Das Start-up holt über Marktplätze und Online-Shops verkaufte Waren ab, verpackt und versendet diese. In der Coronakrise steigt die Nachfrage.

Von der Kaufingerstraße in München über die Frankfurter Zeil und die Kölner Schildergasse bis zur Mönckebergstraße in Hamburg: Quer durch die Republik sind Einkaufsstraßen derzeit wie leergefegt, Geschäfte bleiben wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Eine „Umsatz-Soforthilfe“ stellt nun Charry in Aussicht: Gemeinsam mit dem Karlsruher IT-Unternehmen Gaxsys dockt das Münchener Start-up Einzelhändler an die Verlaufsplattform von Zalando an – und kümmert sich um eine kontaktlose Abholung, die Verpackung und den Versand der Ware.

„Gerade kleinere, lokale Einzelhändler trifft die Krise aufgrund fehlender alternativer Verkaufsplattformen besonders hart“, sagt Charry-Gründer Maximilian von Forstner. Zwar beklagt auch Zalando einen Nachfragerückgang, will aber gerade jetzt seinen Plattformansatz ausbauen. Wie das Unternehmen am Dienstag bekannt gab, zahlen Einzelhändler bis Ende Mai keine Provision an den E-Commerce-Riesen, wenn sie Produkte aus dem Zalando-Sortiment verkaufen. Zudem sollen Einnahmen vorläufig wöchentlich statt monatlich ausgezahlt werden.

Arbeitsentlastung für Händler

Charry will sich dabei als besonders umfassender Logistik-Partner profilieren: Das Start-up holt verkaufte Artikel direkt bei den Händlern ab, verpackt diese in Logistikzentren seines Partners PVS Fulfillment und steuert den Versand den Endkunden. „Die Händler brauchen keine eigene Versandinfrastruktur aufbauen“, sagt von Forstner. Außer der Anbindung an Gaxys bietet Charry Schnittstellen an verschiedene andere Warenwirtschafts- Kassen- und Shopsystemen an. Die Dienstleistung lässt sich daher auch unabhängig von Zalando etwa für selbst betriebene Onlineshops und weitere Marktplätze wie Amazon nutzen.

Entwickelt haben von Forstner und sein Mitgründer Benjamin Keller das Konzept lange vor der Krise – geworben haben sie vor allem mit der Arbeitsentlastung: Im sonst oft trubeligen Alltag fehlten vielen Händler Zeit und Platz, um nebenher noch Pakete für Online-Bestellungen zu packen. Aktuell stünden Ladenbetreiber vor dem gegenteiligen Problem, beobachtet von Forstner: „Viele haben ihre Mitarbeiter bereits in Kurzarbeit geschickt – und jetzt niemanden, der sich um eine Versandlogistik kümmern kann.“

Expansion im Windschatten von Filialisten

Aktuell bietet Charry seinen Abholdienst nur in München an. Knapp 100 Händler zählen zu den Kunden. Pilotversuche gibt es bereits in andren Metropolen, die Expansion in weitere Städte ist geplant. Im Herbst vergangenen Jahres hatte das Start-up dafür eine sechsstellige Finanzierungsrunde abgeschlossen: Neben PVS Fulfillment mit Hauptsitz in Neckarsulm beteiligten sich mehrere Business Angels – darunter der Brands4friends-Gründer Nicolas Speeck, der Unternehmensberater Jens Torchalla mit seiner Beteiligungsgesellschaft Amber-Invest sowie Lufthansa-Consulting-Chef Andreas Jahnke.

Wachsen will Charry vor allem im Windschatten von Einzelhandelsunternehmen mit vielen Filialen. Verkaufen große Ketten ihre Waren in einem Online-Shop, läuft die Logistik dafür bisher oft unabhängig vom Filialgeschäft. Das führt zur skurrilen Situation, dass ein Artikel online ausverkauft sein kann – obwohl in einzelnen Geschäften noch ein hoher Bestand vorhanden ist. „Der Wunsch auch von der lokalen Verkaufsfläche versenden zu können, ist groß“, sagt von Forstner. Derzeit gebe es vielversprechende Gespräche, um solche sogenannten Filialisten als Partner zu gewinnen. Sorgen diese für ein ausreichendes Volumen, lohnt es sich für das Start-up neue Fahrer in anderen Städten anzuheuern – und die Dienstleistung auch kleineren Händlern anzubieten.

Marktplätze legen zu

Kurzfristig dürfte die Expansion wegen der Konsumzurückhaltung zwar ins Stocken geraten. Das Start-up, das aktuell 13 Mitarbeiter sowie mehrere Fahrer beschäftigt, hofft aber langfristig von der Krise zu profitieren. „Uns erreichen viele Anfragen von Händlern, die nun erstmals online verkaufen”, sagt der Gründer.

Eine wachsende Rolle spielen dabei Marktplätze – neben Amazon und Ebay öffnen sich auch große Händler für Drittverkäufer: Kunden sollen dadurch ein größeres Angebot finden und schneller beliefert werden. Zu den Playern gehören etwa Douglas, Otto oder Zalando. Der Modehändler hat eigenen Angaben zufolge bereits mehr als 1.500 Geschäfte in Deutschland und den Niederlanden an seine Plattform angebunden. „Der Vorteil unserer Lösung ist, dass man mehrere Marktplätze gleichzeitig bedienen kann“, sagt von Forstner. In den Logistikzentren halte das Start-up auch passendes Verpackungsmaterial vor – etwa Kartons mit Zalando-Schriftzug.