Nach der neuen Finanzierungsrunde wächst die Hoffnung, dass aus dem Software-Start-up ein Weltkonzern wie SAP erwachsen kann.

Die Lufthansa hat mit ihrer Hilfe durch Verzögerungen bei der Abfertigung entstandene Verspätungen reduziert, Uber hat Ineffizienzen im Kundenservice beseitigt und Siemens spart nun Millionenbeträge durch Automatisierungen in der Buchhaltung: Es sind Kundenbeispiele wie diese, über sie bei Celonis am liebsten sprechen. Das Start-up bewirbt seine auf Prozessoptimierungen ausgelegte Software mehr und mehr als Allzweckwaffe.

„Als wir angefangen haben, hatten wir vier Anwendungsfälle vor Augen“, sagt Geschäftsführer Bastian Nominacher, der das Unternehmen 2011 zusammen mit Alexander Rinke und Martin Klenk gegründet hatte. „Mittlerweile sind wir bei über 400.“ Das Charmante aus Kundensicht: Die Software nutzt Daten, die ohnehin im Unternehmen anfallen, etwa in ERP-, Logistik- oder Kundenmanagementsystemen. Aus dem Daten-Wirrwarr schließt Celonis auf Prozesse im Unternehmen, bildet diese grafisch ab – und zeigt auf, an welchen Stellschrauben Manager für bessere Ergebnisse drehen sollten.

Das kommt an: Dutzende bekannte Großunternehmen – darunter viele US-Firmen – nutzen die Software inzwischen. Und Celonis selbst wächst rasant wie kaum ein anderes deutsches Start-up. Waren im Sommer vergangenen Jahres 400 Mitarbeiter für das Unternehmen tätig, sind es heute mehr als doppelt so viele. Im letzten Geschäftsjahr, das im Mai zu Ende ging, hat Celonis eigenen Angaben zufolge Aufträge im Wert von 100 Millionen Dollar eingeheimst.

Rasant gestiegener Firmenwert

Das Geschäft rund um das „Process Mining“, wie die Disziplin im Fachjargon genannt wird, ist lukrativ. Celonis gibt an, seit jeher einen positiven Cashflow zu haben. Dennoch nimmt das Start-up nun zum dritten Mal in großen Stil Wagniskapital auf. 290 Millionen Dollar schwer ist die aktuelle Finanzierungsrunde, teilte Celonis heute mit. Zugrunde liege eine Unternehmensbewertung von 2,5 Milliarden Dollar. „Für uns geht es nun auf das nächste Level“, sagt Nominacher. „Es gibt weltweit ein riesiges Interesse an unserer Technologie – dieses Momentum wollen wir nutzen.“

Aufsehen erregt hatte bereits die Finanzierungsrunde im vergangenen Jahr: Damals pumpten renommierten VC-Firmen Accel und 83North, die 2016 schon mit 27,5 Millionen Dollar bei den Münchener eingestiegenen waren – satte 50 Millionen Dollar in das Unternehmen. Seither gilt Celonis eines der wenigen deutschen „Einhörner“ – also einer der Start-ups, die aus Sicht der Geldgeber mehr als eine Milliarde Dollar wert sind.

Lead-Investor der aktuellen Finanzierungsrunde ist Arena Holdings, eine Investmentfirma des Hedgefonds-Managers Feroz Dewan. Weitere Neu-Investoren sind Ryan Smith und Tooey Courtemacher. Bei sind erfahrenere Softwareunternehmer in den USA. „Wir sind mit dem Setup sehr glücklich“, sagt Nominacher. „Uns ging es nie darum, möglichst viel Geld einzuwerben, sondern strategische Investoren zu finden, die uns weiterbringen.“ Der Gründer sieht sein Unternehmen in einer „Hyper-Growth“-Phase. So soll sich der Umsatz in diesem Geschäftsjahr in etwa verdoppeln.

Umzug in die Cloud

Ein Wachstumstreiber für Celonis ist ein Technologiewechsel: Musste die Software lange beim Kunden vor Ort installiert werden, ist nun die sofortige Nutzung über den Internetbrowser möglich. „Intelligent Business Cloud“ nennen die Münchener ihr vor einem Jahr gestartetes Produkt. Für kleine Unternehmen gibt es seit April sogar eine kostenlose Basisversion.

Zwar gilt Celonis als führend in seinem Geschäftsfeld. Doch auch andere Softwareunternehmen drängen in das Process Mining. Außer in den Ausbau des internationalen Vertriebs will das Start-up deswegen die frischen Finanzmittel in die technologische Weiterentwicklung der Plattform stecken. Dazu soll auch das Entwicklerteam in München noch einmal aufgestockt werden. Kein leichtes Unterfangen: „Angesichtes des Fachkräfteengpasses ist es eine wesentliche Herausforderung, passende Celonauten zu finden“, sagt Nominacher.

SAP-Managerin wechselt zu Celonis

Ausgebaut hatte das Gründertrio zuletzt auch das Managementteam. Ein prominenter Neuzugang ist Hala Zeine, seit September „Chief Product Officer“. Die Managerin hat zuvor bei SAP gearbeitet. Der Walldorfer Softwareriese, der ein wichtiger Vertriebspartner von Celonis ist, wird oft als Vorbild für die Münchener genannt: Viele Beobachter trauen den Gründern mittlerweile zu, aus ihrem Start-up einen neuen deutschen Softwareriesen zu formen.

Ein möglicher nächster Schritt auf diesem Weg ist ein Börsengang. Die Celonis-Gründer selbst hatten Mitte 2017 in einem WirtschaftsWoche-Interview gesagt, bis zum kommenden Jahr an der US-Technologiebörse Nasdaq notiert sein zu wollen. Inzwischen äußert sich Nominacher deutlich zurückhaltender. „Ein Börsengang ist nach wie vor eine interessante Option, aber wir haben keinen Druck, das kurzfristig umzusetzen.“