Nach Video-Portalen und Fitnesskursen bringt das Berliner Team jetzt Klima-Spenden aufs Smartphone – mit Unterstützung von bekannten Investoren. 

Es ist eine alte Idee in neuer Verpackung, die Markus Gilles (Mitte im Bild) und Jonas Brandau (li.) diesmal vorantreiben. Mit ihrem Co-Gründer und Technologiechef Andreas Pursian arbeiten die Seriengründer an einer App namens Klima, die Nutzer zum Ausgleich ihres persönlichen CO2-Fußabdrucks animieren soll: Je nach Ausmaß der eigenen Umweltsünden zahlen Nutzer einen monatlichen Beitrag an das Start-up, der schließlich Klimaprojekten zugute kommen soll. Per Smartphone-App mit ansprechender Optik will das Trio dafür mehr Menschen gewinnen als die zahlreichen anderen Anbieter wie Atmosfair aus Berlin oder Arktik aus Hamburg, die den Markt seit Jahren bearbeiten.

So funktioniert die sogenannte CO2-Kompensation über die Klima-App: Nachdem die Nutzer ihre individuellen CO2-Emissionen berechnet haben, bekommen sie einen monatlichen Abo-Betrag angezeigt, der ihrem gesamten CO2-Fußabdruck entsprechen soll – als regelmäßiger persönlicher Beitrag zum Klimaschutz, wie es das Berliner Start-up hinter der App vermittelt. Von den Zahlungen seiner Nutzer reicht Climate Labs 70 Prozent direkt an Klimaprojekte weiter. Die übrigen 30 Prozent behält die 2019 gegründete Firma ein und deckt damit einerseits eigene laufende Kosten sowie etwa Ausgaben für Marketingkampagnen und Aktionen, die Gründer Markus Gilles als „Kollektiven Impact“ beschreibt.

Von Video zu Sport zu Klima

Bislang fiel Gilles vor allem mit App-Entwicklungen in anderen Bereichen auf. Zuletzt brachte er zusammen mit Co-Gründer Jonas Brandau die Fitness-App Mighty an den Start, hinter dem die vor zwei Jahren gegründete Firma Release2 steht. Ein früheres Projekt der Unternehmer, die Video-Plattform Hyper, konnten die beiden 2016 an das US-Portal Mic aus New York verkaufen, wie etwa das „Wall Street Journal“ berichtete. Mic ist heute wiederum nach mehreren Verkäufen Teil der Bustle Digital Group unter Führung des bekannten Medienunternehmers Bryan Goldberg, der laut „Manager Magazin“ als einer der „Bad Boys“ in Amerikas Digitalmedienszene derzeit stark unter Druck steht. Aufgelöst ist inzwischen Gilles und Brandaus Gründung aus 2014 – Redcyan, später Anti Hero –, die das 2012 gestartete Video-Portal Pinio betrieb.

Mit den Erfahrungen rund um Nutzerfreundlichkeit und Design wollen die Unternehmer mit ihrem Team aus aktuell zehn Mitarbeitern nun das Klimabewusstsein stärken. „Wir sehen so viele Leute, die etwas fürs Klima tun wollen. Daraus kann eine Massenbewegung für Klimaneutralität entstehen“, sagt der 40-jährige Climate-Labs-CEO im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer. „Dazu muss CO2-Kompensation radikal einfach werden, Spaß machen und sich belohnend anfühlen“, so Gilles. Die ersten Nutzer können seit heute auf eine Beta-Version der Klima-App für Android- und IOS-Betriebssysteme zugreifen. Interessierte aber müssen sich vorerst noch in eine Warteliste auf der Internetseite eintragen. Wenn alles glattgeht, will das Start-up künftig 20 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr durch Klimaprojekte ausgleichen, was laut Gilles dem gesamten Fußabdruck des Landes Kroatien in einem Jahr entspricht. Die entsprechende Reichweite will das Start-up über soziale Netzwerke erreichen.

VCs und Berliner Gründer leisten Anschub

Das nötige Startkapital steuern bekannte Investoren bei: Insgesamt fünf Millionen Euro kommen von den Venture-Capital-Gesellschaften Eventures, HV Holtzbrinck Ventures und 468 Capital, dem kürzlich gestarteten Fonds zweier Rocket-Internet-Manager und dem Mesosphere-Gründer, der erst vor wenigen Tagen ein Investment in das Berliner Tiergesundheits-Start-up Felmo bekanntgab. An der aktuellen Seed-Finanzierungsrunde beteiligt waren zudem der Pitch-Gründer Christian Reber, Jens Begemann hinter der Spielesoftwarefirma Wooga sowie Blinkist-Mitgründer Niklas Jansen.

Das Vertrauen der Nutzer muss sich Climate Labs nun noch erarbeiten. Denn mit der CO2-Kompensation setzt das Start-up auf ein nicht unumstrittenes Thema. In der Vergangenheit sprachen Kritiker häufig plakativ von „Ablasshandel“. Auf lange Sicht müssten Emissionen von vornherein verhindert werden, statt sie durch Zahlungen auszugleichen, sagt auch Gründer Gilles. So könne die App in der aktuellen Version nur der erste Schritt sein. Gilles kündigt weitere Funktionen rund um das freiwillige Engagement für das Klima an, nennt aber noch keine Details. „Wir sehen unsere App als einen wichtigen Mosaikstein in der weltweiten Anstrengung gegen den Klimawandel“, sagt der Unternehmer. Am CO2-Ausgleich führe zumindest aktuell kein Weg vorbei, dieses Bewusstsein wolle Climate Labs stärken.

Social-Start-up mit Wachstumszielen

Die unterstützen Projekte sieht sich das Start-up nach eigenen Angaben vor Ort an, sechs sind aktuell im Portfolio. Für die Auswahl greifen die Berliner auf Analysen der NGO Project Drawdown mit Sitz in San Francisco zurück. Die Nonprofit-Organisation hat es sich zum Ziel gesetzt, die wirkungsvollsten und effizientesten Klimaprojekte weltweit zu identifizieren. Zudem entsprechen laut Gilles alle geförderten Projekte anerkannten Qualitätsstandards für CO2-Kompensation – dazu zählen etwa der Verified Carbon Standard oder Gold Standard.

Zumindest die Investoren hat die Devise „Wirkung durch Wachstum“ der jungen Berliner Firma überzeugt. So sieht sich Climate Labs als Teil einer „neuen Kohorte von Social-Start-ups“, wie es Gilles formuliert. Der gemeinsame Anspruch ist, mit einer wachstumsgetriebenen Sichtweise an ökologische und gesellschaftliche Probleme heranzugehen. „Die Kombination aus Impact-Fokus, Growth-Mindset und VC-Kapital ermöglicht die ambitionierten Innovationen, die wir in der Klimakrise brauchen“, sagt der Seriengründer. „Berlin entwickelt da gerade eine zunehmende Strahlkraft.“