Crowdfunding gibt auch ungewöhnlichen Ideen die Chance auf Verwirklichung. Experten wagen nun erstmals einen Blick in die Zukunft.

Immer mehr Menschen nutzen die Möglichkeit ihre Ideen und Projekt über Crowdfunding finanzieren zu lassen – mit teilweise durchschlagendem Erfolg: Die Schwarmfinanzierung ist ein stabiler Aufwärtstrend, wie eine Studie des Competence Center Crowdsourcing der Universität St. Gallen zeigt. Die so genannte „Delphi-Studie Crowdfunding 2020“, die Ende Januar veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass Crowdfunding-Projekte vor allem dann erfolgreich sind, wenn sie Nischen bedienen. Bis 2020 werde sich die Crowdfunding-Industrie aber so weiterentwickeln, dass die Studienmacher „mittelfristig ein enormes Wachstums- und Erfolgspotenzial“ sehen. Crowdfunding wird bis 2020 als unterstützendes Element die klassischen Finanzprodukte im großen Stil ergänzen, sie aber nicht ablösen, so dass Fazit der Experten.

Vegane Burger und feinste Kochkunst auf Rädern: Der Bunte-Burger-Truck von Mario Binder und Ulrich Glemnitz in Köln ist ein riesiger Erfolg. Die beiden Unternehmer verkaufen ihr Essen aus einem Foodtruck, der aussieht wie einer jener Essensstände, die in New York oder Chicago Hotdogs vertreiben. Doch ein klassisches Bankdarlehen kommt für die beiden Gründer nicht infrage, stattdessen setzen sie auf Crowdfunding: „Es ist eine klare, strategische Entscheidung, das Projekt ohne Bank zu  machen“, so Mario Binder. Bis Ende Februar haben sie nun Zeit, genügend Menschen in der Netzwelt von ihrer Idee zu überzeugen.

Im Szeneviertel Ehrenfeld in Köln wollen sie ein eigenes Restaurant eröffnen. Dort soll es 48 Sitzplätze geben plus 24 weitere im Außenbereich. 45.000 Euro brauchen sie, um den Laden nach ihren Vorstellungen aufzubauen.

Wie Binder und Glemnitz machen es inzwischen viele deutsche Gründer. Im Herbst feiert die digitale Schwarmfinanzierung sogar ein kleines Jubiläum in Deutschland: Seit fünf Jahren gibt es dann das erste deutsche Crowdfunding-Portal. Seitdem zogen viele Investoren, auch durch eigene Plattformen, nach und halfen Gründern ungewöhnliche Ideen zu finanzieren. Das Konzept passt zum Social-Media-Geist dieser Tage: Wer beim Crowdfunding mitmischen will, meldet sich bei einer der mittlerweile zahlreichen Plattformen im Internet an, stellt sein Projekt ein – und wartet auf Investoren.

Auch das Kölner Projekt „Bunte Burger“ setzt beim deutschen Crowdfunding-Portal Startnext auf ein qualitativ hochwertiges und sympathisches Video – damit wollen die ehemaligen Manager ihr Ziel erreichen. Im September 2010 startete mit Startnext die erste deutsche Crowdfunding-Plattform in der Bundesrepublik. Damals lag der Ursprung dieser Idee schon zehn Jahre zurück: Als Pionier der Schwarmfinanzierung gilt die US-amerikanische Plattform artistShare.com, deren Ziel es war Musiker dabei zu unterstützen mithilfe ihrer Fans ihr Album vor der Produktion bereits zu finanzieren. Dabei gaben die Fans finanzielle Unterstützung für ihre Lieblingsmusik und erhielten im Gegenzug bald einen neuen Tonträger, der unabhängig von der Musikindustrie finanziert und vermarktet werden konnte.

Jeder, der ein Projekt per Crowdfunding finanzieren lassen will, legt zu Beginn einen bestimmten Betrag fest, den er mit der Aktion erreichen möchte. Die Summe kann dazu dienen, das ganze Projekt zu finanzieren, ist aber oft eine weitere Finanzspritze, die für eine Teilfinanzierung notwendig ist. Die Projektlänge beträgt dabei je nach Plattform und eigenen Einstellungen zwischen 15 und 218 Tagen. Wer am Ende die Summe nicht vollständig zusammen bekommt, der erhält gar kein Geld – die Geldgeber bekommen ihren Anteil zurück.

Damit das nicht passiert, sollte die Idee möglichst genau vorgestellt werden. Mögliche „Supporter“ sollen Lust bekommen, genau diese Idee zu fördern. Kurze Texte, Fotos, ein Blog und eine eigene Internetseite helfen beim „Lustmachen“. Klassische Pressearbeit, und Facebook werden bei nahezu jedem zweiten Projekt eingesetzt. Außerdem für den Erfolg offenbar unverzichtbar: ein gutes Vorstellungsvideo.

Für alle Crowdfunding-Plattformen gilt: Wer Geld für ein Projekt gibt, bekommt auch etwas zurück. Beim Crowdinvesting wäre dies Geld, da sich die Unterstützer als kleine Anleger beteiligen. Beim klassischen Crowdfunding, das sich in Deutschland vor allem im Non-Profit-Bereich und für kreative Projekte den Weg bahnte, gibt es die sogenannten „Dankeschöns“.

Die „Bunte Burger“-Macher bieten da beispielsweise Gutscheine für ein Burger-Menü, Shirts oder – beispielsweise als Angebot für Firmen – eine Burgernamen-Patenschaft. Beim Berliner Schuh-Crowdfunding gab es für kleine Beträge Schnürsenkel oder Schuheinlagen und für die etwas größere Summe die ersten Schuhe aus der Produktion. Auch die Namensnennung auf einer Plakette, im Abspann eines „gecrowdfundeten“ Films, wie es zum Beispiel bei “Stromberg – der Film” möglich war oder eben das entstehende Produkt sind „Dankeschöns“, die Starter ihren potenziellen Geldgebern als Gegenleistung anbieten, und damit die Idee einer Spende erst zu „Crowdfunding“ werden lassen.

Sarah Pollinger und Paul Stüssel aus Berlin sind schon einen Schritt weiter. Sie haben ihr Geld für „Frei.Von“ schon zusammen: Im Januar durchbrachen sie kurz vor Ablauf der Frist die Fundingschwelle von 15.000 Euro. Sie wollen einen Schuh aus hochwertigem Kunstleder produzieren – frei von Leder und ohne Kinderarbeit. Ihr Schuh soll so nachhaltig wie möglich werden. Und auch bei ihnen war ein Video dabei: Darin stellen Pollinger und Stüssel persönlich ihre Idee vor und perfektionieren das Werbefilmchen mit hübschen Zeichentrick-Animation. „Der Aufbau einer Community durch eine engagierte Werbung ist 90 Prozent des Wegs“, sagt Stüssel. „Wenn wir in Blogs oder Artikeln auftauchten, machte sich das immer schnell bemerkbar – durch Likes oder Unterstützer.“ 140 Investoren spendeten am Ende etwas weniger als 16.000 Euro.

„Für den Erfolg braucht man vor allem eine gute Idee, einen klaren Plan, ein gutes Video und eine gute Story, die klar durchdacht ist“, sagt Michel Harms, Gründer von crowdfunding.de. Er beschäftigt sich seit 2007 mit dem Online-Finanzierungskonzept. In Deutschland brachten es die Crowdfunding-Projekte zwischen Oktober 2013 und Oktober 2014 auf 9,6 Millionen Euro eingesammeltes Kapital, berichtet das Statistik-Portal Statista. Zum Vergleich: Bei der ersten Berechnung der Gesamtsumme deutscher Crowdfunding-Projekte im Zeitraum April 2010 und April 2011 vom Institut für Kommunikation in sozialen Medien (ikosom) kamen die Experten gerade einmal auf 208.000 Euro.

„Es ist wirklich viel Arbeit, wenn man mit Crowdfunding erfolgreich sein möchte“, sagt Harms. „Der Mythos, beim Crowdfunding gäbe es etwas umsonst, stimmt ganz und gar nicht.“ Wer am Ende wirklich seine Finanzierung mit einer Crowdfunding-Plattform stemmen will, der muss viel Zeit investieren. Es ist eben doch nicht leicht verdientes Geld beim Crowdfunding: „Mein Tipp, an alle, die es über Crowdfunding ernsthaft probieren wollen: Sie sollten sich in der Zeit nichts anderes vornehmen“, sagt Stüssel. Ein solches Projekt erfordere eine 24-Stunden-Begleitung.

„Schließlich will man allen potenziellen Unterstützern sofort auf Fragen antworten. Also auch gut überlegen, welche Plattformen man einspannt: Facebook, ein Blog oder Twitter. Alles kann helfen, ist aber auch zusätzliche Arbeit.“ Eine tolle Präsentation und ein gutes Netzwerk sind unverzichtbar für den Erfolg des Projekts. „Crowdfunder erzeugen bei der Crowd idealerweise einen Hype“, so Marketing-Experte Harms.

„Crowdfunding entspricht unserer Vorstellung von Nachhaltigkeit und es ist eine schöne Methode Geld zu verdienen und gleichzeitig die Menschen auf uns aufmerksam zu machen“, sagt Glemnitz von Bunte-Burger. Der direkte Kontakt zur Zielgruppe ist der nächste Effekt, den vor allem Stüssel schätzt: „Wir bekommen ungeschönte Kommentare zum Projekt und können auf die Vorschläge und Kritik der Crowd direkt reagieren und unser Angebot dadurch noch vor der Marktreife verbessern.“

Harms Lieblingsbeispiel für eine gute Crowdfunding-Idee: Stromberg. Eine Million Euro sammelten die Macher der TV-Serie 2011 bei Fans ein – und machten damit Crowdfunding in Deutschland bekannt. Die Macher der beliebten Serie tourten 2011 durch die Medien und stellten ihr Crowdinvesting-Projekt vor. Ihr Ziel: einen Stromberg-Kinofilm von der Masse finanzieren. Der Erfolg war überwältigend: In nur einer Woche kam die avisierte Summe von einer Million Euro zusammen.