Durch den coronabedingten Wandel hin zum digitalen Lernen will das als PrintPeter gegründete Start-up neuen Schwung holen. Doch das Geschäft mit Studierenden bleibt schwierig.

Lerngruppen auf Distanz hat Charly derzeit im Fokus: In Zeiten geschlossener Bibliotheken und Unigebäude schaltet das Berliner Start-up Studierende auch vom Schreibtisch zuhause aus zusammen. Damit sie sich trotz Kontaktbeschränkungen weiterhin zumindest digital treffen können – um Klausuraufgaben zu klären oder die Stoffsammlung zu vergleichen. „Live-Learning-Sessions“ nennt Gründer Cecil von Croy das neueste Vorhaben, das gerade in die Plattform integriert wird.

„Wir wollen jetzt den nächsten Schritt gehen von der digitalen Lernunterstützung hin zur digitalen Universität“, sagt der Geschäftsführer der 2016 ursprünglich als PrintPeter gegründeten Firma. Zwar wächst der Markt für digitale Lern- und Weiterbildungsplattformen seit Jahren stark. Nun aber zeigten auch die Universitäten verstärkt, was sich an Inhalten auf Distanz vermitteln lasse, so von Croy. Youtube-Videos ersetzen Teile der Vorlesung, Karteikarten und Lernskripte entstehen am Computer, und Tutorinnen und Tutoren unterrichten in digitalen Meetingräumen: Durch den Wandel will auch das Start-up Charly neuen Schwung fassen: „Durch neuartiges Tutoring, Übungsaufgaben und Altklausuren mit Lösungen wollen wir helfen, sich durch Klausuren durchzutrainieren“, sagt der Gründer.

Aufwendiger Netzwerk-Aufbau

Für seine junge Firma mit derzeit 50 Mitarbeitern ist es bereits der zweite Neuanfang nach der Umbenennung in PlusPeter im Jahr 2018. Gestartet als kostenloser Druckservice für Vorlesungsunterlagen, musste das Start-up bereits mehrere Rückschläge überwinden. Nachdem die Expansion nach Polen und in die USA verkündet wurde, starb 2019 Mitgründer Karl „Charly“ Bagusat nach einem Verkehrsunfall. Unter seinem Namen soll die Plattform nun über die aktuell 400.000 Nutzer hinauswachsen.

Eine wichtige Rolle spielen die rund 70 Tutoren, die das Start-up inzwischen als externe Honorarkräfte beschäftigt. Denn sie sind nicht nur persönliche Ansprechpartner bei Fragen, sondern prüfen auch Lösungen, die Studierende selbst auf die Plattform hochladen. So baut Charly an einer Sammlung für klausurrelevante Inhalte, die sich von selbst bestücken soll – als Anreiz zahlt das Start-up pro hochgeladener Frage inklusive richtiger Antwort einen Centbetrag. Registrierte Nutzer können Inhalte kostenlos abrufen. Wenn sie persönliche Hilfe von einem Tutor brauchen, zahlen sie je Lösung per Foto oder Video drei bis vier Euro. Individuelle Nachhilfe über Videoanruf lässt sich gegen Aufpreis buchen.

Tüfteln am Geschäftsmodell

Noch sucht das Start-up allerdings nach dem passenden Geschäftsmodell. Denn bislang finanzieren Unternehmen die kostenlosen Inhalte. In den Druckunterlagen etwa schalten sie Werbe- oder Stellenanzeigen. Und auch im Netz bekommen die Nutzer personalisierte Werbung angezeigt, dafür gibt Charly Informationen weiter. Beispielsweise die angegebenen Interessen, das Studienfach und den Wohnort. Im Gegenzug sollen Studierende unter anderem für sie relevante Jobangebote angezeigt bekommen.

In Zukunft will das Start-up die Nutzer jedoch mehr und mehr in zahlende Kunden verwandeln. Gründer von Croy schwebt ein Abo-Modell vor, das etwa unbegrenzten Zugang zu Tutoren beinhalten soll. Außerdem geplant sind für dieses Jahr auch Kurse für Berufseinsteiger: So sollen Unternehmen über die Plattform eigene Workshops zum Beispiel zum Programmieren oder zu Nachhaltigkeitsthemen anbieten können – und damit näher an Nachwuchskräfte heranrücken.

Neuer Anlauf für die Expansion

Investoren haben dafür zum vierten Mal seit der Gründung frisches Kapital nachgeschossen. Zuletzt erhielt Charly im vergangenen Sommer drei Millionen Euro, wie die Firma vor wenigen Wochen bekanntgab. Beteiligt waren Wagniskapitalgeber aus vergangenen Finanzierungsrunden, darunter der Frühphaseninvestor Core Ventures Group sowie mehrere sogenannte Business Angels. 2018 flossen bereits insgesamt 2,5 Millionen Euro, unter anderem vom Verlagshaus Müller Medien. Die Gesamtfinanzierung liegt inzwischen bei rund acht Millionen Euro. Mit dem neuerlichen Anschub will das Start-up nun aus Deutschland und Österreich herauswachsen und ab dem kommenden Wintersemester auch in Dänemark, Großbritannien sowie in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg aktiv sein.

Ob es gelingt, gegenüber den zahlreichen Wettbewerbern zu bestehen, wird sich nun zeigen. Denn gerade jetzt drängen sich Start-ups mit Millionenfinanzierungen auf dem Markt für digitale Bildung. Darunter Jurafuchs aus Berlin, das Studierende mit kleinen spielerischen Lernpaketen überzeugen will. Mit einem ähnlichen Netzwerk-Gedanken wie Charly wirbt der Londoner Rivale Aula, hinter dem unter anderem der Berliner Risikokapitalgeber Project A steht. Das Münchener Start-up Easy-Tutor meldet starken Zulauf für seine Online-Nachhilfe zur Unterstützung beim Homeschooling und Lokalrivale StudySmarter konnte sich im vergangenen Jahr über einen siebenstelligen Betrag von Investoren freuen. Die Schulen erobern will etwa Teech Education aus Darmstadt, das ein Konferenz-Tool für den Distanzunterricht auf den Markt gebracht hat.