Auf der Plattform können Anwendungen ohne Programmierkenntnisse erstellt werden. Nun steigt der renommierte US-Investor Accel ein.

Vorgänge wiederholen sich, vieles ist standardisiert – und meist gibt es eindeutige Regeln: Im Rechtswesen schlummert unbestritten ein großes Potenzial für Automatisierungen. Dass dennoch viele Prozesse weiterhin manuell ablaufen, hängt oft damit zusammen, dass Unternehmen das passende IT-Know-how fehlt. Und externe Softwareentwickler oder Agenturen zu beauftragen, kann sehr kostspielig werden.

Genau hier setzt Bryter an. Das Start-up hat eine Software-Plattform entwickelt, mit der andere Automatisierungs-Anwendungen für Entscheidungsprozesse und repetitive Aufgaben erstellen können – und zwar, ohne auch nur eine Zeile Code schreiben zu müssen. Stattdessen gibt es eine grafische Benutzeroberfläche, über die sich Module einfügen lassen und anpassen lassen. „Mit Bryter können Anwälte, regulatorische Entscheider in Unternehmen oder Berater Prozesse visualisieren und beliebig oft ablaufen lassen“, erklärt Mitgründer Michael Grupp.

Knapp 40 Unternehmenskunden

Die Anwendungen, die mit Hilfe des Baukastens entstehen, bilden Entscheidungsbäume digital ab. Für jede “Astgabel” wird definiert, was passieren soll, wenn eine Bedingung erfüllt ist. Das Ergebnis kann beispielsweise ein interaktiver Fragebogen für das Erstellen eines Vertrags sein: Abhängig von der Antwort eines Sachbearbeiters oder dem Wert in einer Datenbank könnte die Anwendung passende Textbausteine mit juristischen Klauseln einfügen. Weitere Beispiele sind rechtliche Prüfungen, Risikoanalysen oder die Schadenabwicklung bei einer Versicherung.

Unternehmen können Bryter entweder im eigenen Rechenzentrum installieren oder als Software-as-a-Service (SaaS) über den Webbrowser nutzen. Seit dem Marktstart Ende des vergangenen Jahres hat das Start-up knapp 40 Kunden gewonnen. Etwa ein Drittel seien Unternehmen wie die Großbank ING, die mit der Plattform die Automatisierung in Bereichen wie HR, Einkauf, Recht, Steuern und Compliance selbst vorantreiben. Der größere Teil der Kunden sind Beratungsunternehmen wie PwC Legal, Deloitte Legal oder Accenture sowie Großkanzleien wie Taylor Wessing oder Baker McKenzie. Laut Grupp erzielt das Start-up bereits einen siebenstelligen Umsatz.

5,4 Millionen Euro schwere Finanzierungsrunde

Mit Accel Partners hat Bryter nun auch einen prominenten Investor für sich gewonnen. Die US-Wagniskapitalfirma genießt einen exzellenten Ruf – und tritt erst langsam auch in Deutschland in Erscheinung. Zu den bisherigen Beteiligungen von Accel zählen etwa die Chatbot-Entwickler Rasa und der Prozess-Optimierer Celonis. „Als Investoren von mehreren der führenden Global Player in den Bereichen Automatisierung und SaaS haben wir das Potenzial von Bryter sofort erkannt“, kommentiert Accel-Investmentmanager Luca Bocchio.

Insgesamt hat das Start-up in der Finanzierungsrunde sechs Millionen Dollar (rund 5,4 Millionen Euro) eingesammelt. Beteiligt daran war auch die in London ansässige VC-Firma Notion Capital, der Mosaic-Ventures-Gründers Mike Chalfen und der Ex-Microsoft-Manager Chares Songhurst. Geld nachgeschossen hat zudem Cavalry Venture. Der Berliner Frühphaseninvestor war zusammen mit weiteren Geldgebern vor einem Jahr mit insgesamt 900.000 Euro bei Bryter eingestiegen.

Das frische Kapital will Grupp in erster Linie in die Weiterentwicklung der Plattform stecken. So stehen Team-Funktionen und neue Schnittstellen zu anderer Software auf der Agenda. Vertriebsseitig ist die weitere Internationalisierung ein Thema. So könnte im kommenden Jahr ein US-Standort eröffnet werden.

Maschinelles Lernen als Forschungsprojekt

Derzeit beschäftigt Bryter 50 Mitarbeiter. Ein Teil davon kommt von dem im Juni 2018 übernommen Start-up Lexalgo. Mitgründer des 2012 gegründeten Legal-Techs, das sich ebenfalls schon auf regalbasierte Software spezialisiert hatte, war Grupp. Daneben hatte der Anwalt 2013 die Recruiting-Plattform Thesius gegründet, die Anfang letzen Jahres an den Personaldienstleister Persona Service verkauft worden war.

Abseits des Tagesgeschäft tüftelt Bryter auch an Technologien aus dem Feld der Künstlichen Intelligenz (KI). Finanziert wird die Forschungsarbeit bei Bryter teils aus öffentlichen Mittel: Das Start-up hatte sich kürzlich einen 1,3 Millionen Euro schweren Zuschuss der Investitionsbank Berlin gesichert. Zwar werben schon jetzt viele Legal Techs mit KI – nach Einschätzung von Grupp ist das aber oft reines Marketing-Sprech. „Es ist extrem aufwendig, regulatorisches Wissen in eine maschinenlesbare Form geben“, sagt der Bryter-Gründer.

Grundlagenarbeit will in diesem Bereich will auch Rfrnz leisten. Das Münchener Start-up setzt auf maschinelles Lernen, um Computern ein Verständnis juristischer Texte beizubringen. Mit Hilfe der Software sollen Kanzleien oder Rechtsabteilungen von Unternehmen in einem ersten Schritt Verträge prüfen können. Einen anderen Ansatz verfolgt Legal OS: Die Gründer bauen in manueller Fleißarbeit eine Datenbank auf, um die Erstellung von Verträgen teilautomatisieren zu können.