Mit seiner Software bedient das Start-up die Trends zur Automatisierung und zur No-Code-Entwicklung. 55 Millionen Euro helfen jetzt vor allem bei der US-Expansion.

Ist eine Flasche Wein als kleines Geschenk unter Arbeitskollegen noch okay – oder schlägt die Compliance-Abteilung bereits Alarm? Statt einer Mail an die hochbezahlten und gut beschäftigten Rechtsexperten kann auch Software bei einer fundierten Einschätzung helfen: Das in Frankfurt gegründete Start-up Bryter bietet einen Baukasten an, mit dem Unternehmen unkompliziert kleine Programme bauen, die bei der Entscheidungsfindung in Routinefragen helfen.

Gestartet ist Bryter dabei 2018 mit einem klaren Fokus auf juristische Fragestellungen. Erste Kunden kamen aus Großkanzleien, dann folgten Consulting-Firmen und Compliance-Abteilungen. Doch das Kundenfeld erweitert sich: „Wir sehen gerade, dass immer mehr Leute, die nicht aus dem kernjuristischen Feld stammen, immer mehr Anwendungen mit unserer Software bauen“, sagt Bryter-Mitgründer Michael Grupp. Die Technologie an sich ermöglicht es, einfach Entscheidungsbäume zusammenzustellen. Der Inhalt ist aus Sicht der Software zweitrangig: Ob es nun um die Kontrolle eines freien Mitarbeiters auf Scheinselbstständigkeit geht oder um die Nachverfolgung eines Buchvorgangs.

Hohe Nachfrage nach No-Code-Anbietern

Damit bedient Bryter gleich zwei Trends: Zum einen ist das Start-up mit aktuell etwa 120 Mitarbeitern ein Teil der stark wachsenden No-Code-Bewegung. Dazu zählen auch junge Tech-Firmen wie Ninox oder Apiax oder die Siemens-Tochter Mendix. Die Idee: Wenn ein neues Programm benötigt wird, müssen nicht Entwickler bei Null beginnen – alle Software-Firmen bieten eine große Auswahl an Modulen an, die oft per Mausklick zusammengebaut werden können. „Für alle, die mit rechtlichen Regeln arbeiten, ist Bryter so etwas wie eine normale Office-Anwendung“, sagt Grupp.

Daneben bedient Bryter den Wunsch vieler Konzerne nach einem höheren Automatisierungsgrad. Auch wiederkehrende Aufgaben oder Fragen müssen häufig noch händisch bearbeitet werden. Software kann einige Schritte in diesen Prozessen übernehmen – davon profitieren auch Start-ups wie Levity oder Camunda. Bryter kommt beispielsweise auch beim Industriekonzern Gea zum Einsatz: Dort können Mitarbeiter rechtliche Nachfragen in das Chatprogramm Slack schreiben – im Hintergrund arbeitet die Software das Problem durch und schlägt eine Antwort vor.

Tiger Global hilft bei US-Expansion

Auch Bryter selbst beschleunigt nun die Prozesse. Erst im vergangenen Sommer hatte das Start-up 14 Millionen Euro eingesammelt. Nun stellen neuen und bestehende Investoren direkt 55 Millionen Euro bereit. Neu dazugekommen ist die US-Risikokapitalfirma Tiger Global mit Hauptsitz in New York. Mit einem kleinen Anteil haben sich auch erfahrene Software-Unternehmer wie Amit Agharwal von DataDog, der frühere Qlik-Chef Lars Björk, Seal-Software-Gründer Ulf Zetterberg und der ehemalige ServiceNow-Spitzenmanager James Fitzgerald beteiligt. „Die Chancen, in diesem Markt zu reüssieren, sind sehr groß“, lobt der verantwortliche Tiger-Global-Partner John Curtius das Tempo des Start-ups.

Insbesondere bei der US-Expansion soll das Kapital und das Know-how der Investoren helfen – seit Ende 2019 ist unter anderem auch Accel bei Bryter an Bord. Mit einer Niederlassung in New York bearbeitet das Start-up den amerikanischen Markt. Und hat bislang gute Erfahrungen gemacht: Viele Konzerne seien bereit, die häufig sechsstelligen Lizenzgebühren für Bryter zu bezahlen, sagt Gründer Grupp: „Die Firmen kaufen schneller, die Kunden sind größer – aber die Anforderungen sind überwiegend die gleichen wie in Europa“.