Video-Sprachstunde statt Wartezimmer: Noch ist das eine Zukunftsvision, doch die Digitalisierung hat das Gesundheitssystem erreicht.

Von Louisa Riepe

Wie viele Schritte bin ich heute schon gegangen? Wie entwickelt sich mein Blutzuckerspiegel? Wann muss ich meine Tabletten nehmen? Wie schaffe ich es, mit dem Rauchen aufzuhören? Für all diese Fragen gibt es Apps. Mehr als 400.000 verschiedene sind es im Gesundheitsbereich Schätzungen zur Folge. Kein Wunder, das auch die großen Träger des deutschen Gesundheitssystems sich für die neuen digitalen Angebote interessieren: Immer mehr Krankenkassen kooperieren mit Start-ups.

Ein Beispiel für eine solche Zusammenarbeit: die App Tinnitracks von der Sonormed GmbH aus Hamburg. Die Gründer um Jörg Land haben eine neuartige Therapieoption gegen Tinnitus entwickelt. Bei dieser Krankheit handelt es sich meist um eine Phantomwahrnehmung: Patienten hören einen Ton, ohne das es dafür einen akustischen Reiz gibt. Überaktive Nervenzellen sorgen für eine wahrgenommene Dauerbeschallung. Das führt zu erhöhtem Stress und kann beispielsweise Schlafstörungen verursachen.

Tinnitus gilt als unheilbar. Bisher wurden Patienten vor allem mit Psychotherapie behandelt, um das Leben mit dem Ton besser zu meistern. Tinnitracks hat eine andere Methode, erklärt Gründer Jörg Land: „Durch das Hören von Musik kann die Überaktivität im Gehirn verringert werden.“ Für die Therapie braucht es nur ein Smartphone, einen geeigneten Kopfhörer und natürlich die Tinnitracks-App: Das Programm rechnet aus der Lieblingsmusik des Patienten die Tinnitus-Frequenz heraus. Mit der gefilterten Musik wird das Gehirn trainiert – am besten 90 Minuten am Tag. Bei regelmäßiger Anwendung kann der wahrgenommene Ton merklich leiser werden. Das haben wissenschaftliche Studien gezeigt.

Inzwischen ist die Techniker Krankenkasse auf Tinnitracks aufmerksam geworden. „Therapie ist, wenn ich mein Smartphone anschalte und 90 Minuten Musik höre – das ist doch faszinierend“, sagt TK-Sprecher Hermann Bärenfänger. Die Kasse arbeite derzeit „an einem ganzen Strauß neuer Versorgungswege.“ Dazu gehören unter anderem eine Online-Video-Sprechstunde, ein Diabetes-Tagebuch oder ein Kopfschmerz-Coaching per App. Das Ziel sei, die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung zu beschleunigen: „Wir sehen die Entwicklung in dem Bereich. Da können wir als Krankenkasse einfach nur mitmachen, oder sie selbst mit vorantreiben.“

Deshalb hält bei der Techniker Krankenkasse eine eigene Abteilung nach Innovationen Ausschau. „Einige Apps entwickeln wir selbst, einige geben wir extern in Auftrag. Andere externe betten wir in das TK-Konzept ein.“ So wie bei Tinnitracks: Die Kosten für die App von 19,95 Euro im Monat werden von der Kasse übernommen. Voraussetzung ist allerdings die Untersuchung bei einem von 30 lizensierten Hals-Nasen-Ohren-Ärzten in Hamburg. In einem Jahr will die TK das Angebot überprüfen: Was hat es gekostet, und was hat es den Patienten gebracht?

Die Sonormed GmbH kann durch die Kooperation mit der TK auf eine weitere Verbreitung ihrer App hoffen, die Krankenkasse spart Kosten und kann ihren Mitgliedern ein breites Therapieangebot anbieten. Ähnlich positive Effekte erhofft sich auch Markus Büchtmann, Geschäftsführer von Gymondo, von seiner Zusammenarbeit mit der AOK-Nordost. Seit November bezuschusst die Krankenkasse die Mitgliedschaft bei dem Online-Fitnessstudio mit bis zu 20 Euro pro Jahr. „Das deckt gut ein Drittel der Kosten für eine Jahresmitgliedschaft ab“, sagt Büchtmann.

Das Konzept von Gymondo: Abonnenten können online Fitness-Videos abrufen und damit von zu Hause aus trainieren. „Wir bieten verschiedene vorgefertigte Programme an: Zum Beispiel Rücken stärken oder abnehmen“, erklärt Büchtmann. Die Programme laufen meist über 10 Wochen und können mit Ernährungstipps ergänzt werden. „Ein Vorteil ist sicher die Zeitersparnis wenn man zu Hause trainiert. Aber manche unserer Kunden wollen auch einfach ungern ins Fitnessstudio, weil sie sich häufig unwohl fühlen“, sagt Büchtmann. Das Angebot von Gymondo nutzen zu 85 Prozent Frauen zwischen 20 und 40 Jahren an.

Für die AOK Nordost ist die Kooperation mit Gymondo eine einfache Rechnung: Mitglieder, die Sport treiben, werden seltener krank. Allerdings hat sich Andrea Voßhoff, die Bundesdatenschutzbeauftragte, bereits im Juli zu Gesundheits-Apps geäußert: „Allen Anwendern, die Fitness-Apps freiwillig herunterladen, rate ich, nicht unbedacht mit ihren sensiblen Gesundheitsdaten umzugehen.“ Denn Informationen über Herzfrequenz, Gewicht, sportliche Aktivität oder das Essverhalten haben einen hohen Wert.

Sie könnten von Krankenkassen dazu genutzt werden, profilgenaue Angebote zu unterbreiten, das Leistungsspektrum entsprechend anzupassen oder künftige Risikozuschläge zu berechnen. „Die Mitglieder gesetzlicher Kassen sind durch Gesetz vor der unbedachten Preisgabe sensibler Daten und den damit verbundenen unabsehbaren Folgen geschützt“, sagte Voßhoff, „der Gesetzgeber sollte erwägen, diesen Schutz auch den Versicherten privater Kassen zu gewähren.”

Auch die Bundestagsabgeordneten Gitta Connemann und Georg Nüßlein von der CDU fordern in einem gemeinsamen Schreiben vom 2. September mehr Patientenschutz bei Medizin-Apps: Gesundheitsdaten seien sensibel und würden daher höchsten Schutz verdienen. „Wir regen deshalb eine Zertifizierung bzw. die Vergabe eines Siegels für Apps an, die in Deutschland entwickelt und betrieben werden und bestimmte festgelegte Datenschutz-Vorgaben einhalten“, schreiben die Bundestagsmitglieder. Zum Beispiel solle sichergestellt werden, das die Daten in der Hoheit der Nutzer verbleiben und höchstens anonymisiert an Krankenkassen weiter gegeben werden.

Beim zuständigen Bundeminister Hermann Gröhe scheint das Thema angekommen zu sein: Er wolle Lösungen auf europäischer Ebene vorantreiben, antwortete er auf das Schreiben seiner Parteikollegen. Außerdem habe sein Ministerium im August 2015 eine umfangreiche Studie über die Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps in Auftrag gegeben. Entstehen soll ein Überblick über Datenschutz, Transparenz und medizinische Qualität der über 400.000 Angebote in Deutschland. Wann allerdings konkrete politische Maßnahmen folgen, bleibt offen.

Die Datenschutz-Debatte beschäftigt auch Markus Büchtmann von Gymondo. Aber der Geschäftsführer bekräftigt: „Die AOK bekommt keine Kundendaten von uns.“ Die allgemeinen Geschäftsbedingungen würden die Weitergabe von Daten ausschließen. Und auch Hermann Bärenfänger von der Techniker Krankenkasse sieht die Kundendaten seiner Mitglieder in guten Händen: „Wo in Deutschland sind die Daten besser aufgehoben als bei einer gesetzlichen, nicht profit-orientierten Krankenkasse?“