Das Start-up baut eine Plattform, die die Vernetzung von Maschinen erleichtern soll. Kurz nach dem Start steigt ein Anlagenbauer aus der Nähe von Shanghai bei den Münchenern ein.

Kleines Start-up, große Pläne: Michael Schwarz und Philipp Kirschenhofer haben in ihrem Berufsleben für globale Konzerne aus der Tech- und Automobilwelt gearbeitet, haben Lieferketten entwickelt und automatisiert. Und doch, so berichten die beiden Gründer von Emocean, sahen sie wenig Fortschritt: „Die Vision der komplett vernetzten Fabrik gibt es schon lange, aber in der Realität ist sie noch nicht da, es gibt höchstens Pilotprojekte“, sagt Schwarz. Industrieunternehmen hoffen auf große Effizienzsprünge, wenn alle Produktionsanlagen permanent angesteuert, überwacht und gewartet werden können.

Mit ihrem vor einem Jahr gegründeten Start-up wollen die Gründer einen Teil dieser Mammutaufgabe nun angehen. Technisch entwickelt Emocean sogenannte Middleware: Das ist, vereinfacht gesprochen, die IT-Verbindung zwischen den Daten aus Maschinen und Anlagen auf der einen Seite und den Analyse- und Auswertungsprogrammen auf der anderen Seite. „Wir können an beliebige Maschinen andocken und gleichzeitig jede beliebige Künstliche Intelligenz anschließen“, beschreibt Kirschenhofer die eigene Plattform.

Start-ups stürzen sich auf Industrie 4.0

Stolz ist Emocean darauf, dass die Verarbeitung in Echtzeit funktionieren soll. Und das Ergebnis nicht nur an einen Mitarbeiter weiterleitet, sondern die Informationen automatisch innerhalb der Produktionsstraße weiterleitet. „So kann man kontinuierlich die Produktionsprozesse optimieren, abhängig von Einflussgrößen wie Qualität des Vormaterials oder Verschleißdaten“, erläutert Kirschenhofer.

Heute bereits ist das junge Unternehmen dabei, seine Entwicklung in die Lieferketten großer Smartphone-Hersteller und Automobilkonzerne zu integrieren. Die im Herbst vorgestellte Plattform Indigo soll zukünftig beim Skalieren helfen: Auch Anlagenhersteller oder große IT-Dienstleister kommen als Vertriebskanäle für die Middleware in Frage. Man adressiere zwei große Trends, sagt Schwarz: „Wir können die IT-Welt, die in die Industrie hineinwächst, zusammenfassen. Und wir bedienen den Trend weg von ‘Blackboxes’ hin zur Steuerung via Software.“

Einige deutsche Start-ups arbeiten sich ebenfalls in dem Themenfeld des „Industriellen Internets der Dinge“ (IIoT) ab. Datenspezialist Relayr wurde im Sommer 2018 von Rückversicherer Munich Re übernommen. Cybus setzt auf die Absicherung der wertvollen Industrie-Daten. EMnify nutzt Mobilfunkstandards, um Maschinen ins Netz zu bringen.

Emocean will Konzernen den Platz streitig machen

Emocean positioniert sich vor allem als ein Konkurrent von Automatisierungsspezialisten wie der Siemens-Marke Simatic oder des japanischen Konzerns Omron. In einigen Jahren soll die Plattform zudem wie ein industrieller App-Store funktionieren. In dem könnten Anlagenhersteller die Schnittstellen zur Middleware bereitstellen. Auch hier ist die Konkurrenz jedoch groß: Auch Anbieter wie Amazon Web Services haben bereits sogenannte Internet-of-Things-Marktplätze ins Leben gerufen. Gelingt das Vorhaben jedoch, kämen zu den Einnahmen für die eigenen Software-Lizenzen, die samt Industriecomputern vertrieben werden sollen, auch noch Provisionen der anderen Anbieter dazu.

Einige Marktforscher gehen davon, dass der globale IIoT-Markt bereits 2025 etwa 110 Milliarden Dollar betragen wird. „Davon wollen wir uns ein gutes Stück abschneiden“, sagt Kirschenhofer. Die ehrgeizigen Pläne sorgen bei dem Start-up jedoch auch für Herausforderungen. Viele Risikokapitalgeber verlangen von Gründern gerade in frühen Phasen einen klar abgegrenzten Fokus. Sie befürchten, dass sich die kleinen Teams sonst mit begrenztem Kapital und knappen Kapazitäten verzetteln. „Wir glauben, dass mehr möglich ist“, sagt Kirschenhofer, „das schreckt klassische Investoren in manchen Fällen ab.“

Business Angel aus China kommt an Bord

Schon in einer sehr frühen Phase blickten die Gründer aus der Nähe von München daher über die Grenzen hinaus. Nun stieg der chinesische Gründer eines Anlagenbauer bei Emocean ein. Die Firma Justech aus der Nähe von Shanghai, spezialisiert auf kundenspezifische Automatisierungslösungen, beteiligt sich mit einer sechsstelligen Summe an dem deutschen Start-up. Neben der finanziellen Beteiligung will der Konzern mit etwa 4000 Mitarbeitern nun auch die Emocean-Plattform Indigo in seine Produkte integrieren. Man wolle gemeinsam „die echte Smart-Factory der Zukunft erschaffen“, lässt sich Justech-Gründer Yuxiang Jing in einer Pressemitteilung zitieren.

In so einer frühen Phase ist ein strategischer Investor für ein Start-up ungewöhnlich – Geld aus China in diesem Stadium ist ebenfalls selten. Entscheidend sei die pragmatische Unterstützung gewesen, sagt Kirschenhofer. Vom Pitch bis zur Überweisung des Kapitals seien nur wenige Wochen vergangen. „Wir haben eine klare Vision, sind in der Umsetzung aber durchaus opportunistisch unterwegs“, ergänzt Co-Gründer Schwarz. Die Pläne für die kommenden Monate sind bereits vollgepackt: Aus 10 Mitarbeitern sollen nun zügig 30 Angestellte werden, dazu kommen Bewerbungen zu Forschungsprojekten. Ein Luxusproblem: Die Gründer wollen sich auf einige wenige Kundenprojekte konzentrieren, obwohl sich die Anfragen häuften. Im Blick hat Emocean daher jetzt bereits die nächste Finanzierungsrunde, die bis zum Sommer abgeschlossen werden soll. Aktuell sei man da vor allem mit westlichen Risikokapitalgebern im Gespräch, sagt Schwarz: „Wir wollen da eine Balance hinkriegen.“