Die Berliner vereinfachen eigentlich die Transaktionen zwischen Restaurants und Großhändlern. In der Corona-Krise erweitern sie nun das Modell. Investoren legen großzügig nach.

Ob Berlin, Paris oder New York: Mehr als 10.000 Großhändler und Lebensmittelproduzenten in 17 Städten weltweit sind bei Choco registriert. Eigentlich hilft die Software des Berliner Start-ups dabei, den Kontakt zu ihren Hauptkunden – Restaurants, Bars und Gaststätten – zu vereinfachen. Die Gastronomen können per App bestellen, die Großhändler können die Order mit dem Programm effizienter verwalten und ihre Route planen. Händische Notizen, frühmorgendliche Streifzüge auf dem Großmarkt und falsch gepackte Frischekisten sollen so der Vergangenheit angehören.

In knapp zwei Jahren hat sich das Start-up der Seriengründer Daniel Khachab, Julian Hammer und Rogerio da Silva Yokomizo so bereits in neun Länder vorgearbeitet, Deutschland, Frankreich und die USA sind die stärksten Märkte. Knapp 200 Mitarbeiter arbeiten bereits für Choco. „Wir liefern Lebensmittel an die Dönerbude, das 3-Sterne-Restaurant oder den 3000-Leute-Biergarten“, sagt Khachab im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer. Im vergangenen Herbst steckte ein Konsortium um Bessemer Venture Partners, Atlantic Labs, Target Global und Contemporary Food Labs bereits etwa 30 Millionen Euro in das Start-up.

Restaurants müssen wegen Corona schließen

Dann kam Corona. Und damit ein dramatischer Einbruch für viele Gastronomiebetriebe weltweit. In einigen Ländern müssen die Restaurants komplett geschlossen bleiben, in anderen – etwa Deutschland und den USA – dürfen sie immerhin Essen zum Mitnehmen oder Ausliefern anbieten. Und Choco musste umschwenken. Dabei erinnerte sich das Gründerteam auch an einen Ausgangsgedanken: Das Start-up wollte helfen, die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren. Jetzt aber drohte das Sortiment bei vielen Händler zu vergammeln.

Das Start-up hat sein Geschäftsmodell daher nun ausgeweitet: Neben B2B gibt es nun D2C – zu dem reinen Geschäftskundenmodell kommt auch eine „Direct-to-Consumer“-Option. Auf Choco Market können Endkunden die Lebensmittel direkt von den Händlern bestellen, geliefert wird dann vom Großmarkt direkt an die Wohnungstür. „Die Endverbraucher entscheiden mit darüber, ob es die Händler durch die Krise schaffen“, sagt Khachab. Gleichzeitig positioniert sich das Start-up so als verlässlicher Partner der Branche: Denn Geld verdient es nicht durch eine Provision pro Verkauf, sondern durch Lizenzgebühren für erweiterte Funktionen in der Liefer- und Bestellsoftware.

Rein in den umkämpften Endverbraucher-Markt

Auch ohne Marketing habe es in Paris oder New York in den ersten Tagen jeweils um die 2000 Bestellungen von Privathaushalten gegeben, vermeldet Khachab. Mit dem neuen Modell bewegt sich Choco aber in eine hart umkämpfte Branche. Lebensmittel-Lieferdienste versuchen seit Jahren, Marktanteile in Deutschland zu gewinnen. Doch die Preise in Deutschland sind extrem niedrig, zugleich ist das Netz an Supermärkten in Städten dicht – das lässt nur wenig Spielraum für Experimente.

Große Ketten wie Rewe investieren große Summen in Logistikzentren. Getnow liefert Lebensmittel aus Metro-Märkten aus – und ist damit schon ganz nah dran am neuen Modell von Choco. Aus den Niederlanden arbeitet sich Lieferdienst Picnic aktuell in Nordrhein-Westfalen vor. Dazu kommen zahlreiche digitale Marktplätze für regionale Lebensmittel. Auch das Netzwerk von Choco ist regional: Schließlich liefern die meisten Berliner Großhändler sonst an Berliner Restaurants – und schicken ihre Lastwagen nicht jede Nacht auf die große Reise durch die Republik.

Kapital für gute Taten

Im ersten Schritt sollen die Profite aus dem Endverbraucher-Geschäft an notleidende Restaurants gehen. Dafür arbeitet Choco mit verschieden Branchenverbänden zusammen. Für die langfristige Zukunft dieser Kundengruppe ist Khachab optimistisch. Man sei zuversichtlich, dass Restaurants zurückkommen werden, so der Gründer: „Das sind nicht nur Nahrungsbeschaffungsmaßnahmen, die transportieren Kultur.“

Finanziell muss sich Choco vorerst keine Sorgen machen. In diesen Tagen sammelte das Start-up weitere 28 Millionen Euro ein. Angeführt wurde die aktuelle Runde von Coatue Management, beteiligt haben sich zudem die Bestandsinvestoren. Coatue, ein internationaler Risikokapitalgeber, ist unter anderem auch bei Snap oder Wirecard investiert. Das frische Geld verschafft dem Choco-Team den Freiraum, auch an anderer Stelle zu helfen: In einigen Ländern halfen Angestellte Restaurants dabei, schnell Webshops aufzusetzen – um von Laufkundschaft auf Vorbestellung umzustellen.