Das Berliner Start-up erleichtert es Unternehmen, ihre Abläufe zu automatisieren. Nach vielen selbstfinanzierten Jahren helfen Investoren jetzt, den Weg zu einem globalen Softwarehaus zu ebnen.

Im Vordergrund ist es nur ein digitales Formular, im Hintergrund digitale Schwerstarbeit: Wenn Kunden Verträge beantragen oder ihre Daten ändern, wollen sie das mit möglichst wenigen Klicks erledigen. Doch die neuen Informationen müssen häufig zwischen mehreren Datenbanken übertragen oder abgeglichen werden. In manchen Fällen finden parallel bereits automatisierte Kontrollen statt, ob die gewünschten Änderungen vom Unternehmen auch so akzeptiert werden – etwa bei Alters- oder Bonitätsprüfungen.

Camunda aus Berlin liefert Instrumente für diese IT-Aufgabe. Als eine Art Zwischenschicht sorgt das Programm nicht selbst dafür, dass die Routineschritte durchgeführt werden. Man sei „der Dirigent, der allen Bescheid sagt, wenn sie dran sind“, fasst es Gründer Jakob Freund (im Bild rechts) in einfachen Worten zusammen.

Technisch ist die Aufgabe deutlich komplexer: Zum einen muss die Software mit einer Vielzahl von anderen Programmen reibungslos interagieren. Zum anderen muss Camunda auch dann funktionieren, wenn zahlreiche Anfragen zur gleichen Zeit auftreten. Beispiel Deutsche Telekom: Mehr als 1000 verschiedene Bots, automatisierte Miniprogramme, hat der Konzern im Einsatz, um schneller Kundenanfragen zu bedienen. Die Plattform der Berliner hilft, zu den richtigen Zeitpunkten die richtigen Bots zu aktivieren, sagt Freund: „Unsere Software schwebt als eine Art Orchestrator drüber.“

Von der Beratung zum Software-Start-up

Zahlreiche Großunternehmen haben die Software des Unternehmens im Einsatz. Häufig sind es Telekommunikationsunternehmen und Banken mit großem Kundenstamm oder auch Versicherungen, die viele Routineaufgaben wie etwa Schadensprüfungen durchführen müssen. Das Interesse an der automatisierten Abwicklung von Prozessen steigt, weil viele Firmen eine digitale Transformation ausgerufen haben: „Alle haben Angst, dass Amazon oder andere Plattformen sie überholen“, sagt Freund, „Prozessautomatisierung ist ein Schlüsselelement, um dagegenhalten zu können.“

Angefangen haben Freund und sein Mitgründer Bernd Rücker dabei deutlich kleiner. 2008 gründeten die beiden eine Beratung für das sogenannte „Business Process Modelling and Notation“, das Prozessabläufe grafisch beschreibt. Aus der alltäglichen Arbeit entstand 2013 dann eine eigene Software. Die wurde als Open Source, also als öffentlich zugänglicher Programmiercode, bereitgestellt. Von vorneherein stellte Camunda jedoch bereits kostenpflichtige Zusatzelemente bereit.

Über 100 Millionen Euro Risikokapital in drei Jahren

Auf solch eine Strategie setzen zahlreiche Softwarefirmen: Kommt die kostenlose Variante gut an, arbeiten zahlreiche Programmierer weltweit mit der Anwendung und machen sie so zu einer Art Markstandard – Camunda verweist heute auf eine Gemeinschaft von fast 100.000 Entwicklern. Wenn Unternehmen dann auf dieses Programm setzen wollen, zahlen sie gerne für Einführung, Anpassung und Beratung. Ein Unterschied zu Software-Anbietern wie Celonis oder LeanIX: Camunda setzt immer noch überwiegend auf eine Lösung, die auf den Servern der Kunden installiert wird. Eine Cloud-Lösung ist neu im Angebot. Nach und nach wuchs das Start-up so bereits auf 100 Mitarbeiter.

Doch vor drei Jahren entschieden sich die Gründer, noch einmal mehr Gas zu geben. Dafür kamen zunächst 2018 die Investmentgesellschaft Highland Europe mit 25 Millionen Euro an Bord. Jetzt hat Camunda eine neue Finanzierungsrunde unter der Führung von Insight Partners abgeschlossen – und noch einmal gut 80 Millionen Euro eingesammelt. Damit gehört das in der breiten Öffentlichkeit eher unbekannte Unternehmen zu den wenigen deutschen Tech-Firmen, die in so kurzer Zeit solche Summen einsammeln konnten.

Globale Märkte und Bilder vom Mars

Die Investoren sollen vor allem dabei helfen, den Weg auf den internationalen Markt zu ebnen. Fünf der zehn größten US-Banken nutzen Camunda bereits, dazu der amerikanische Telekommunikationsanbieter AT&T, berichtet Freund stolz. Seit dem Einstieg der Geldgeber habe sich die Mitarbeiterzahl auf 300 verdreifacht – der Umsatz sei noch stärker gewachsen, berichtet Freund, der mit Rücker immer noch die Mehrheit an der Softwarefirma hält. Seine vorherigen Vorurteile gegenüber Risikokapitalgebern seien mittlerweile verschwunden: „Ich habe mehr und mehr verstanden, welchen Mehrwert die bieten können“, sagt Freund.

Ein halbes Dutzend Tochtergesellschaften hat Camunda bereits weltweit gegründet, etwa ein Drittel der Mitarbeiter sitzt in den USA. Dieses Wachstum soll sich fortsetzen. Neben den traditionellen Kundenbranchen freut sich Freund aber über Anwender aus ganz anderen Bereichen: Eine kostenlose Version der Software sei etwa bei der US-Raumfahrtbehörde NASA in einem ganz besonderen Einsatz, berichtet der Gründer. Das Programm baut aus den Daten, die der Marsrovers Perseverance an die Erde sendet, Bilder von der Oberfläche des Planeten.