Eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein erfolgreiches Start-up ist ausreichend Kapital. Doch Geld zu erhalten, ist für Gründer gar nicht so einfach.

Mustafa Azim hat ehrgeizige Pläne: Mit seinem Start-up Smartvie will er Ebay und Amazon angreifen – und so unter die zehn größten E-Commerce-Plattformen in Deutschland kommen.  Smartvie bietet Händlern einen alternativen Online-Marktplatz.

Immerhin: Die Grundfinanzierung steht, aber das Start-up braucht dringend frisches Geld: Bislang hat sich die Kapitalbeteiligungsgesellschaft NRW mit 50.000 Euro mit einer stillen Beteiligung bei den jungen Unternehmern eingebracht. Investiert haben auch die EU durch eine Förderung für Innovation sowie Familie und Freunde.

„Unser Ziel ist ganz klar Wachstum“, sagt Gründer Azim. Er will in die Technik investieren, braucht zudem mehr Entwickler – nur so kann er der gestiegenen Zahl an Aufträgen Rechnung tragen. „Wir haben einen Händler, der alleine 1,2 Millionen Artikel im Sortiment hat“, erzählt Azim. Stellt dieser Händler alle Artikel auf der Plattform ein, heißt es für die kleineren Händler der Plattform: Warten, bis wieder Leitungen frei sind.

Am Beispiel von Smartvie lässt sich eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein erfolgreiches Start-up erkennen: ausreichend Kapital. Doch Geld zu erhalten, ist für junge Gründer gar nicht so einfach – trotz zahlreicher Möglichkeiten.

Der Weg zu mehr Geld, den das mittlerweile sechsköpfige Team gewählt hat, heißt Crowdfunding. Über die Plattform FunderNation will es 400.000 Euro, mindestens aber 100.000 Euro einsammeln, um weiter wachsen zu können.

Crowdfunding gewinnt in Deutschland zwar an Bedeutung, doch es gibt nicht viele Start-ups, die diesen Weg zur Wachstumsfinanzierung wählen. Andere Wege müssen beschritten werden: Laut dem Deutschen Startup Monitor (DSM) setzen nur 4,1 Prozent aller Start-ups auf Crowdfunding. 82,5 Prozent greifen auf eigene Ersparnisse zurück, 32,7 Prozent leihen sich bei Familie und Freunden Geld. Die Experten der Förderbank KfW sprechen in dem Fall von den Geldgebern mit den drei F: Family, Friends and Fools – Familie, Freunde und, freundlich formuliert, Naive.

Bei Banken haben viele Gründer schlechte Karten

Auf Banken können sich viele Jungunternehmer nicht verlassen. Denn dort muss Überzeugungsarbeit geleistet werden, mehr als bei Eltern und Geschwistern. Stimmt der Businessplan nicht zu 100 Prozent oder glaubt der Berater einfach nicht an die Geschäftsidee, war es das mit dem Darlehen. „Gründern fällt es oft schwer, ausreichend Informationen über ihr Gründungsprojekt bereitzustellen – vor allem, wenn sie mit völlig neuen Geschäftsmodellen oder Produkten starten wollen“, so die Erfahrung der Experten. Laut KfW stimmt für die Banken das Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht. Das Resultat: „Auch Erfolg versprechende Gründungsprojekte können dadurch auf der Strecke bleiben.“

Dabei brauchen Gründer häufig nur einen kleinen Kredit: Die von Start-ups im Jahr 2013 eingesetzten Finanzmittel summierten sich auf knapp zehn Milliarden Euro, auf jeden Gründer entfielen also durchschnittlich nur 11.200 Euro, zeigen Daten der KfW.

Trotzdem kommen Jungunternehmer eher noch an das Geld für die Unternehmensgründung als an Wachstumskapital, wie es Smartvie im Moment braucht. Denn gerade Unternehmen aus der Internetbranche sind erst relativ spät profitabel. Selbst der Online-Versandhändler Zalando ist erst jetzt – nach einem erfolgreichen dritten Quartal – „auf Kurs für ein konzernweit profitables Geschäftsjahr 2014“. Vorher floss alles Geld in das Wachstum.

Doch einem Unternehmen, das keine oder nur sehr geringe Gewinne erwirtschaftet, gibt kaum jemand eine weitere Finanzspritze. Das belegen die Statistiken: Laut dem Deutschen Start-up Monitor brauchen die deutschen Start-ups im Jahr 2015 mindestens 650 Millionen Euro, um allein in Wachstum und Fortschritt zu investieren. Kapitalgeber steckten im vergangenen Jahr in Deutschland allerdings nur 411 Millionen Euro in Gründungsprojekte.

Für viele Start-ups kann der Staat auf der Suche nach einem Geldgeber die Lösung sein. Wer Kapital braucht – unabhängig ob für die Grundsteinlegung oder die Expansion –, kann sich unter anderem an den Staat wenden. Im Jahr 2013 hat die Bundesregierung mehr als 100 Millionen Euro für die Förderung von jungen, innovativen Unternehmen zur Verfügung gestellt. Die Palette der staatlichen Förderangebote reicht dabei von Zuschüssen über Kredite bis hin zu Beteiligungen. Doch nur eines von drei Start-ups nutzt auch die Möglichkeiten der staatlichen Förderung, wie der DSM- und der KfW-Gründungsmonitor zeigen.

Unübersichtliche Wettbewerbe mit hohen Preisgeldern

Gründer können sich natürlich auch über die Teilnahme an entsprechenden Wettbewerben finanzieren. Laut der Studie „Gründerwettbewerbe und Top Start-ups 2014/2015“ der Plattform Für-Gründer.de vergaben Gründerwettbewerbe im letzten Jahr 3,2 Millionen Euro an Start-ups. Die Wettbewerbe selbst sehen sich als „einen wertvollen Beitrag zur Gründungsförderung in Deutschland“, sagt etwa der Geschäftsführer von Für-Gründer.de, René S. Klein.

Auch bei den Wettbewerben müssen Gründer einige Regeln beachten, um an Geld zu kommen. Die Betreiber der Plattform analysierten 124 Wettbewerbe. Das Resultat: Regionalität zieht. 79 Wettbewerbe in Deutschland küren die besten Gründer eines Bundeslandes oder einer noch enger gefassten Region.

Die höchsten Preisgelder der regionalen Wettbewerbe gibt es in Baden-Württemberg: Hier können Gründer bei sieben Wettbewerben rund 245.000 Euro gewinnen. 45 Wettbewerbe rufen deutschlandweit zu Bewerbungen auf. Sie sind in Bezug auf die Preisgelder spendabler und stehen trotz der geringeren Anzahl für 50 Prozent der ausgeschütteten Gesamtsumme. Doch Für-Gründer.de-Geschäftsführer Klein warnt auch, dass die Wettbewerbslandschaft „sehr unübersichtlich“ sei.

Die Beispiele zeigen, wie schwierig die Suche nach Geld für Start-ups ist. Das weiß auch Azim von Smartvie zu berichten, der sich bereits einmal Kapital von der Crowd besorgt hat. „Die Anstrengung wird unterschätzt“, sagt er. Schwarmfinanzierung sei mit viel Aufwand verbunden – sowohl vor als auch während der Kampagne.

Bei der aktuellen Kampagne bittet Azim die potentiellen Investoren sogar ins Unternehmen, um mit Vorträgen und im persönlichen Gespräch zu überzeugen. Ein eher ungewöhnlicher Weg. Wer an das Geld privater Investoren möchte, sollte jedoch kreativ sein.