen Unternehmen derzeit ernste Probleme: Vielerorts fehlen IT-Experten, um Software und Tech-Anwendungen zu programmieren oder weiterzuentwickeln. Den Aufwand der Personalsuche wollen Hosemann und sein Mitgründer Alexander Schlomberg reduzieren.

Mit einem Team aus derzeit 40 Mitarbeitern bauen sie in Berlin ein Netzwerk aus selbständigen Tech-Fachkräften wie Entwicklern, UI- und UX-Designern, Datenanalysten und Projektmanagern auf. Die Mitglieder erledigen Aufträge für Unternehmenskunden, die Expertlead organisiert und verwaltet. Zudem erhalten sie die Möglichkeit, sich fachlich auszutauschen und weiterzubilden. Künftig will das Start-up die internen Prozesse weiter automatisieren und damit beschleunigen: von der Aufnahme neuer Freiberufler in das Netzwerk, über die Projektvermittlung bis hin zur Abwicklung und Abrechnung. Um 20 Personen soll das Team dafür innerhalb eines halben Jahres wachsen – in erster Linie sucht Expertlead selbst Entwickler sowie Experten für die Datenauswertung.

„Um unsere Tech-Themen abarbeiten zu können und unsere Geschwindkeit zu halten, müssen wir einstellen. Deshalb wollten wir in einer Series-A-Runde zusätzliches Geld einsammeln“, sagt Gründer Arne Hosemann im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer. Sieben Millionen Euro erhält Expertlead von Bestandsinvestor und Start-up-Schmiede Rocket Internet aus Berlin sowie von Wachstumsfinanzierer Acton Capital Partners aus München und Seek, Betreiber von Online-Jobvermittlungsplattformen mit Sitz im australischen Melbourne.

Mehr als Skalierungs-Kompetenz gesucht

Den Investorenkreis um Rocket Internet zu erweitern, hat für das Start-up nicht nur finanzielle Gründe. Der Geschäftsführer betont den strategischen Vorteil durch die beiden zusätzlichen Geldgeber: „Das war für uns eine Wunschkonstellation, da Acton und Seek wissen, wie der Markt für Jobvermittlungsplattformen und HR-Tech funktioniert – Rocket bringt uns mit Wissen zu Skalierung und dem schnellen Aufbau von Geschäftsmodellen weiter.“ Zwar steige nun auch die Zahl der Abstimmungsrunden mit den Kapitalgebern, aber Hosemann sieht den zusätzlich Aufwand als begrenzt an: „Wir haben jetzt mehr Meinungen am Tisch, aber diesen Input zur Positionierung am Markt zu bekommen, wird uns weiterhelfen.“

Intern wollen die Gründer insbesondere die automatisierte Projektvermittlung verbessern. Das heißt: Der Algorithmus im Hintergrund soll künftig mehr Variablen berücksichtigen, um zu genaueren Treffern zu kommen. Konkret erfasst das System derzeit etwa die Verfügbarkeit der Freiberufler für ein Projekt und beurteilt deren Eignung für den Auftrag anhand von Schlagworten zur Qualifikation. In Zukunft will Expertlead die Qualifikationen beispielsweise zusätzlich gewichten und auch Anforderungen auf persönlicher Ebene mit einbeziehen. Zusätzlich ist geplant, Verwaltungsaufgaben wie das Erstellen von Rechnungen vollständig von einer Software erledigen zu lassen.

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Mit Cyber-Sicherheit hat das erst 2018 gestartete Berliner Netzwerk ein weiteres Geschäftsfeld im Visier. So arbeitet das Team gerade daran, Szenarien etwa zur Abwehr von Hacker-Angriffen in den Eignungstest aufzunehmen, den die Freiberufler vor Aufnahme auf die Plattform durchlaufen müssen. IT-Experten aus dem Netzwerk helfen dabei, Aufgaben zu entwickeln, in denen die Bewerber beispielsweise Sicherheitslücken entdecken sollen.

Pro Monat bewirbt sich im Schnitt eine mittlere dreistellige Zahl an Freiberuflern, um bei Expertlead aufgenommen zu werden – fünf Prozent schaffen es nach Firmenangaben durch die Vorauswahl. Bis Ende des Jahres will das Start-up auf eine vierstellige Zahl an Freiberuflern im Netzwerk kommen. Für die IT-Fachkräfte ist das Angebot kostenlos, die Unternehmenskunden zahlen für die Vermittlung. „Uns geht es nicht darum, möglichst viele Freiberufler auf der Plattform zu haben. Uns ist wichtig, dass die Leute in der Beurteilung durch Kollegen bewiesen haben, dass sie Leidenschaft für das Thema haben und gut sind“, sagt Hosemann.

Bonus für Empfehlungen

Um die Basis an Entwicklern zu erweitern, stellen sich die Berliner bei Messen und Veranstaltungen vor und werben auf den für die Branche zentralen Online-Plattformen wie Github. Für die Empfehlung von neuen IT-Kräften erhalten die Mitglieder des Netzwerks zusätzlich einen Bonus, der nach dem erfolgreichen Abschluss des ersten Projektes gezahlt wird. „Den Aufwand für die Suche kann sich ein einzelnes Unternehmen nicht leisten“, sagt Hosemann. Nicht immer gelingt es Expertlead, Projekte zeitnah zu besetzen. Der Anspruch: nicht länger als zwei Tage zu brauchen. Doch die Organisation des Netzwerks ist aufwendig – es sei in wenigen Fällen bereits vorgekommen, dass Entwickler wieder ausgeschlossen werden mussten.

Neben Expertlead tummeln sich auf dem HR-Markt viele Anbieter, die Unternehmen dabei helfen wollen, ein Kernproblem zu lösen: Auf dem Wachstumskurs geeignete Mitarbeiter zu finden, gehört vor allem für Start-ups zu den größten Herausforderungen. Um gegen die Konkurrenz bestehen zu können, blickt das Berliner Netzwerk auch ins europäische Ausland und prüft derzeit die Eröffnung weiterer Standorte. Details will Gründer Hosemann noch nicht nennen. Zu den wichtigsten Herausforderern zählt etwa das Start-up Honeypot, das ebenfalls von Berlin aus IT-Fachkräfte vermittelt und im April von der Karriereplattform Xing gekauft wurde.