Die Pläne sind unterschiedlich – die Konkurrenz ist groß: Auf der Tech-Messe in den USA ringen auch deutsche Start-ups um die Aufmerksamkeit der Fachbesucher.

Der Stand ist spartanisch eingerichtet – und Julian Glaab ist auf dem Sprung. Gemeinsam mit Mitgründer Johannes Riedel ist Glaab mit seinem Parkdaten-Start-up Bliq.ai in Las Vegas. Das Ziel: Auf der Tech-Messe CES, die noch bis Freitag läuft, möglichst viele mögliche Partner auftun und sprechen. „Es ist eher ein Business-Trip als ein Messeauftritt für uns“, sagt Glaab. Die temporäre Heimat, der mit Bundesmitteln geförderte Gemeinschaftsstand „German Pavillon“, dient daher nur als Ausgangspunkt für ausgedehnte Erkundungstouren zu anderen Ausstellern: „Wir sind leider in der falschen Halle gelandet“, sagt Glaab.

Große Bühne in der Glitzwelt

Ein bisschen Aufmerksamkeit auf einer ganz großen Bühne: Das suchen auch zahlreiche deutsche Start-ups, die sich in diesen Tagen auf den Weg nach Vegas gemacht haben. Bis zu 170.000 Besucher drängen sich durch weitläufige Messehallen und die Konferenzflächen der großen Casino-Hotels.

Die Consumer Electronic Show (CES) hat sich zu einer Leitmesse für Digitalisierung entwickelt. Außer um Fernseher und Smart Homes geht es auch um autonomes und traditionelles Fahren, um Smart Cities, um Drohnen und um das Internet der Dinge. Das macht die Veranstaltung für B2B-Start-ups interessant. Bei Bliq.ai beispielsweise soll das Smartphone im Auto freie Parkplätze und Menschenansammlungen erkennen – und so etwa Taxifahrern, Fahrzeugflotten oder Lieferdiensten Hilfe bei der Navigation bieten. Manche Digitalfirmen wollen ihr Produkt bewerben, andere suchen Vertriebspartner, wieder andere Investoren.

Die Herausforderung: Um die Aufmerksamkeit von Fachbesuchern und Medien buhlen 4400 Unternehmen. Großkonzerne, wie etwa Daimler, mieteten ein ganzes Theater und fliegen Star-Regisseur James Cameron ein. Um auch Start-ups zu helfen, legen sich die Wirtschaftsförderer vieler Länder massiv ins Zeug. Frankreich etwa in der Start-up-Halle „Eureka Park“, in der sich über 1000 junge Unternehmen Zwei-Meter-Stand an Zwei-Meter-Stand drängen, gleich zahlreiche Reihen gemietet. Auch die Schweiz und die Niederlande haben gezielt Platz für eigene Start-ups angemietet und diese nach Las Vegas gebracht.

Gemeinschaftsstand und Einzelkämpfer

Junge Digitalunternehmen aus Deutschland mussten in diesem Jahr eigene Wege finden – oder sich nationalen oder regionalen Ständen anschließen, wo sie sich den Platz mit Mittelständlern oder Konzernen teilten. Am Stand der Messebeteiligung von Berlin und Brandenburg ist etwa Brighter AI vertreten. Das Start-up, die erste Ausgründung des Elektronikspezialisten Hella, hilft dabei, aus Kamerabildern personenbezogene Merkmale zu entfernen. Die USA sind dabei ein Markt, auf dem das Team punkten will. Doch auf der CES geht es um mehr: „Die Dimensionen, die diese Messe angenommen hat, macht es für uns spannend“, sagt Thomas Strottner, der die Geschäftsentwicklung bei Brighter.ai leitet. Neben Softwarefirmen sind traditionell auch zahlreiche Konsumelektronik-Firmen in Las Vegas vertreten – beides sind mögliche Kunden für Brighter AI.

Am „German Pavillion“ hat auch Norbert Ropelt eine Ecke ergattert. Er sucht vor Ort nach Technologien, die das Angebot des Tübinger Start-ups Cuuub verbessern sollen. Die Online-Shop-Software baut einen digitalen Zwilling von Showrooms und Filialen auf. „Was mich besonders interessiert, sind neue Technologien und Hardware, mit denen wir unseren Kunden die Möglichkeit bieten können, selbst die Aktualisierungen und Optimierungen vorzunehmen“, sagt Ropelt. Am ersten Tag auf der CES arbeitete er sich bereits durch drei Messehallen im Convention Center. Und zieht zufrieden, aber erschöpft, eine Zwischenbilanz. „Trotz guter Vorbereitung ist es quasi fast unmöglich, die ganzen Events zu besuchen und sich gleichzeitig die Produkte und Messestände der Aussteller anzusehen“, sagt Ropelt.

Als Einzelkämpfer ist im „Eureka Park“ etwa das Team von OneLife unterwegs. Das Mönchengladbacher Start-up ist eine Ausgründung des Lüftungsgeräteherstellers GetAir. Auf der CES stellt das Spin-Off einen Luftreiniger für Haushalte und Büroräume vor, der effizienter und leiser arbeiten soll als andere Produkte. Als wichtigsten Absatzmarkt hat OneLife China im Visier. „Deutsche Start-ups denken manchmal zu klein“, sagt Chef Christoph Burkhardt. „Wir wollen global auftreten, da ist das hier die richtige Bühne.“ Am Ende des ersten Messetages herrscht großes Gedränge vor dem Stand der Mönchengladbacher.

Award sorgt für Aufmerksamkeit

Das Münchener Start-up Blickfeld hat seinen Stand am nördlichsten Ende des Messegeländes mit auffälligen Glaswürfeln ausgestattet. Für noch mehr Aufmerksamkeit sorgte jedoch eine Auszeichnung: Das Lidar-Start-up, das auch in Deutschland bereits einige Preise einheimste, wurde mit einem „Innovation Award“ der Messe ausgezeichnet. Das Deeptech-Unternehmen arbeitet daran, die Sensoren, die für das autonome Fahren wichtig sind, massenmarktfähig zu machen. Auf dem Messestand wirft einer der Sensoren einen Blick durch die Halle und stellt Menschen und Zwischenwände als bunte Punkte da. Auf einer Bank simuliert ein weiterer Sensor eine Parkplatzsituation – setzt sich ein Standbesucher hin, wird der Platz als belegt angezeigt.

Mit sechs Personen ist das Team in diesem Jahr nach Las Vegas geflogen, knapp 40 Termine hat Gründer Florian Petit in seinem Kalender. „Es kommen so viele Leute aus der ganzen Welt hierher, aus Europa, den USA und auch Asien – da ist es uns wichtig, hier präsent zu sein.“ Zudem helfe der Messetermin im Januar, ist der Unternehmer überzeugt: „Ich habe den Eindruck, zum Jahresbeginn nehmen sich die Leute noch mal die Zeit, die Gedanken zu sortieren und zu schauen, was im Laufe des Jahres ansteht.“ Mit einigen Gesprächspartnern verlässt Petit auch die Messehallen – und dreht in einem Testfahrzeug einige Runden durch Las Vegas.

Das 2017 gegründete Start-up ist bereits zum dritten Mal auf der CES vertreten. Im ersten Jahr kamen die Gründer als Fachbesucher, im zweiten Jahr war das Start-up auf einem Gemeinschaftsstand, jetzt gibt es einen eigenen Auftritt. Deutschland habe einen guten Fundus an Ingenieuren und Technologie, sagt Petit, der selbst an der kalifornischen Stanford-Uni studierte. Aber im Silicon Valley und in weiten Teilen der USA werde Digitalisierung noch mal ganz anders gelebt. „Uns war von Anfang an wichtig, den Spagat zwischen den Welten hinzukriegen.“