Das junge Unternehmen profitiert vom Bedürfnis nach mehr Kommunikation. Nach Jahren des Bootstrappings übernimmt ein US-Investor jetzt die Mehrheit – und legt dafür viele Millionen auf den Tisch.

Das Experiment war riskant: Kostenlosen Zugang zum eigenen Angebot – und eine Einrichtung der App in 48 Stunden. Damit warb das Social-Intranet-Start-up Coyo im Frühjahr um Kunden. Der Bedarf nach einer Plattform für die interne Kommunikation war bei vielen Unternehmen plötzlich hoch, weil im Homeoffice die Kaffeeküche oder das Schwarze Brett nicht mehr als Informationsort dienten.

Mit seiner Softwarelösung bot das Hamburger Start-up Coyo die digitale Variante für diesen Austausch. Ein halbes Jahr und eine Welle später blickt Gründer Jan Marius Marquardt zufrieden auf die Kostenlos-Aktion zurück: „Die Unternehmen haben das getestet, sind auf den Geschmack gekommen und geblieben. Etwa 80 Prozent der Kunden, die uns kostenfrei ausprobiert haben, zahlen nun für das Angebot.“

Zweistelliger Millionenbetrag für die Mehrheit

Etwa 400 Firmen – darunter Eon, die Deutsche Bahn oder Ritter Sport – haben Coyo heutzutage für die Mitarbeiterkommunikation im Einsatz. Doch allein im deutschsprachigen Raum sieht Marquardt ein Potenzial von 15.000 möglichen Kunden. Um die zu erreichen – und dann auch nach und nach ins Ausland vorzustoßen – geht das Start-up nun einen großen Schritt. Nachdem es sich zehn Jahre lang komplett aus den laufenden Umsätzen finanziert hat (die Gründerszene spricht vom sogenannten Bootstrapping) und so auf 140 Mitarbeiter gewachsen ist, kommt nun ein Investor an Bord.

Die amerikanische Investmentfirma Marlin Equity Partners mit Hauptsitz in Los Angeles übernimmt dabei direkt die Mehrheit an dem Start-up – vorbehaltlich einer Genehmigung durch die Kartellbehörden. Dafür zahlt der US-Investor einen nicht näher spezifizierten zweistelligen Millionenbetrag. Coyo habe „eine außerordentliche Plattform-Lösung entwickelt, die es Unternehmen weltweit ermöglicht, ihre interne Kommunikation zu digitalisieren und damit zu verbessern“, lässt sich Marlin-Equity-Manager Mike Wilkinson zitieren.

Mit Plattform-Konzept gegen die Konkurrenz

Gründer Marquardt gibt damit nun die Kontrolle über sein Start-up, das er gemeinsam mit Daniel Busch und Stefan Schnock leitet. Über die Transaktion hatte das Portal Gründerszene zuerst berichtet. Doch dem dort gewählten Begriff Exit, also einem Ausstieg bei Coyo, widerspricht Marquardt: „Jetzt geht die Reise für mich erst wirklich los“, sagt er gegenüber WirtschaftsWoche Gründer.

Neben der internationalen Expansion soll auch das inhaltliche Angebot ausgebaut werden. Bislang bietet Coyo unter einem Dach eine Anwendung für Büroangestellte und eine für Mitarbeiter, die nicht am Computer sitzen. Man habe sich immer wieder bewusst dagegen entschieden, zu viele Funktionen einzubauen, berichtet Marquardt: „Das macht die Nutzung immer nur komplexer und betrifft mitunter nur fünf Prozent der Nutzer. Wir haben unseren Fokus aber ganz klar auf eine einfache, intuitive Nutzung gelegt.” Doch in Zukunft soll Coyo auch Schnittstellen anbieten, über die andere Softwarehersteller ihre Angebote an das Social-Intranet andocken können – denkbar wäre etwa das Projektmanagement oder auch Programme der Personalabteilung.

Bei der Expansion muss sich das Hamburger Start-up auch gegen Mitbewerber durchsetzen. Anbieter wie LumApps, Flip oder Beekeeper positionieren sich ebenfalls als Kommunikationsplattformen für Mitarbeiter und Führungskräfte. Sie alle nutzten die ersten Wochen der Corona-Krise, um für ihre Angebote zu trommeln – und verzeichneten Rekorde bei der Intensität der Nutzung. Der digitale Austausch habe sich jedoch auch dann nicht reduziert, als wieder mehr Mitarbeiter ins Büro zurückkehren konnten, berichtet Marquardt: „Die Nutzung ist nicht großartig zurückgegangen – es scheint einen nachhaltigen Effekt zu haben.“