Viele große Konzerne, viel Kapital – aber eine große Konkurrenz um Talente. ChargeX berichtet aus dem Start-up-Ökosystem für junge Mobilitys-Firmen in München.

Montag ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer. In regelmäßiger Folge erzählen Start-ups, die sich in den über das ganze Land verteilten Digital Hubs engagieren, aus ihrem Ökosystem. Heute berichten Michael Masnitza, Tobias Wagner und Johannes Engeln (im Bild von links) von ChargeX. Das Start-up entwickelt eine Mehrfachsteckdose für Elektro-Autos – und ist Teil des Digital Mobility Hubs in München.

Ihr seid Teil des Digital Mobility Hubs München. Warum?
Für uns eröffnet der Hub den Zugang zum Netzwerk. Als junges Start-up muss man erstmal beweisen, dass unsere Idee funktioniert, und das zeigt man besten mit großen Namen. Je mehr Kunden mit guten Namen man hat, desto besser ist es für die Validierung unseres Produkts. Hier bekommen wir vom Hub vor allem Unterstützung durch Events. So können wir mit vielen Leuten gleichzeitig sprechen und erhalten Kontakte zu Großkunden, Partnern und Investoren.

Was gefällt euch am Ökosystem vor Ort?
Der größte Vorteil an München ist, dass hier viele große Player sitzen, zum Beispiel die ganzen Autohersteller. Aber auch der Kontakt zu den vielen Tech-Startups ist hilfreich. In Berlin hat man E-Commerce, aber in München ist alles Deep Tech, man kann sich mit vielen anderen Gründern austauschen. Bei Feedback hat man so eine gute Mischung aus Großkunden und dem Start-up Netzwerk. Und natürlich, das darf man nicht unterschätzen: Es gibt sehr viel Venture Capital in München. Bei der Investorensuche ist ein Handschlag Gold wert.

Woran mangelt es noch – und warum?
Eine einfache Möglichkeit, Pilotprojekte umzusetzen. Unsere Pilotprojekte sind in ganz Deutschland verteilt, weil es in München nicht so gut geklappt hat. Die Zusammenarbeit zwischen Stadt, Stadtwerken und lokalen Innovationspartnern ist hier noch im Aufbau. Als wir vor drei Jahren angefangen haben, war es schwierig, hier ein großes Pilotprojekt finanziert und schnell umgesetzt zu bekommen. In München haben wir daher eher kleinere Kunden.

Wie hat sich die Nähe zu anderen Gründern ausgezahlt?
Der Austausch ist wirklich sehr hilfreich. Man sieht auf den Events oft die gleichen Leute und kennt sich. Da die meisten Start-ups sehr techorientiert sind, kämpft man mit den gleichen Herausforderungen. Wir haben zum Beispiel als Selbsthilfegruppe einen Hardware-Stammtisch gegründet.

Wie leicht findet ihr in eurer Region Mitarbeiter?
Das ist nicht leicht. Mein Eindruck ist, dass die Münchner Absolventen sehr risikoavers sind und lieber in einem Konzern mit einem sicheren Job arbeiten. Zudem hat man die starke Konkurrenz mit anderen Start-ups und auch anderen Ökosystemen, wie zum Beispiel Garching, das auch sehr talenthungrig ist. Wir haben daher viele Praktikanten aus dem Ausland eingestellt, die dann direkt übernommen werden und fahren sehr gut damit.

Und wie steht es in eurem Ökosystem um den Zugang zu Kapital?
Die erste Runde lief super, hier hat uns BayStartUP mit Intros unterstützt. Unsere Seed-Runde haben wir dann 2018 mit Business Angels gemacht und den ersten sechsstelligen Betrag eingesammelt. Die aktuelle Runde ist etwas schwieriger, die Kapitalsuche als Hardware-Start-up ist anders als für ein Software Start-up: Man braucht Risikokapitalgeber, die auf das Internet of Things oder Cleantech spezialisiert sind. Daher haben wir uns entschieden, eine Crowdinvesting-Kampagne zu launchen, und das läuft bisher auch sehr erfolgreich.

Wie gut gelingt die Zusammenarbeit mit Mittelständlern und Konzernen?
Mit Konzernen ist es immer etwas gemischt. Wenn die Kooperation einmal anfängt, läuft es meist sehr gut, aber der Weg dahin ist steinig. Eine Vertragsverhandlung kann auch mal drei Monate dauern, und dann hat der Vertragsgegenstand, über den verhandelt hat, plötzlich einen anderen Entwicklungsstand oder das Preismodell hat sich geändert. Natürlich sind aber Pilotprojekte mit einem Konzern sehr viel größer als mit einem Mittelständler. Diese sind wiederum agiler als ein Großkonzern. Unsere Endmontage machen wir tatsächlich bis heute mit einem kleinen Familienbetrieb aus dem Münchner Westen.

Würdet ihr euch von Behörden und Verwaltungen mehr Unterstützung wünschen?
Ja, und zwar beim Thema Hiring. Ich warte gerade seit zwei Monaten auf eine Antwort der Ausländerbehörde. Man möchte jemand einem Vollzeitstelle geben, hat aber behördliche Hindernisse. Der Prozess, Leute aus dem Ausland einzustellen, muss schneller gehen.

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