Eine Diagnose per Foto versprechen Unternehmen wie Dermanostic und Derma2go und wollen mit ihrer Arbeit niedergelassene Hautärzte entlasten.

Als bei Estefanía Lang und Alice Martin das Telefon nicht mehr still hielt, wussten sie: Hier muss eine Lösung her. Immer häufiger bekamen die beiden Dermatologinnen WhatsApp-Nachrichten von Freunden und Familienmitgliedern mit der Bitte, doch mal eben schnell einen Blick auf das anhängte Bild zu werfen: Um welche Hautkrankheit könnte es sich handeln? Welche Salben und Cremes sollten anschlagen? 

Lang und Martin holten ihre Männer an Bord und entwickelten im Herbst 2019 die Idee zu einem professionellen Portal, das genau solche Anfragen bearbeitet. Dermanostic war geboren. Via App schicken die Patienten drei Bilder ihrer Hautveränderungen sowie einen kurzen Fragebogen – anonym und verschlüsselt – an das Hautarztteam und erhalten innerhalb von 24 Stunden eine Antwort. „Die Dermatologie ermöglicht als visuelles Fach einen guten Zugang zur Digitalisierung, eine Studie aus dem Jahr 2007 hat bewiesen, dass das Bild-Text Verfahren dem Vor-Ort-Besuch in den Ergebnissen gleichwertig ist“, erklärt Alice Martin im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer, „darum ist das Fach geradezu prädestiniert für eine direkte Kommunikation über das Smartphone.“

Eine Ergänzung zu den niedergelassenen Ärzten

Dennoch, so betont Alice Martin, sähe man sich nicht als Ersatz für niedergelassene Hautärzte, sondern als Ergänzung, und richte sich vor allem an Menschen, die aktuell keinen Zugang zum Hautarzt hätten, wie Patienten in Alten- und Pflegeheimen oder Betroffene, die im Urlaub Hautveränderungen feststellten. „Dermanostic entschlackt das Gesundheitssystem und möchte Ärzte vor Ort, die häufig zu viele Patientenanfragen haben und Termine erst in einigen Monaten vergeben können, entlasten. Indem wir uns um die einfachen Fälle kümmern, die man schnell erkennen kann, etwa Schwitzpilz, Akne oder Schuppenflechte, gewinnen die niedergelassenen Kollegen Zeit, um sich um gravierende Fälle kümmern.“ 80 Prozent der Nutzer, die sich bei Dermanostic vorstellten, könne direkt geholfen werden, für sie sei kein weiterer Termin beim Hautarzt nötig, so Alice Martin.

Die Idee kommt an. Nicht nur bei den mittlerweile 2000 Patienten, die einen Fall eingereicht haben, sondern auch bei den Investoren. Im April konnte Dermanostic eine Finanzierungsrunde abschließen. Vier Business Angels investierten zwei Millionen Euro in das Start-up. Für Ende des Jahres ist eine weitere Runde geplant, um das mittlerweile siebenköpfige Team ausbauen zu können. 

25 Euro für die digitale Behandlung

25 Euro kostet die Behandlung – inklusive Arztbrief, Rezept und telefonischer Nachbesprechung, falls nötig. Das Start-up behält rund 30 Prozent der Einnahmen, der Rest geht an die drei mitarbeitenden Hautärzte. „Private Krankenkassen übernehmen die Leistung bereits, mit den gesetzlichen sind wir noch in Gesprächen“, so Alice Martin. 

Große Umsätze macht das Start-up noch nicht, Alice Martin und ihr Mann erhalten ein Gründerstipendium in Höhe von 1000 Euro pro Monat, ihre Mitgründer arbeiten weiterhin in ihren alten Jobs. Doch alle vier sind zuversichtlich mit ihrer Idee einen Nerv getroffen zu haben und sich zukünftig vollständig auf Dermanostic konzentrieren zu können. 

Konkurrenz aus der Schweiz

Tatsächlich ist der Markt in Bewegung. Die Schweizer Teledermatologie-Plattform Derma2go verkündete vor wenigen Wochen ebenfalls den Abschluss einer Finanzierungsrunde. Zur Summe wollte das Start-up keine Angaben gegenüber WirtschaftsWoche Gründer machen. Bedingt durch Corona sei die Zahl der Patientenanfragen in den vergangenen Monaten stark gestiegen: „Im Vorjahresvergleich um das Zehnfache. Neben der Schweiz und Deutschland sind wir nun auch in Österreich und Spanien aktiv“, so Maria Karl, Sprecherin des Unternehmens. Anders als Dermanostic beschäftigt Derma2go allerdings keine eigenen Ärzte, sondern bietet niedergelassenen Kollegen die Möglichkeit über Derma2go eine eigenen Online-Praxis zu eröffnen, um Patienten auch aus der Ferne behandeln zu können. Eigenen Angaben zufolge nutzen aktuell Ärzte im dreistelligen Bereich dieses Angebot.