Das Hamburger Start-up will den Handel mit Landmaschinen effizienter und transparenter gestalten. Ein Familienunternehmen aus Ostwestfalen hilft mit Kapital und Kontakten beim Wachstum.

Ein Mähdrescher aus Frankreich, ein Traktor aus Italien, ein Feldhäcksler aus Deutschland: Über 11.000 gebrauchte Landmaschinen finden sich auf der Plattform des Start-ups E-Farm. Das 2015 gegründete Unternehmen will für Traktor & Co. das sein, was Auto1 für Privatwagen ist. Zeigt ein Landwirt Interesse, kaufen die Hamburger das Großgerät bei einem der etwa 300 angeschlossenen Händler an – und verkaufen es direkt weiter.

Zu Beginn mahlten die Mühlen in der konservativ aufgestellten Branche langsam. Lange herrschte eine große Intransparenz auf dem Markt. Mitgründer Nicolas Lohr berichtet, dass viele Händler die Großfahrzeuge in Zahlung nehmen, wenn sie eine neue Maschine verkaufen – danach aber mühsam nach einem Abnehmer für die gebrauchten Geräte suchen müssen. Der Blick reichte dabei oft nicht über die Grenzen der eigenen Region hinaus. „Aufgrund der hohen Kapitalbindung müssen die Maschinen so schnell wie möglich vom Hof“, sagt Lohr. Gleichzeitig suchen in anderen Regionen Landwirte nach speziellen Maschinen – und mussten mühsam bei Händlern einzeln nachfragen.

Überzeugungsarbeit bei Landmaschinen-Händlern

Dennoch mussten die Gründer Überzeugungsarbeit leisten. Händler mussten sich auf den digitalen Verkaufsweg einlassen. Prüfer der Dekra sorgen dafür, dass die Käufer ein garantiert einsatzfähiges Gerät erwerben – auch ohne, dass diese selbst Probe gefahren sind. E-Farm selbst verdient durch eine Marge am Verkauf selbst mit. Zudem bietet das Start-up zusätzliche Leistungen an: Etwa die Überführung des Traktors von Händler zu Käufer – manchmal quer durch Europa. „Wir nutzen die Ineffizienzen auf diesem Markt aus“, fasst es Lohr zusammen.

Mittlerweile nimmt das Geschäft Fahrt auf: Im vergangenen Jahr vermeldete E-Farm eine Verdreifachung des Umsatzes auf über sechs Millionen Euro. Mehr als 1000 Anfragen erreichen das Start-up pro Monat, berichtet Lohr, gut 20 Landmaschinen werden über das Portal jeden Monat verkauft.

Claas bindet Gebrauchtmaschinen-Geschäft an

Für den weiteren Wachstumskurs hat sich das Start-up nun einen entscheidenden Akteur der Branche an Bord geholt. Der Landmaschinenhersteller Claas, der im Geschäftsjahr 2018 knapp 3,9 Milliarden Euro Umsatz machte, wird zum Minderheitsgesellschafter bei E-Farm. Das ist die erste Beteiligung des Familienunternehmens mit Sitz im ostwestfälischen Harsewinkel. „In Zukunft wollen wir weiter in innovative Ideen aus dem Bereich Landtechnik investieren und ein Start-up Portfolio aufbauen“, sagt Thomas Böck, Vorsitzender der Claas-Konzernleitung.

Wie viel Geld für wie viele Anteile floss, wollen beide Seiten nicht kommunizieren. Grundlage sei jedoch eine Bewertung von E-Farm höher als zehn Millionen Euro gewesen, heißt es von E-Farm. Neben Kapital bringt Claas jedoch vor allem den Kontakt zu viel mehr Kunden mit: Der Konzern hat im Gegensatz zu vielen Konkurrenten bereits ein Gebrauchtmaschinengeschäft. Das soll nun mit dem Portal von E-Farm verbunden werden.

Zum einen steigt so die Zahl der Landmaschinen, zum anderen verbessert sich so die Datenqualität. Denn bislang erfassen die Händler nicht jedes Detail von Traktor & Co. Dadurch müssen E-Farm-Mitarbeiter mühsam bei speziellen Nachfragen von Kaufinteressenten hinterher telefonieren. Durch die Schnittstelle zu Claas sollen sich Maschinen- und Wartungsdaten zukünftig leichter austauschen lassen.

Hin zur Schwacke-Liste für Traktor & Co.

Um den Expansionskurs zu stützen, könnten schon in einigen Monaten neue Investoren dazu kommen. Dabei könnten neben Finanzinvestoren auch weitere Hersteller einsteigen, sagt Lohr. E-Farm will sich weiter als hersteller-unabhängiger Anbieter positionieren.

Aktuell arbeitet das 20-köpfige Team von E-Farm an dem Ausbau des Angebots. Schwerpunkt bleibt dabei Europa – aktuell stammen etwa 60 Prozent der Verkaufsangebote aus Frankreich. Immer mal wieder finden jedoch auch Interessenten aus ferneren Ländern auf die Webseite. Aktuell verschiffen die Mitarbeiter etwa 15 Maschinen nach Westafrika. In Zukunft könnte zudem auch die herstellerübergreifende Datensammlung über Gebrauchtmaschinen an Wert gewinnen: „Eine Art Schwacke-Liste für Landmaschinen gibt es bislang noch nicht“, sagt Lohr.