Brauche ich reiche Eltern, um loslegen zu können oder kann ich tatsächlich mit 100 Euro starten?
Würden nur Kinder reicher Eltern bootstrappen, dann gäbe es wohl eine sehr dünne Gründerlandschaft in Deutschland. Bootstrappen bedeutet, aus dem Wenigen, was man hat, das Maximale herauszuholen. Das kann bedeuten in Teilzeit zu starten, durch den Partner oder die Familie unterstützt zu werden, oder vom angesparten Puffer zu leben. Es kann aber auch bedeuten ein paar hundert Euro des bisherigen Angestelltengehalts jeden Monat jemand anderem zu geben, der zum Beispiel schon mal mit Marketing anfängt. Diese Strategie fahre ich seit eineinhalb Jahren bei Happy Coffee, einem Online-Kaffeeshop. Wenn ich in diesem Herbst wieder anfange ein Kaffeeprodukt zu verkaufen, dann habe ich zwar bereits ein paar tausend Euro über 18 Monate dafür ausgegeben, dafür starte ich aber mit einem Publikum von 15.000 Besuchern im Monat, die aufgrund der Arbeit der letzten Monate mittlerweile da sind.

Happy Coffee steht im Vergleich zu FastBill noch am Anfang. Wie sah das Bootstrapping dort aus?
Bei FastBill haben wir uns damals zu zweit durch Gründungszuschuss und Puffer für circa ein Jahr lang Luft geschaffen. Wir wussten, dass eine Teilzeitgründung schwer wird. In dem ersten Jahr haben wir uns eine kleine Wohnung in Frankfurt gemietet, weil ich damals in Hamburg und mein Mitgründer in Saarbrücken gewohnt hat. Dort haben wir uns alle zwei Wochen für eine Woche getroffen und 24/7 am Start-up gearbeitet.

Wie haben Sie auf sich aufmerksam gemacht?
Wir sind am Ende durch kreative Aktionen wie die „FastBill Start-up Tour“ und T-Shirts mit der Aufschrift „Chuck Norris braucht kein Büro“ ausreichend sichtbar geworden, um danach weiter zu machen und zumindest die Miete vom Umsatz bezahlen zu können. Es hat dann allerdings noch weitere zwei Jahre gedauert, bis wir anfangen konnten, ein Team aufzubauen. Die größte Herausforderung war es zu Beginn, das wenig Vorhandene so einzusetzen, dass am Ende neuer Umsatz dabei raus kommt. Dieser Druck macht nicht nur kreativ, sondern auch mutig.

Was raten Sie bootstrappenden Start-ups, wie sie ihre Marketing-Strategie gestalten sollten?
Marketing hat das Ziel, Sichtbarkeit aufzubauen. Und dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Entweder man macht das, was alle anderen machen, oder man macht etwas anderes, wo Menschen hingucken.

Das heißt?
Marketing bedeutet nicht „Facebook machen“, sondern ist die Summe aus einer wirksamen Idee, die man über die richtigen Kanäle streut. Für mich ist das „anders sein“ ganz essentieller Punkt. Junge Start-ups können mutiger sein, haben weniger zu verlieren. Warum nicht also mit dem Anspruch losgehen, Buchhaltung „sexy“ zu machen? Statt Funktionen zu erklären, versuchen wir Emotionen zu erzeugen und die Zielgruppe auf einer nicht so sachlichen Ebene zu erreichen. Das hat für uns in der Vergangenheit sehr gut funktioniert und ist auch ein echter Geheimtipp von mir, gerade für Start-ups ohne große Budgets. Ein T-Shirt kostet 20 Euro bei Spreadshirt. Damit auf ein Event mit der passenden Zielgruppe zu gehen ist im Zweifel kostenlos.

Vielen Dank für das Gespräch.